Kleiner Bub sitzt nachdenklich am Fenster © luxorphoto, stock.adobe.com
© luxorphoto, stock.adobe.com
1.12.2022

Teuerung, Armut und Reichtum

173. Hauptversammlung der Bundesarbeitskammer (BAK)

Im burgenländischen Bad Tatzmannsdorf tagte am 1.12.2022 die 173. Hauptversammlung der Bundesarbeitskammer. Die Hauptversammlung ist das höchste Gremium der Bundesarbeitskammer – der Dachorganisation der neun Arbeiterkammern. Schwerpunkt der Beratungen waren die enormen Teuerungen in vielen Lebensbereichen, die steigende Armut und die wachsende Kluft zwischen armen und reichen Menschen in Österreich.

Essen oder Heizen?

Auftakt der Hauptversammlung war ein Gespräch zum Thema „Arm wird ärmer – reich wird reicher. Das ist nicht unser Österreich.“ Im Interview mit Falter-Chefreporterin Nina Horaczek berichtete Klaus Schwertner (Caritas der Erzdiözese Wien), ein Großteil der Anfragen an die Caritas würde derzeit die Bereiche Wohnen, Mieten und Lebensmittel betreffen. 

„Viele Menschen wissen nicht, ob sie ihr Geld für Heizen oder Lebensmittel ausgeben sollen.“ Die Zahl der Hilfesuchenden steige, das stelle auch die Caritas vor Herausforderungen. Vor allem Alleinerziehende, kinderreiche Familien, und Mindestpensionist:innen würden sich an die Caritas wenden.

Schwertner: „In den vergangenen zweieinhalb Jahren, seit den Lockdowns, kommen Menschen aus Branchen zu uns, die sich davor nie an uns wenden mussten, vor allem aus Gastronomie und Hotellerie, aber auch Einzelunternehmer:innen.“

Arm trotz Arbeit

Arbeit mit guten Einkommen sei schon ein Schutz gegen Armut, aber die Anzahl der working poor, der Menschen, die arm trotz Arbeit seien, würde steigen. „Man übersieht, wie schnell es gehen kann, dass man in Armut abrutscht“, berichtet Schwerter. „Der Schritt, sich an die Caritas zu wenden, ist für viele ein großer, es machen sich viele Menschen nicht leicht zu uns zu kommen.“

Zur Frage, was gegen die steigende Armut getan werden könne, sagt Schwertner, die Maßnahmen der Bundesregierung und der Bundesländer würden die Menschen sehr wohl unterstützen. „Die Einmalzahlungen haben schon etwas abgefedert. Es wird auch nachhaltige Lösungen brauchen“, so Schwertner.

„Es ist gut, dass die Sozialleistungen valorisiert wurden, aber etwa bei der Kinderbeihilfe wurde der Wertverlust nicht abgedeckt, das sehen wir kritisch.“ In Zeiten multipler Krisen seien „Zuversicht und Zusammenhalt wichtig. Nur miteinander kommen wir durch die Krisen, nicht gegen einander.“

Die Caritas habe ihre Sozialberatungsstellen aufgestockt, um mehr Menschen unterstützen zu können und Lerncafes und Wärmestuben ausgebaut. Abschließend erklärt Schwertner, was Caritas und Arbeiterkammer beim Thema Armut verbinde: „Dass wir lästig bleiben – auch bei den politisch Verantwortlichen. Uns geht es vor allem darum, das untere Einkommensdrittel durch die Krise zu bringen. Dafür brauchen wir Lösungen, nicht aufgeheizte öffentliche Debatten.“

Anderl: Teuerung bekämpfen

Renate Anderl, Präsidentin der Bundesarbeitskammer, ging in ihrer Rede vor der heutigen Hauptversammlung der Bundesarbeitskammer (BAK) ebenfalls auf Teuerung und steigende Armut ein: „Wir haben mittlerweile eine zweistellige Inflation, die steigenden Preise machen den Menschen das Leben in sehr vielen Bereichen schwer:
Wohnen, Energie, Lebensmittel, Verkehr, Schulkosten, Nachmittagsbetreuung. Immer mehr Menschen sind von Armut betroffen, und es betrifft auch schon immer mehr die besser Verdienenden. Zugleich werden aber die Reichen immer reicher.“

Sozialstaat sichern und ausbauen

Anderl machte aus ihrem Unmut darüber kein Hehl: „Auf der einen Seite die steigende Armut, auf der anderen Seite dieser völlig nutzlose Reichtum – dieser nutzlose Reichtum muss sich jetzt endlich nützlich machen. Denn es nutzt ja niemandem, wenn irgendwo Millionen und Milliarden gebunkert sind.“ Das Geld sei dringend nötig, um den Sozialstaat zu sichern, zu verbessern und laufend auszubauen.

Ein Thema, wo das dringend nötig sei, sei die Pflege. Die EU habe Anfang September die Care Strategie präsentiert, es sei gut, dass das Thema endlich auf EU-Ebene diskutiert werde. Das sei auch deshalb dringlich, weil bis 2050 in der EU mehr als 1,6 Millionen neue Langzeitpflegekräfte hinzukommen müssten, damit die Langzeitpflege zumindest auf dem gleichen Niveau gehalten werden könne.

„Aber die Care Strategie geht nicht weit genug, größter Schönheitsfehler ist, dass es sich um unverbindliche Empfehlungen handelt und wesentliche Bereiche vor allem der Pflege nicht erfasst sind. Dabei wäre es so wichtig, klare Vorgaben zu machen – verbunden mit Sanktionen.“ In der Pflege seien viele Beschäftigte am Limit, würden die Branche verlasen, das mache alles noch schwieriger. „Bei der Pflegereform in Österreich sind erste Schritte gesetzt, aber wir sind noch lange nicht am Ziel.“

Die Hauptversammlung ist das höchste Gremium der Bundesarbeitskammer – der Dachorganisation der neun Arbeiterkammern. Die Hauptversammlung besteht aus den neun AK Präsident:innen und weiteren 58 Kammerrät:innen aus allen Bundesländern. Die Hauptversammlung den interessenpolitischen Kurs der Bundesarbeitskammer.

Kontakt

Das könnte Sie auch interessieren

Arbeitsuchende besser unterstützen

„In immer mehr Lebensbereichen schlagen massive Preissteigerungen voll durch“, so AK Präsidentin Renate Anderl im Zuge der Hauptversammlung.

  • © 2023 Bundesarbeitskammer | Prinz-Eugen-Straße 20-22 1040 Wien, +43 1 501 65

  • Impressum
  • Datenschutz