Schüler macht Hausaufgabe am Laptop © Fabio Principe, stock.adobe.com
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5.2.2021

Bildung und Wohlergehen für Kinder und Jugendliche

Insgesamt waren die Schulen österreichweit 15 Wochen im Lockdown, weitere 7 Wochen im Schichtbetrieb, Lernen fand daher überwiegend Zuhause statt. BerufsschülerInnen und SchülerInnen der BMHS und AHS Oberstufe waren und sind besonders gefordert: Sie sind bis zum heutigen Tag bereits 20 Wochen im Distance-Learning. Viele Familien mussten auch Quarantänezeiten bewältigen, das hat das Distance-Learning um weitere Wochen verlängert.

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Bildungsgerechtigkeit locked-down

AutorIn: Philipp Schnell


In diesen vielen Wochen wichen KlassenfreundInnen den Geschwistern und Eltern, der Schultisch und die gewohnte Lernumgebung dem Esstisch – mitunter in beengten Wohnungen. Die Herausforderung, Lernen zu Hause zu organisieren, ist seit dem Frühjahr bis heute sehr groß, wenn auch seit Herbst der Schulbetrieb mittels Distance-Learning deutlich besser von Seiten der Schulen organisiert wurde. Seither stagniert die Entwicklung des Schulbetriebs in der Pandemie auf Kosten aller Beteiligten: SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen.

Das Repertoire zur Bekämpfung der Pandemie scheint sich weitgehend auf das Auf- und Zusperren von Schulen zu beschränken. Doch so sinnvoll kurzfristig das Einrichten des Distance-Learning war, es dauert zu lange an. Für das kommende Schulsemester ist weder Normalbetrieb noch Distance-Learning zielführend. Ein sicherer Schulbetrieb entlang der Bedürfnisse von Kinder und Jugendliche muss oberste Priorität für den Schulbetrieb sein. 

Bildungskluft wird immer deutlicher

„Im Herbst habe ich mir große Sorgen um die Bildungslücke der Kinder gemacht. Jetzt kommt noch die Sorge um ihre psychische Gesundheit hinzu“, kritisiert AK Präsidentin Renate Anderl die chaotische Situation. „Die Bildungskluft wird immer deutlicher: Kinder von Eltern, die helfen können, schaffen den Stoff eher andere nicht. So eine Schule will ich nicht.“

Hinzu kommt der Druck, der auf den Eltern lastet: „Eltern sollen einerseits im Homeoffice arbeiten und werden noch dazu angehalten, die Kinder nicht in die Kindergärten und Schulen zu schicken. Was sollen Eltern denn noch alles schultern? Sie sollen arbeiten, aber möglichst daheim, sie sollen daheim außerdem die Kinder betreuen, unterrichten, bekochen – das geht sich alles nicht aus, das ist eine völlig lebensfremde Zumutung. Der Bildungsminister ist seit Monaten säumig, Konzepte vorzulegen. Eltern brauchen klare Regelungen, WIE Schule jetzt funktioniert, nicht OB.“ 

Durch die lang andauernde Distanz zu Gleichaltrigen und das Fehlen von außerfamiliärem Alltag zeigen sich nun schwerwiegende Folgen. Immer mehr Kinder und Jugendliche leider unter den psychisch-emotionalen Belastungen. 

Viel größeres Augenmerk als bisher muss auf Berufsschulen liegen. „Ich habe den Eindruck, dass die Bundesregierung die Lehrlinge, die Berufsschulen überhaupt nicht auf dem Radar hat, SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern in diesem Bereich werden völlig alleine gelassen“, kritisiert Anderl. „Das betrifft sowohl die Infrastruktur für das Distance-Learning, als auch die Teilhabe an Testungen.“

Großer Druck auf Eltern  

Viele Beispiele aus der Praxis zeigen, wie unvorbereitet und chaotisch LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen der COVID-Situation in Schulen ausgesetzt sind, berichtet Karl Dwulit, Vorsitzender des Wiener Landeselternverbandes.  

  • „Mein Kind geht regelmäßig in die Betreuung. Dort werden aber nicht die Unterlagen aus dem Home-Schooling bearbeitet. Die Kinder sitzen mit einem Tablet oder ähnlichem den ganzen Tag in der Klasse und müssen sich selbst beschäftigen. Die Unterlagen müssen wir dann zu Hause erledigen“.  

  • „Die Arbeitsmaterialien für zu Hause werden über SchoolFox verschickt. Ich habe aber keinen Drucker zu Hause. Was soll ich machen?“ 

  • „Unser Kind hat im Distance-Learning viel mehr Aufgaben als im Präsenzunterricht zu erledigen. Wir bekommen sogar am Sonntag Arbeitsaufträge übermittelt.“ 

Aber auch Unklarheiten über die Betreuungsmöglichkeiten zeigen sich deutlich, berichtet Karl Dwulit. Briefe, die von verzweifelten DirektorInnen an Eltern geschickt werden, belegen diese Aussagen. 

  • „Mir wurde gesagt, dass nur Kinder von Eltern, die in der kritischen Infrastruktur arbeiten, ihre Kinder in die Schule schicken dürfen.“ 

  • „Unsere Schulleitung erlaubt Betreuung nur im Notfall und machte aber deutlich, dass es ihr dabei um jene Eltern gehe, "wo beide nicht arbeiten und zu Hause sind". Sie könne das im System sehen. (…) Sie sagte mir, die Eltern sollten froh sein, dass sie noch niemanden weggeschickt habe und nicht hinter diesen Eltern her telefonieren würde, wie andere Direktoren es täten.“ 

  • „Wir werden immer wieder von den LehrerInnen auch schriftlich darum gebeten, unser Kind nur „wenn unbedingt notwendig“ in die Betreuung zu schicken, da schon zu viele Kinder in der Schule sind. Dieser emotionale Druck ist extrem hoch und wir haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir unser Kind dann doch anmelden.“ 

  • „In der Klasse meines Kindes gehen fast alle Kinder in die Betreuung. Daher gibt es kaum Distance-Learning Einheiten, weil die LehrerInnen mit der Betreuung der SchülerInnen beschäftigt sind. Ich habe Angst, dass mein Kind den schulischen Anschluss verliert. Soll ich es auch in die Betreuung schicken?“ 

„Ein Kind großzuziehen ist die verantwortungsvollste Aufgabe, die es überhaupt gibt“, sagt Anderl. „Das macht man nicht so nebenbei, nicht umsonst gibt es von Kinderkrippen über Kindergärten bis zu unterschiedlichen Schulmodellen ein breit gefächertes Unterstützungsangebot für Eltern. Dieses System krisenfest zu machen muss genau so wichtig sein wie die Betriebe mit zahllosen Hilfspaketen zu unterstützen. Dieses Signal vermisse ich allerdings seit Monaten – was sollen junge Menschen da von Politik erwarten?“

Bildungslockdown hat schwerwiegende psychische Folgen 

„Wir sehen heute bei jungen Menschen eine deutliche Zuspitzung der akuten psychosozialen Notfälle und der psychischen Belastungen. Kinder und Jugendliche befinden sich vermehrt in schwerwiegenden depressiven Krisen, auch Suizidalität und Essstörungen steigen an. Unter Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen ist die Öffnung von Schulen aus psychosozialer Sicht ein wichtiger Schritt, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken.

Darüber hinaus müssen wir aber auch bundesweit alles dafür tun, um die Behandlungsplätze für Kinder und Jugendliche in psychosozialen Notlagen auszubauen. Jeder junge Mensch in einer solchen Situation verdient österreichweit die beste Unterstützung – das ist derzeit noch nicht der Fall“, sagt Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien. 

Schülerinnen und Schüler der Oberstufe sind seit Oktober fast durchgehend zu Hause. Ihnen fehlen soziale Kontakte und klare Perspektiven. Isolation und Einsamkeit führen bei vielen jungen Menschen zu Antriebslosigkeit, Erschöpfung und depressiven Situationen. Zudem steigen Suizidalität und Essstörungen an. Die Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie berichtet, dass diese Erkrankungen österreichweit im klinischen Kontext ansteigen. Umso wichtiger ist es, die ausreichende Finanzierung und den Ausbau der Behandlungsplätze für Kinder und Jugendliche in psychosozialen Notsituationen bundesweit zu gewährleisten. 

Die sichere Öffnung der Schulen ist aber nicht nur für Schülerinnen und Schüler ein zentraler Schritt zur psychosozialen Entlastung. Denn auch Erziehungsberechtigte sind mit enormem Druck konfrontiert und erleben durch die Verbindung von Homeoffice und Homeschooling starke Belastungen. Zusätzliche Faktoren, wie beengter Wohnraum, finanzielle Schwierigkeiten oder technische Defizite, machen die Situation noch schwieriger.

Bereits nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 zeigte die Wiener Vorreiter-Studie, dass sich die psychische Gesundheit besonders bei jenen Wienerinnen und Wienern verschlechtert hat, die von sozioökonomischer Ungleichheit betroffen sind. 

Aus psychosozialer Sicht ist die Öffnung der Schulen unter Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen ein wichtiger Schritt um der Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken. Außerdem braucht es eine klare, ehrliche Kommunikation und Planungssicherheit, die dazu beiträgt, den Druck auf junge Menschen und ihre Familien zu verringern. 

Unsere Forderungen

  • Alle Kinder müssen am Unterricht teilnehmen
    Für die kommenden Schulmonate muss Unterricht verlässlich für alle Kinder möglich sein, egal ob im Distance Learning oder im Präsenzunterricht. Schulen dürfen nicht wieder ohne Not in den Lockdown-Modus gehen, und Kinder, die die Schulen aufsuchen, dürfen in keiner Weise ausgeschlossen oder benachteiligt werden. Wenn sich Kinder in Schulen aufhalten, dann muss garantiert sein, das sie am Unterricht teilnehmen können – auch im Fall von Distance Learning. Dafür muss der Bildungsminister ganz klare Vorgaben machen.

  • Sichere Schulen
    Möglich wäre etwa Schichtbetrieb in Kleingruppen für ältere SchülerInnen, weiters wäre es möglich, anstelle des herkömmlichen Stundenplans auf geblockten Fächerunterricht oder Projektunterricht zu wechseln, LehrerInnen könnten so einer Klasse zugeteilt werden anstatt stündlich vielen verschiedenen Kontakten ausgesetzt zu sein. Begleitet sollte der Schulbetrieb mit einer guten Teststrategie werden, die bisher gut angelaufen ist.

  • Unterstützung und Wohlbefinden statt Lerndruck
    So sehr uns die Lernrückstände Sorgen machen, das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen muss Vorrang haben. Tests, Schularbeiten und anderes muss hintenangestellt werden, inhaltliche Schwerpunktsetzungen und Priorisierungen sollten für das kommende Schulsemester vorgenommen werden.

  • Hilfe in schwierigen Situationen
    Jeder junge Mensch verdient die beste Unterstützung – gerade bei psychischen Problemen. Derzeit ist das aber noch nicht der Fall. Die ausreichende Finanzierung und der Ausbau der Behandlungsplätze für Kinder und Jugendliche in psychosozialen Notsituationen muss bundesweit sichergestellt werden.

  • Chancenindex rasch umsetzen
    Das im Regierungsübereinkommen vereinbarte Pilotprojekt, bei dem 100 Schulen mit besonderen Herausforderungen zusätzliche Mittel erhalten sollen, um mehr LehrerInnen, FreizeitpädagogInnen und SozialarbeiterInnen an den Schulstandorten einsetzen zu können, muss nun rasch umgesetzt und auf mindestens 500 Schulen aufgestockt werden. In den kommenden Jahren soll die Schulentwicklung vorangetrieben werden und der AK-Chancenindex umgesetzt werden, nur so wird Schule zukünftig krisenfit sein.

  • Verlässlichkeit und Planbarkeit
    Für die Akzeptanz und die Bewältigung der COVID-Maßnahmen ist die Verlässlichkeit und Planbarkeit für Schulen wie Familien entscheidend. Die Maßnahmen müssen abhängig von dem Pandemiegeschehen in Szenarien geplant und anhand transparenter Kriterien getroffen und umgesetzt werden. Die kurzfristige Kommunikation neuer Maßnahmen senkt das Vertrauen und erhöht den Druck auf Familien wie Schulen. Diese zusätzliche Belastung durch kurzfristige Planung und Kommunikation sind vermeidbar.

  • Recht auf andere Kinder und Jugendliche
    In der COVID-Krise muss es für Kinder und Jugendliche besondere Regeln geben, die sie einhalten können und die nicht auf Kosten ihrer psychisch-emotionalen Gesundheit gehen. In jeder Phase der Pandemie muss gewährleistet sein, dass Kinder und Jugendliche Kontakt zu anderen Kindern und Jugendlichen haben, das gemeinsame Spielen und Austauschen ist für die Bewältigung essentiell. 

  • Finanzielle Entlastung für Familien
    Durch Schulschließungen im Frühjahr und Herbst/Winter kam und kommt es zu finanziellen Mehrbelastungen. Familien mussten von heute auf morgen Laptops und Drucker kaufen und ihre Internetverbindung aufstocken. Die AK verlangt daher Entlastung: 200 Euro Bonus zur Familienbeihilfe pro Schulkind (ca. 240 Mio. Euro) sowie eine einmalige Bonuszahlung für alle, die SchülerInnenbeihilfe beziehen und Entlastungen bei gestiegenem Datenverbrauch. Zusätzlich braucht es Antragswege für Familien mit Schulkindern, die aus der Familienbeihilfe herausfallen, z.B. subsidiär Schutzberechtigte.

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