Jugendlicher sitzt vor Computer © Fabio, stock.adobe.com
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23.5.2022

Unternehmen investieren immer weniger in Weiterbildung

Österreichs Unternehmen investieren immer weniger in die Weiterbildung ihrer Beschäftigten. Ihr Anteil an der Finanzierung der Weiterbildung ging von 2009 bis 2018 von 41 auf 31 Prozent zurück. Der Anteil der Arbeitnehmer:innen an den Weiterbildungsausgaben stieg dagegen von 29 auf 42 Prozent. 

Und auch im internationalen Vergleich schneiden die Unternehmen in Österreich schlecht ab. Im Vergleich von fünf Ländern liegen sie mit ihren Ausgaben für Weiterbildung nur auf Platz vier. Das zeigt jetzt eine Studie des Instituts für Höhere Studien. 


Dazu Ilkim Erdost, Bereichsleiterin Bildung in der AK Wien: „Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Während der Bedarf nicht zuletzt durch die Digitalisierung und den ökologischen Umbau steigt und die Weiterbildungsbereitschaft der Beschäftigten so hoch ist wie noch nie, sind Unternehmen immer weniger bereit, in die Qualifikation ihrer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu investieren. Der chronische Fachkräftemangel, den manche Branchen regelmäßig beklagen, ist oft hausgemacht.“ 

Massiver Investitionsrückstau bei der betrieblichen Weiterbildung

Die Arbeiterkammer sieht einen massiven Investitionsrückstau der Unternehmen bei der Weiterbildung ihrer Beschäftigten. Obwohl, so Ilkim Erdost, die Bundesregierung den Unternehmen ein Geschenk nach dem anderen macht – von der Senkung ihres Beitrags zum Insolvenzentgeltfonds bis hin zur Senkung der Körperschaftssteuer, der Gewinnsteuer von Aktiengesellschaften und GmbH – investieren sie nicht ausreichend in die Weiterbildung ihrer Beschäftigten:

„Die Unternehmen und der Bund müssen ihre Ausgaben bei der Finanzierung von Weiterbildung erhöhen. Überfällig ist eine gezielte Steuerung durch den Arbeits- und Wirtschaftsminister.“ Derzeit werden öffentliche Mittel vor allem in Form von Arbeitsmarktservice-Mitteln eingesetzt. Diese Versicherungsleistung wird jedoch hauptsächlich für Arbeitssuchende eingesetzt. 

Konkret fordert die Arbeiterkammer einen Weiterbildungsfonds, in den die Firmen einzahlen sollen. Alle Arbeitnehmer:innen sollen zudem das Recht auf eine Woche Weiterbildung pro Jahr in der bezahlten Arbeitszeit bekommen. Und es soll ein Qualifizierungsgeld von monatlich 1.500 Euro für insgesamt drei Jahre Aus- und Weiterbildung geben.

Ausgaben für Weiterbildung: Arbeitnehmer:innen müssen selber zahlen

Die Entwicklung der Ausgaben für Weiterbildung zeigt eine dramatische Trendwende: Während die Unternehmen immer weniger in die Qualifikation ihrer Beschäftigten investieren, zahlen die Arbeitnehmer:innen immer mehr. Ihr Anteil liegt inzwischen an erster Stelle.

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Der Investitionsrückstau der Unternehmen bei der Finanzierung der Weiterbildung ihrer Beschäftigten hat sich in der Corona-Krise noch erhöht. Kurzarbeit wäre eine günstige Gelegenheit für verstärkte Weiterbildungsaktivitäten gewesen. Doch eine im Auftrag der Arbeiterkammer zwischen Juni 2020 und Jänner 2021 durchgeführte Erhebung ergab, dass nur eine/r von fünf Arbeitnehmer:innen, die im Jänner 2021 in Kurzarbeit waren, berufliche Weiterbildung machen konnte.

Internationaler Vergleich: Österreichs Unternehmen hinten

Ein kaufkraftbereinigter Vergleich der Investitionen in die Weiterbildung der Beschäftigten mit vier anderen Ländern zeigt außerdem: Österreichs Unternehmen sind im internationalen Vergleich hinten. Nur in Schottland ist der Finanzierungsanteil der Unternehmen an der Weiterbildung ihrer Beschäftigten noch niedriger als bei uns.

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Wenn Investitionen in Weiterbildung, dann für besser Qualifizierte

Gerade niedrig qualifizierte Arbeitnehmer:innen müssen ihre Weiterbildung oft selbst zahlen – eine doppelte Benachteiligung. Laut Untersuchung des Instituts für Höhere Studien bekommt nur ein Drittel derjenigen Weiterbildung, deren bisher höchster Bildungsabschluss die Pflichtschule ist (genau: 31,2 Prozent). Umgekehrt bekommen drei Viertel der Hochschul-AbsolventInnen Weiterbildung (74,9 Prozent). 

Hier ist es Aufgabe der öffentlichen Hand, ausgleichend einzugreifen. Doch der staatliche Anteil an Weiterbildung ist in Österreich mit 12 Prozent gering. Selbst die Weiterführung der staatlichen Finanzierung von Basisbildung und des Nachholens des Pflichtschulabschlusses („Initiative Erwachsenenbildung“) muss immer neu und auf niedrigem Niveau erkämpft werden. 

Die zuständigen Ressortminister sind in Zeiten des Fachkräftebedarfs dafür verantwortlich, gering Qualifizierten den notwendigen Anschluss am Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Durch Digitalisierung und Decarbonisierung und den damit verbundenen Qualifizierungsbedarf drohen manche Gruppen, am Arbeitsmarkt abgehängt zu werden.

Vor dem Hintergrund des geringen Anteils des Staatshaushalts an der Finanzierung von Weiterbildung bekommt der Anteil des Arbeitsmarktservice überragende Bedeutung – wobei das Arbeitsmarktservice zu gleichen Teilen aus Beiträgen der Arbeitnehmer:innen und Unternehmen finanziert wird. Der Haken dabei: Fast nur Arbeitslose und Arbeitssuchende können vom Arbeitsmarktservice eine Weiterbildung direkt bezahlt bekommen. Wer beschäftigt ist, hat kaum eine Unterstützung beim Weiterlernen. Und selbst im Fall der Arbeitslosigkeit steht die Vermittlung in einen Job an erster Stelle. Weiterbildung für Arbeitssuchende aus dem Handel oder Gastronomie gibt es nur sehr eingeschränkt, weil in diesen Branchen ständig offene Stellen zu besetzen sind.

Weiterlernen: So gibt es Chancen für alle

Der massive Investitionsrückstau der Unternehmen bei der Weiterbildung ihrer Beschäftigten rächt sich bereits. Unternehmen, die an der Weiterbildung sparen, sparen auch an der eigenen Zukunft. 

Der Arbeiterkammer ist es wichtig, dem Trend gegenzusteuern. Sie selbst macht viel, um die Weiterbildung der Arbeitnehmer:innen zu fördern – in Wien etwa mit dem 120-Euro-Bildungsgutschein, dem Digi-Bonus und dem Digi-Winner, mit dem die AK Weiterbildung im digitalen Bereich mit bis zu 5.000 Euro fördert. 

„Daran sollte sich die Wirtschaft ein Beispiel nehmen“, so Ilkim Erdost, Bereichsleiterin Bildung in der AK Wien. „Wer gut qualifiziertes und motiviertes Personal will, muss auch bereit sein, etwas dafür zu tun und in Aus- und Fortbildung ebenso wie in bessere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu investieren.“ 

Unsere Forderungen

  • Mehr Weiterbildungsausgaben der Unternehmen durch ein Fonds-Modell: Die Unternehmen sollen in einen Weiterbildungsfonds einzahlen. Allein 0,2 Prozent der Jahres-Bruttolohnsumme bringen 220 Millionen Euro pro Jahr. Arbeitnehmer:innen sollen daraus jährlich 500 Euro Förderung für ihre berufliche Weiterbildung in Anspruch nehmen können. Bis zu 440.000 Arbeitnehmer:innen könnten davon profitieren. 

  • Recht der Arbeitnehmer:innen auf eine Woche Weiterbildung pro Jahr in der bezahlten Arbeitszeit. Damit würde Österreich endlich die Resolution der Internationalen Arbeitsorganisation ILO aus dem Jahr 1974 für eine bezahlte Bildungsfreistellung umsetzen – mit fast 50 Jahren Verspätung. 

  • Qualifizierungsgeld für alle. Alle Arbeitnehmer:innen über 25 Jahren sollen das Recht auf monatlich 1.500 Euro für insgesamt drei Jahre Aus- und Weiterbildung im Lauf von 15 Jahren bekommen. Bezahlt werden soll das Qualifizierungsgeld aus dem Finanzierungstopf der Bundesregierung. Damit wird der Anteil der öffentlichen Hand an der Finanzierung der Weiterbildung deutlich erhöht. Insbesondere Menschen mit niedrigen und mittleren Qualifikationen sollen davon profitieren können.
Daten zur Studie
Stefan Vogtenhuber, Isabella Juen, Lorenz Lassnig: Finanzierung von Erwachsenen- und Weiterbildung in Österreich und in ausgewählten Vergleichsländern, Institut für Höhere Studien, Wien, Februar 2022
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