22.5.2020

Lehrstellenlücke fast dreimal größer als bisher offiziell angenommen

„Der Bund muss ein Maßnahmenpaket schnüren, damit die Jungen trotz Corona-Krise einen Lehrplatz bekommen“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. Die offizielle Zahl von derzeit 8.400 Lehrstellensuchenden wäre schlimm genug. Tatsächlich suchen 23.000 Jugendliche eine Lehrstelle in einem Betrieb – fast dreimal so viele wie offiziell, zeigt die Auswertung der aktuellen Zahlen des Arbeitsmarktservice durch die AK ExpertInnen. 

Anderl: „Der Bund muss ausreichend Budget für genügend überbetriebliche Ausbildungsplätze garantieren. Und alle von der Krise betroffenen Firmen sollen auch für ihre Lehrlinge Kurzarbeit beantragen.“

23.000 Jugendliche suchen eine Lehrstelle in einem Betrieb

Die Zahlen im Detail: Anfang Mai waren 8.366 Jugendliche als sofort lehrstellsuchend gemeldet, dazu kommen 4.339 in Schulungen des Arbeitsmarktservice und 10.063 in der vom Bund und den Ländern finanzierten überbetrieblichen Ausbildung – in Summe 22.768.

Unternehmer meldeten in der Corona-Krise nur 4.600 offene Plätze

Sie alle suchen eine Lehrstelle in einem Betrieb, aber die Unternehmer meldeten nur 4.561 offene Lehrstellen. Das ergibt eine Lehrstellenlücke von 18.207 Ausbildungsplätzen, die in den Betrieben fehlen. So riesig war die Lehrstellenlücke seit 2010 nicht mehr.

Besonders dramatisch: Erst unlängst hat der Bund die Träger der überbetrieblichen Ausbildung verpflichtet, ihre Lehrlinge schnellstens in einen Betrieb zu vermitteln. „Aber wie soll das gehen?“, fragt AK Präsidentin Renate Anderl. In der Arbeiterkammer meldeten sich in den letzten Wochen immer wieder verzweifelte Familien. Ihr Kind hat die Lehrstelle wieder verloren, wurde etwa zur einvernehmlichen Lösung des Lehrvertrags gedrängt.

Regierung muss eingreifen

„Die Pflicht, überbetriebliche Lehrlinge unbedingt in einen Betrieb zu vermitteln, muss zumindest während der Corona-Krise und der danach drohenden Wirtschaftskrise gelockert werden“, fordert Renate Anderl. Zusätzlich muss ausreichend Budget für genügend überbetriebliche Ausbildungsplätze garantiert werden. Und bei staatlichen Hilfspaketen für Unternehmen soll berücksichtigt werden, ob betroffene Firmen Lehrlinge ausbilden.

Gleichzeitig appelliert die AK Präsidentin an alle von der Krise betroffenen Firmen: Statt Lehrverhältnisse zu lösen, sollen sie ihre Lehrlinge in die Kurzarbeit mitnehmen. Dass das geht, haben Arbeiterkammer und Gewerkschaftsbund mit der Wirtschaftskammer ausverhandelt, und der Nationalrat hat es beschlossen.

Renate Anderl: „Jetzt dürfen Bund und Unternehmer keine Jugendliche und keinen Jugendlichen auf der Straße stehen lassen, auch im eigenen Interesse. Nach der Krise muss unsere Wirtschaft mit gut ausgebildeten Fachkräften durchstarten können.“