26.08.2021

Schulkostenstudie: Familien zahlen in der Corona-Krise drauf

Angesichts des bevorstehenden Schulbeginns appelliert die Arbeiterkammer, Familien dringend zu entlasten und das kommende Schuljahr endlich solide zu planen. Aus der AK-Schulkostenstudie, einer Dauerbefragung von knapp 3.000 Eltern mit mehr als 4.300 Kindern durch das For­sch­ungs­institut SORA, geht ganz klar hervor, dass Bildung zwar auf dem Papier, aber nicht in der Realität kostenfrei ist. Hohe finanzielle Belastungen für Familien mit geringem Ein­kommen machen es vielen Kindern schwer, ein höheres Bild­ungs­niveau zu erreichen.

Die vielen Wochen des Lockdowns, die Planungsunsicherheit und die Schließungen der Schulen haben diese Situation nochmals verstärkt und die Familien zu­sätzlich stark belastet. Dazu zählen psychisch-emotionale Be­last­ungen bei Kindern und Eltern genauso wie hohe fin­anz­ielle Mehraufwände, etwa aufgrund von Anschaffungen von Laptops für das Distance-Learning. Der Bildungserfolg von Kindern hängt in hohem Maß immer noch vom Geldbörserl der Eltern ab.

Für einen guten Schulerfolg ist entscheidend, ob Eltern über ausreichend Zeit, Bildung und Geld verfügen. Haben Eltern viel davon, kann dem eigenen Kind eine erfolgreiche Schul­lauf­bahn ermöglicht werden, andere Kinder ohne diese Ressourcen sind leider deutlich im Nachteil. Die Schulen waren schon vor der COVID-Krise nicht so organisiert und aufgestellt um jedem Kind einen Bildungserfolg zu ermöglichen. Die COVID-Krise verschärft diese bestehende Schieflage: Durch den Lockdown der Schulen war noch mehr entscheidend, ob Eltern ihre Kinder beim Lernen unterstützen können und über das notwendige Geld verfügen, um kurzfristig einen Laptop zu kaufen, damit ihr Kind überhaupt am Distance-Learning teilnehmen kann.
„Der Bildungsminister hat sich auf Teststrategien konzentriert, dabei aber auf alternative Lern- und Sozialräume für Kinder und Jugendliche völlig vergessen“, kritisiert AK Präsidentin Anderl. „Kinder und Jugendliche und ihre Familien brauchen Entlastung und die Sicherheit, dass das kommende Schuljahr für sie gut vorbereitet wird. Das haben sie sich wirklich verdient. Außerdem mussten viele Familien teure Schulkosten finanzieren um das Distance-Learning zu ermöglichen. Für sie muss es dringend Entlastung geben.“

Finanzielle Belastungen im COVID-Schuljahr 2020/2021

Nicht nur ArbeitnehmerInnen und Unternehmen spüren die finanziellen Auswirkungen der COVID-Krise, Familien spüren die Auswirkungen genauso. Viele Eltern sind in Kurzarbeit oder arbeitslos, selbstständigen Eltern fehlen mitunter die Aufträge. Schon zu Schulbeginn im Oktober 2020 sagten 41% aller Familien, dass sich ihre Situation seit Beginn der Pandemie verschlechtert habe.

Das gaben Familien pro Schulkind aus © AK Wien, SORA


Zwar soll der Schulbesuch an einer öffentlichen Schule in Österreich per Gesetz kostenlos sein, doch jede Familie weiß, dass das in der Realität anders aussieht. Eltern zahlen von der Schultasche über Selbstbehalte viel um die Teilnahme ihrer Kinder am Unterricht zu ermöglichen und einen Schulerfolg der Kinder zu unterstützen. Zusätzlich mussten Eltern im vergangenen Schuljahr durch das Homeschooling und Distance-Learning ihrer Kinder tief in die Tasche greifen, um die notwendige Technik – Laptops oder Tablets - für den Distanzunterricht zu besorgen. Durchschnittlich gaben Familien 1.468 Euro pro Schulkind aus.

Die Ausgaben für die Schulzeit von Kindern in maturaführenden Schulen der Sekundarstufe II waren wie bereits in der Schulkostenerhebung 2015/16 deutlich höher als für Kinder in anderen Schultypen.

Wofür mussten Eltern in die Tasche greifen? © AK Wien, SORA

Hohe Kosten für Distance-Learning

Besonders hoch waren in diesem Schuljahr die Ausgaben für Computer, Tablets und andere EDV-Ausrüstung. Nur für diesen Bereich haben 55 Prozent der Eltern tief in die Tasche gegriffen und durchschnittlich 458 Euro pro Schulkind ausgegeben um die Teilnahme am Distance-Learning und den Schulerfolg möglich zu machen. Unter die Kosten für EDV fiel vor allem die Anschaffung neuer Geräte wie z.B. Laptops, Tablets und deren Zubehör, etwa Webcams und Kopfhörer, aber auch Druckkosten.

Da es im Sommer 2020 noch recht optimistische Aussichten auf ein weitgehend normales Schuljahr mit Präsenzunterricht gab, kauften nur wenige Familien EDV-Ausrüstung während der Sommerferien. Vielfach wurden dafür Schulmaterialien für den fachspezifischen Unterricht etc. gekauft. Mit dem zweiten Lockdown der Schulen mussten viele Familien ihre technische Ausstattung für das Distance-Learning aufrüsten.

Hohe Schulkosten Ursache für Bildungsungleichheit

Anteil der Schulkosten am Haushaltseinkommen © AK Wien, SORA


Im Durchschnitt aller Familien werden pro Jahr 8% des Haushaltseinkommens für den Schulbesuch der Kinder aufgewendet, das inkludiert sowohl Fixkosten als auch Ausgaben während der Sommerferien und des Schuljahres mit Schulbezug. Bei diesen hohen Summen wird schnell klar, dass Familien mit niedrigem Einkommen besonders unter Druck stehen. So geben Familien, deren Haushaltseinkommen im unteren Quartil liegt und maximal 2.000 Euro monatlich beträgt, rund ein Sechstel ihres Jahreseinkommens für Schulkosten und schulbezogene Kosten aus.

Familien die schon vor der COVID-Krise mit Armut kämpften, haben kaum eine Chance bei diesen Schulkosten mit zu halten. Besonders die kurzfristigen hohen Anschaffungskosten technischer Gerät war mehr als herausfordernd.

Schulkosten im Vorjahresvergleich © AK Wien, SORA


Die Schulkostenerhebung und die begleitenden Befragungen zeigen die enorme Belastung aller Familien, die Planungsunsicherheit und die langen Phasen der Lockdowns haben neben den finanziellen zusätzlich die psychischen und emotionalen Ressourcen der Familien aufgebraucht.

Auch die psychischen Belastungen für Familien ist enorm

Durch die Betreuungsunsicherheit während der Pandemie hat die Belastung der Eltern sehr stark zugenommen. Die fehlenden sozialen Kontakte und das vereinzelte Lernen schlagen sich auf die psychisch-emotionale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen nieder.

Die psychische Gesundheit etwa jedes dritten Kindes hat sich während der Corona-Pandemie verschlechtert, unabhängig von den familiären Ressourcen. Kinder und Jugendliche sind gereizter und verängstigter. Die emotionale Voraussetzung zum Lernen hat sich damit ebenfalls verschlechtert.

Daher braucht es in der aktuellen Corona-Krise und der „Post-Home-Schooling-Phase“ dringend bessere Ausstattung der Schulstandorte mit pädagogischem Unter­stütz­ungs­per­sonal (z. B. Schulsozialarbeiter:innen oder Psycholog:innen). Schon vor der Corona-Pan­demie kam in Österreich eine pädagogisch unterstützende Kraft auf 19 Lehrkräfte. Im EU-Schnitt ist das Verhältnis 8:1. Das Betreuungsverhältnis war demnach nicht nur schon vor der Corona-Pandemie unzureichend, sondern wird vor allem in der gegenwärtigen Situation nicht ausreichen, um den Sorgen, Ängsten und Bedürfnissen von SchülerInnen gerecht zu werden sowie Schulen und ihre Lehrkräfte zu entlasten.

AK Präsidentin Renate Anderl warnt eindringlich: „Familien dürfen im kommenden Schul­jahr nicht weiter belastet werden, sie haben keine Ressourcen mehr um die COVID-Krise privat aufzufangen. Viele der Belastungen, denen Schulen und Familien ausgesetzt waren, sind durch gute Planung vermeidbar.“ SchülerInnen, ihre Eltern und auch LehrerInnen brauchen jetzt volle Unterstützung, damit kein Kind zurückgelassen wird und Bild­ungs­rückstände schnellstmöglich aufgeholt werden können. Die Zeit der Unsicherheit muss nun endgültig vorbei sein.“

Forderungen der Arbeiterkammer

Kindergarten, Schule, Lehre und höhere Bildung: Kaum etwas ist so entscheidend für die Chancen im Leben, wie der Zugang zu Bildung. Doch die Zukunft der Kinder darf nicht vom Geldbörserl der Eltern abhängen. Die „Privatisierung“ des Bildungserfolges, bei dem ein Bildungserfolg oft nur durch enormen Einsatz der Eltern möglich ist, führt zu einem ungerechten Bildungssystem. Die Corona-Situation hat diese Situation nochmals massiv verstärkt.

„Kein Kind soll um seinen Schulerfolg gebracht werden, weil sich Schulkosten für das Familienbudget nicht mehr ausgehen. Der kostenlose Schulbesuch war eine historische Errungenschaft, jetzt müssen wir weitere Schritte gehen um Bildungsteilhabe und -erfolg unabhängig der familiären Ressourcen sicherzustellen“, findet Anderl klare Worte. „Ein starker Sozialstaat und mutige schulpolitische Reformen wären zukunftsweisend. Die AK stellt gerne ihre Expertise zur Verfügung – damit jedes Kind die Unterstützung und Förderung bekommt, die es braucht, um die Lernziele zu erreichen!“

  • Schulen, in denen genug Zeit für Fragen, Lernen und Üben bleibt: eine kostenlose Ganztagsschule für jedes Kind in Wohnumgebung sowie ein qualitätsvolles Angebot an Freizeitpädagogik.
  • Umsetzung der AK Pakets gegen Kinderarmut: Das AK-Paket gegen Kinderarmut trägt maßgeblich dazu bei, dass jedes Kind einen fairen Start ins Leben hat und nicht schon mit einem Hürdenlauf beginnen muss.
    • Kinderbetreuung und Elementarbildung: Rechtsanspruch ab dem 1. Lebensjahr für alle, kurzfristig Befreiung armutsbetroffener Familien von den Elternbeiträgen; mittelfristig soll Elementarbildung als Bildungseinrichtungen generell kostenlos werden.
    • Kostenlose Schule: Schulmaterial, Schulveranstaltungen sowie kostenlose Unterstützung bei Lernschwächen.
    • Flächendeckende Umsetzung einer gerechten und transparenten Schulfinanzierung nach dem AK-Chancen-Index, dabei auch Ausbau von Schulsozialarbeit, inkl. zusätzliche Schulpsycholog:innen.
    • Sensibilisierung von Lehrer:innen, hinsichtlich möglicher Vorurteile gegenüber armutsbetroffenen Familien.
    • Ausbau kostenloser außerschulischer sowie Ferien- und Freizeitangebote (Vorbild SummerCityCamps).
  • Einmalige Bonuszahlung der Familienbeihilfe in der Höhe von 200 € pro Schulkind– zusätzlich braucht es Antragswege für Familien mit Schulkindern, die aus der Familienbeihilfe rausfallen, z.B. subsidiär Schutzberechtigte.
  • Sonderzahlung für alle, die SchülerInnenbeihilfe beziehen, sowie eine weitere Erhöhung der SchülerInnenbeihilfe: Die Schülerbeihilfe wurde zwar kürzlich erhöht, angesichts der vorliegenden Zahlen jedoch zu wenig und der Kreis der BezieherInnen muss vergrößert werden, damit Bildungsteilhabe auch für Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem Einkommen möglich ist.

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