2.3.2020

Pflegeausbildungen: Steine aus dem Weg räumen

Die Herausforderungen in der Pflege sind vielfältig und akut: Bis 2030 werden in den Pflegeberufen 75.700 zusätzliche Menschen gebraucht. Ab heuer bis etwa 2023 bedeutet das rund 5.000 zusätzliche Pflegerinnen und Pfleger pro Jahr. In den folgenden Jahren werden es noch mehr sein. Das ist eine der großen Herausforderungen in diesem Land.

Zwei Aufgaben müssen rasch gelöst werden, damit in naher Zukunft ausreichend Menschen in den Pflegeberufen arbeiten wollen:

  • Gut ausgebaute Wege in die Pflege durch attraktive Ausbildungen und

  • attraktive Arbeitsbedingungen, damit die Wege nicht gleich wieder aus den Pflegeberufen hinausführen. 

„Die Bundesregierung hat eine ´Personaloffensive´ für die Pflege in ihr Regierungsprogramm aufgenommen – das ist gut und dringend nötig", sagt AK Präsidentin Renate Anderl. „In der konkreten Umsetzung, die bis dato offen ist, muss das auch in der Pflegeausbildung ansetzen. Und es müssen dabei auch jene gehört werden, die tagtäglich in dem Beruf tätig sind."

Zur Frage der Arbeitsbedingungen hat die Arbeiterkammer die Angehörigen der Gesundheitsberufe Ende 2018 gefragt, wo der Schuh drückt. Die Ergebnisse haben deutlich gezeigt, dass es eine Reihe von Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Eine besonders effektive Stellschraube für Zufriedenheit im Gesundheitsberuf ist die regelmäßige Einhaltung der vereinbarten Arbeitszeit. Laufende Mehrarbeit muss durch höheren Personaleinsatz eingedämmt werden. Nur so kann das Gesundheitspersonal den Arbeitsalltag in den Gesundheitsberufen bewältigen. Diese Umfrage hat die AK im vergangenen Jahr vorgestellt.

Die aktuelle Umfrage heißt „Wege in die Pflege" und zeigt aus der Sicht der Pflege- und Sozialbetreuungsberufe, wie Ausbildungen organisiert sein sollen und welche Rahmenbedingungen es für das Erlernen dieser Berufe braucht. Mehr als 6.000 Menschen aus ganz Österreich, die in Pflege- und Sozialbetreuungsberufen arbeiten oder sich gerade in der Ausbildung zu einem solchen befinden, haben sich an der Online-Umfrage beteiligt und ihre Einschätzung eingebracht.

Generell wurde jede abgefragte Maßnahme begrüßt, die den Personalmangel in der Pflege lindern könnte. Trotzdem fallen die Einschätzungen unterschiedlich aus.

Neue Ausbildungswege

Der gehobene Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege wird auf Fachhochschulniveau ausgebildet, die Ausbildungen an den Gesundheits- und Krankenpflegeschulen laufen bis 2024 aus. Doch wie sieht es mit den Pflegeassistenzberufen aus, die ebenfalls von großer Bedeutung sind? Abgefragt wurden vier Maßnahmen:

  • Ausbau von berufsbildenden höheren Schulen (BHS) für Pflege- bzw. Sozialbetreuungsberufe, die mit Matura und Pflegefachassistenz bzw. Diplomsozialbetreuung abschließen

  • Berufsbildende mittlere Schulen (BMS), die mit Pflegeassistenz abschließen

  • Einführung eines Vorbereitungsjahrs zu einer regulären Ausbildung nach der Pflichtschule ab 15 Jahren

  • Pflegelehre zur Pflegeassistenz

Die höchste Zustimmung der Befragten erreichte das BHS-Modell, das derzeit in ganz Österreich bereits als Schulversuch umgesetzt wird. Insbesondere junge Menschen, die aktuell gerade einen Pflege- bzw. Sozialbetreuungsberuf erlernen sprechen einer höheren Schule mit Matura großes Potenzial zu, ältere Befragte waren skeptischer. Damit zeigt sich aber: Das BHS-Modell kommt bei der Zielgruppe junger Menschen besonders gut an und die aktuelle Ausrollung von BHS-Ausbildungen geht für sie in die richtige Richtung.

Die Pflegelehre bekam am wenigsten Zustimmung, am häufigsten wurde sie von Pflegeassistenzen in der Langzeitpflege als Option in Betracht gezogen. Je höher qualifiziert die Befragten waren, desto seltener wurde sie als hilfreicher Ausbildungsweg gesehen und deutlich mehr als ein Viertel bewertete sie als „nicht hilfreich".

Grafik © AK Wien

Besonders wichtig ist im Zusammenhang mit der Ausbildung junger Menschen das Mindestalter, ab dem die praktische Pflege beginnen kann. Hier gibt es eine klare Position der Befragten: Über drei Viertel (78 Prozent) halten zumindest das derzeitige gesetzliche Mindestalter von 17 Jahren für erforderlich. Fast die Hälfte tritt sogar für ein höheres Mindestalter von 18 Jahren oder mehr ein.

Grafik © AK Wien

Durchlässigkeit der Pflegeausbildungen

Dem gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege stehen mit einem Bachelor-Abschluss an der Fachhochschule vielfältige berufliche Entwicklungsmöglichkeiten offen. Aber auch Pflegeassistenzen, Pflegefachassistenzen und SozialbetreuerInnen brauchen Karriereperspektiven. Deshalb wurden zwei Maßnahmen zur verbesserten Durchlässigkeit abgefragt:

  • Berufsbegleitende Ausbildung zum Bachelor Gesundheits- und Krankenpflege an der Fachhochschule (Teilzeit-Ausbildungen sind derzeit nur für GuKP-Schulen vorgesehen)

  • Verkürzte Ausbildung zum Bachelor Gesundheits- und Krankenpflege für PA und PFA an den Fachhochschulen

Mehr als drei Viertel der Befragten (76 Prozent) halten berufsbegleitende FH-Studiengänge für hilfreich. Besonders Berufsangehörige in der Altersgruppe zwischen 30 bis 39 Jahren befürworten berufsgleitende Studienmöglichkeiten. Es dürfte jene Altersgruppe sein, in der über ein Pflegestudium am intensivsten nachgedacht wird. Das ist ein klarer Auftrag an die Hochschulen.

Ein verkürztes Bachelor-Studium für Pflegeassistenz- und Sozialbetreuungsberufe stieß bei fast zwei Drittel (65 Prozent) auf Zustimmung. Angehörige der Pflegeassistenzberufe und SozialbetreuerInnen fanden eine verkürzte Bachelor-Ausbildung besonders hilfreich. Für sie würde sich die Durchlässigkeit zur Höherqualifikation erhöhen.

Grafik © AK Wien

Finanzielle Absicherung für Menschen in Pflegeausbildungen

Ausbildungen müssen finanzierbar sein. Für manche Ausbildungen – insbesondere FH-Studiengänge – muss man einiges bezahlen. Dazu kommt noch der Lebensunterhalt, d.h. Kosten für Wohnung, Essen, Kleidung usw. Ohne entsprechende Unterstützung können die Ausbildungskosten massive Zugangshürden zu einer Pflege- oder Sozialbetreuungsqualifikation sein. Deshalb wollte die AK die Einschätzung der Berufsangehörigen zu folgenden Maßnahmen wissen:

  • Verpflichtende Praktikumsgelder für SchülerInnen der Gesundheits- und Krankenpflegeschulen
     
  • Ausbau des Fachkräftestipendiums oder anderer Maßnahmen zur Sicherung des Lebensunterhalts für Wieder- und QuereinsteigerInnen, die eine Ausbildung zur PFA machen wollen

  • Abschaffung von Studiengebühren für Studierende an einer Fachhochschule

  • Verpflichtende Praktikumsgelder für Studierende an einer Fachhochschule

  • Ausweitung des Selbsterhalterstipendiums auch für Studierende eines Gesundheitsberufs, die älter als 35 Jahre sind (derzeit mit 35 Jahren begrenzt)

Alle Maßnahmen, die zur finanziellen Absicherung während einer Ausbildung zu einem Pflege- oder Sozialbetreuungsberuf beitragen, wurden von den Befragten zu einem sehr hohen Ausmaß als hilfreich angesehen. Befragte, die sich gerade selbst in einer Ausbildung befanden, schätzen die Bedeutung der finanziellen Absicherung noch höher ein als jene, die bereits im Beruf stehen.

Verpflichtende Praktikumsentgelte und massive Ausweitung von Stipendiensystemen sind aus Sicht der Berufsangehörigen für die Attraktivität der Ausbildungen unumgänglich.

Lediglich die Abschaffung von Studiengebühren wird differenzierter gesehen, auch wenn fast drei Viertel dies als hilfreich einschätzen.

Grafik © AK Wien

Pflegeausbildungen: Steine aus dem Weg räumen

„Derzeit sind die Wege in Pflegeberufe für viele Menschen unwegsam und steinig. Viel zu viele biegen davor oder während der Ausbildungen in andere Branchen ab", sagt AK Präsidentin Renate Anderl. „Es wird Zeit, die Steine aus dem Weg zu räumen, damit mehr Menschen in diesen gesellschaftlich so wichtigen Berufen arbeiten wollen."

2016 wurde die Ausbildung für diplomierte Gesundheits- und KrankenpflegerInnen auf das Fachhochschulniveau gebracht. Das war ein wichtiger und guter Schritt. Doch das war nur ein kleiner erster Schritt auf dem Weg zu einem attraktiven Ausbildungssystem. Noch ist viel zu tun, um jungen Menschen ebenso interessante Angebote machen zu können, wie Quer- und WiedereinsteigerInnen oder ArbeitnehmerInnen in den Pflegeassistenzberufen, die sich weiterentwickeln wollen.

Die Liste der erforderlichen Maßnahmen ist lang: 

  • Verstärkter Ausbau der höheren Lehranstalten für Pflege- und Sozialbetreuungsberufe, die aktuell in Österreich etabliert werden. Der Ministerrat hat am 15.Jänner.2020 einen Schulversuch mit österreichweit 150 SchülerInnen pro Jahr beschlossen. Das ist sehr zu begrüßen, aber eindeutig zu wenig. Die Umfrageergebnisse zeigen, dass gerade junge Menschen dieses Ausbildungsangebot sehr interessant finden.

  • Die Pflegelehre scheint hingegen angesichts der Befragung nicht der größte Herzenswunsch der Berufsangehörigen zu sein. Dazu kommt, dass auch fast zwei Drittel aller Personen, die eine Pflegelehre als hilfreich einschätzen (64 Prozent), zumindest das aktuelle gesetzliche Mindestalter von 17 Jahren für den Beginn der praktischen Pflegeausbildung für erforderlich halten – mehr als ein Drittel wäre sogar für eine Anhebung auf 18 Jahre.

Der Ausbau der finanziellen Absicherung für die Pflegeausbildung ist unumgänglich. Wir fordern ein entsprechendes Maßnahmenpaket:

  • Massiver und unbefristeter Ausbau des Fachkräftestipendiums und mehr Mittel für aktive Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung stellen. Denn man muss während der Ausbildung auch gut leben können.

  • Selbsterhalterstipendium nicht mit dem 35. Lebensjahr begrenzen, damit auch WiedereinsteigerInnen der Bildungsweg Richtung Fachhochschulen und Universitäten offensteht.

  • Jobgarantie „Chance 45": Schaffung dauerhaft öffentlich geförderter zusätzlicher Arbeitsplätze auf kommunaler Ebene bzw. in für Kommunen tätigen gemeinnützigen Unternehmen zur Unterstützung pflegender Angehöriger und zur Betreuung älterer BürgerInnen.

  • Studiengebühren für FH Gesundheitsberufe abschaffen, um den Ein- und Umstieg in eine Ausbildung zu attraktiveren.

  • Existenzsichernde Absicherung: Angesichts konkurrierender Ausbildungsangebote, wie etwa die Polizeiausbildung, bei der man im ersten Ausbildungsjahr brutto 1.690,- Euro1 verdient (Stand 2019), muss auch an der finanziellen Schraube gedreht werden.

  • Und nicht zuletzt muss der Zugang zur Bachelor-Ausbildung an der FH deutlich durchlässiger werden als bisher. Dazu braucht es Angebote für berufsbegleitende Ausbildung zum Bachelor Gesundheits- und Krankenpflege an der Fachhochschule und eine verkürzte Ausbildung zum Bachelor Gesundheits- und Krankenpflege für Pflegeassistenz und Pflegefachassistenz.