11.12.2019

Wie nachhaltig berichten Österreichs Börsenunternehmen?

Seit 2017 sind Österreichs Börsenunternehmen gesetzlich verpflichtet, eine nichtfinanzielle Berichterstattung vorzulegen. Dabei sollen Themen wie Umwelt, Soziales und Belange der Beschäftigten offengelegt werden. Die Studie „Nichtfinanzielle Berichterstattung - Eine Evaluierung der Umsetzung des NaDiVeG in börsennotierten Unternehmen“ zeigt, dass die Unternehmen in der Praxis mit dem schwammigen Gesetz kämpfen. Daher differieren Umfang und Qualität der Berichte stark. Fazit: Der Gesetzgeber muss handeln.

Die Gerechtigkeit ist gekommen um zu bleiben. #fürimmer © AK

Gerechtigkeit ist gekommen um zu bleiben.

Zur Story

Umdenken hat eingesetzt

Mit der zunehmenden Bedeutung von Klimaschutz und Nachhaltigkeit rückt auch die Sinnfrage von Unternehmen immer mehr in den Mittelpunkt. Erst kürzlich haben die CEOs von insgesamt 181 US-Konzernen – darunter Multis wie Apple oder IBM – eine gemeinsame Erklärung zum sogenannten Gesellschaftszweck abgegeben. Diese lautet: „Wenn auch jede einzelne Gesellschaft ihren eigenen Gesellschaftszweck verfolgt, so teilen wir doch eine grundlegende Verpflichtung gegenüber allen unseren Stakeholdern". Neu ist, dass das Augenmerk dabei nicht mehr ausschließlich auf den AktionärInnen liegt, sondern auch explizit Beschäftigte und KundInnen genannt werden.

Auch die europäische Politik rückt vom Prinzip der „freiwilligen Selbstverpflichtung“ ab und will mehr Verbindlichkeit im Hinblick auf nachhaltige Unternehmensführung schaffen. Ein wichtiger Hebel dafür ist die sogenannte „nichtfinanzielle Berichterstattung“. Eine entsprechende Richtlinie der EU, die Non-Financial-Information Richtlinie (kurz NFI-Richtlinie, 2014/95/EU), hat das Ziel, die nichtfinanziellen Berichtspflichten großer Unternehmen substantiell zu erweitern.

Das Gesetz 

Die EU-Richtlinie wurde in Österreich im Dezember 2016 mit dem Nachhaltigkeits- und Diversitätsverbesserungsgesetz (NaDiVeG) in nationales Recht umgesetzt – allerdings nur nach einem Minimalansatz. Das heißt, dass keine Verpflichtungen für die Unternehmen eingeführt wurden, die über diese Richtlinie hinausgehen.  

Demnach sind in Österreich nur kapitalmarktorientierte große Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten verpflichtet, eine nichtfinanzielle Erklärung abzugeben.  

Die Erklärung muss eine Beschreibung des Geschäftsmodells beinhalten und Mindestangaben zu den Kernthemen Umwelt, Soziales, Belange der ArbeitnehmerInnen, Achtung der Menschenrechte und Bekämpfung von Korruption und Bestechung abdecken. 

In einer ersten Schätzung 2016 ging der Gesetzgeber davon aus, dass 125 Unternehmen bzw. Konzerne von der Berichtspflicht im Hinblick auf die nichtfinanzielle Erklärung betroffen sind. Laut einer aktuellen Studie der Development International dürften aber im Geschäftsjahr 2018 wesentlich weniger – nämlich nur 89 Gesellschaften – unter die Berichtspflicht gefallen sein.

Hintergrund zur Studie 

Die AK, der das Thema Nachhaltigkeit vor allem in Bezug auf eine nachhaltige Unternehmensführung ein großes Anliegen ist, hat es sich zum Ziel gesetzt, die Umsetzung des NaDiVeG in der zweiten Berichtssaison zu evaluieren. Auch die Enforcementstellen Finanzmarktaufsicht (FMA) und die Österreichische Prüfstelle für Rechnungslegung (OePR) rückten dies erstmalig in den Fokus – wohl auch als Reaktion auf die Mängel, die die Berichte in der ersten Berichtssaison aufwiesen. Denn unterschiedliche Studien von Wissenschaft und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften waren zu dem Schluss gekommen, dass die Berichte über das Jahr 2017 häufig Defizite sowohl betreffend die Form als auch den Inhalt aufwiesen. 

Die AK-Studie untersucht daher die Umsetzung der nichtfinanziellen Berichterstattung in Österreich am Ende der zweiten Berichtssaison:  

  • Zum einen wurden die veröffentlichten nichtfinanziellen Erklärungen der Unternehmen des ATX Prime analysiert. In Summe wurden mittels einer Inhaltsanalyse 33 Berichte ausgewertet. 

  • Zum anderen wurden die Ergebnisse einer Unternehmensbefragung aus dem Frühjahr 2019 analysiert. Kontaktiert wurden alle an der Wiener Börse gelisteten Unternehmen, 26 retournierte Fragebögen waren verwertbar.

Die Ergebnisse 

Im Vergleich zur Finanzberichterstattung ist die nichtfinanzielle Berichterstattung ein sehr junges Konzept. Diese Berichtspflicht stellt die Unternehmen auch in der zweiten Berichtssaison vor große Herausforderungen. Diese gilt es für die nächste Berichtslegung zu meisten, die bereits unmittelbar bevorsteht. 

Problem 1 – Schwammiges Gesetz 

Nach Ansicht von Josef Baumüller, Studienautor und Forscher an der Wirtschaftsuniversität Wien ist das NaDiVeG – teils wie schon die NFI-Richtlinie auf EU-Ebene – „inhaltlich in vielen Punkten unklar und schlecht gemacht“. Die praktische Umsetzung ist bei Weitem kein Selbstläufer, da der sehr abstrakte Gesetzestext in vielen Punkten von den Unternehmen selbst auszulegen ist. Da es sich nur um Mindestbestimmungen handelt, müssen diese mit weiteren relevanten Informationen angereichert werden. Allerdings scheitern viele Unternehmen bereits an den Mindestbestimmungen. Das schlecht gemachte Gesetz hat zur Folge, dass: 

  • Berichtspflichten nicht oder nur unzureichend erfüllt werden, weswegen für die Unternehmen ein Haftungs- bzw. Strafrisiko besteht. 

  • die Berichte sehr unterschiedlich sind. Darunter leidet die Vergleichbarkeit und Aussagekraft.   

Problem 2 – Es krankt am Herzstück 

Das Herzstück einer gelungenen nichtfinanziellen Berichterstattung ist die sogenannte Wesentlichkeitsanalyse. Dabei werden sämtliche Themen identifiziert, die sowohl für das Unternehmen als auch für die StakeholderInnen (AktionärInnen, Beschäftigte, KundInnen, Gesellschaft, Umwelt, …) von großer Bedeutung sind – etwa Arbeitsbedingungen, CO2-Emissionen, Datenschutz etc. In der Praxis zeigen sich allerdings sehr große Unterschiede zur Berichterstattung der Wesentlichkeitsanalyse – allein die Quantität betreffend: Im Mittelwert umfasst sie knapp drei Seiten, die Spannweite liegt jedoch bei 1,5 bis 13,25 Seiten. Auch die Nachvollziehbarkeit seitens Dritter bleibt in vielen Fällen auf der Strecke.  

Problem 3 – Wo sind die Grenzen? 

Klar definiert sollte bei den nichtfinanziellen Berichten auch sein, wo die Berichtsgrenzen gezogen werden, also welche Organisationen bzw. welche Organisationsteile (Tochtergesellschaften, andere Konzernunternehmen, etc.) einbezogen werden. In der Praxis finden sich dazu nur in sehr wenigen Berichten Ausführungen. Und dort, wo es Ausführungen gibt, scheint die Umsetzung der Berichtspflichten nicht immer im Sinne des Gesetzes zu sein. 

Problem 4 – Risikoscheu 

Ein wesentlicher Bestandteil der Berichte sollte die Darstellung von Risiken sein, die infolge der Unternehmenstätigkeit für die Umwelt, die Beschäftigten, die KundInnen – also die Gesamtheit der StakeholderInnen – gegeben sind. „Diese Risiken finden sich in der Berichterstattung zu wenig. Die Unternehmen scheuen sich offenbar davor sie anzugeben, weil sie über diese Risiken mitunter selbst nicht vollumfänglich Bescheid wissen oder aber nicht in der Lage sind, etwas dagegen zu unternehmen“, schlussfolgert Baumüller.  

Problem 5 – Wer prüft? 

Laut NaDiVeG prüft der Aufsichtsrat ob die nichtfinanzielle Berichterstattung rechts- und zweckmäßig ist. In der Analyse hat sich jedoch gezeigt, dass sich der Aufsichtsrat nur sehr wenig mit der Materie befasst, es fehlt schlicht an Expertise. Es besteht weiters die Möglichkeit einer externen Prüfung. Diese ist aber freiwillig, weshalb nur wenige Berichte extern überprüft werden. Und wenn, dann bleibt diese Prüfung auf Mindeststandards beschränkt und ist hinsichtlich Methodik und Ergebnissen nicht immer nachvollziehbar.

Fazit 

„In ihrer zweiten Berichtssaison ist die nichtfinanzielle Berichtspflicht zwar besser in der Unternehmenspraxis angekommen, es gibt aber noch viel Luft nach oben“, fasst AK Wien Direktor Christoph Klein zusammen. Nachsatz: „Es gibt legistischen Aufholbedarf.“  

„Länder wie Frankreich, Dänemark und Schweden sind bei der Umsetzung der EU-Richtlinie mit besserem Beispiel vorangegangen“, ergänzt AK Wien Betriebswirtin Christina Wieser. So haben Dänemark und Schweden den Geltungsbereich auf große Unternehmen ab 250 Beschäftigten ausgeweitet. Zudem bestehen in Dänemark konkrete Vorschriften zur Publikation auf der Website, um Verwechslungen des Berichts mit anderen CSR-Berichten zu verhindern, außerdem müssen verschiedene Einzelaspekte detailliert berichtet werden. Wieser: „Und in Frankreich muss der nichtfinanzielle Bericht von einer unabhängigen externen Stelle beurteilt werden – das ist gesetzlich vorgeschrieben.“ 

Um die Berichterstattung in Österreich auf internationales Niveau zu bringen, sind nun sowohl der Gesetzgeber als auch die berichtspflichtigen Unternehmen bzw. deren Organe (also Management und Aufsichtsrat) gefragt.

Unsere Forderungen

Konkret fordert die AK: 

  • Definition eines verpflichtenden Mindestkatalogs von berichtspflichtigen, nichtfinanziellen Leistungsindikatoren: Die Unternehmen müssen klare Vorgaben erhalten, wie eine korrekte Berichterstattung aussehen muss. Aus Sicht der AK ist hervorzuheben, dass beim Herzstück der Wesentlichkeitsanalyse die Belange der Beschäftigten adäquat berücksichtigt werden müssen – auch wenn dies eine Erweiterung der geforderten Mindestangaben bedingt. Dazu AK Wien Direktor Klein: „Hier geht es vor allem um Beschäftigungsindikatoren wie Überstunden, Fluktuation, aber auch um Gesundheit und Sicherheit, Stichwort Arbeitsunfallraten sowie auch um Aus- und Weiterbildung und um den sozialen Dialog, also etwa die Einbeziehung der ArbeitnehmerInnen-Vertretung.“  

    Wichtig sind aber auch Themen, die die Umwelt und den Klimaschutz betreffen – etwa Emissionsmengen, nachhaltige Nutzung von Ressourcen, Maßnahmen zur Vermeidung von Umweltverschmutzung, Verbrauch von Rohstoffen und Energieverbrauch. 

    Einbezogen will Klein auch die internationale soziale Gerechtigkeit wissen: „Hier geht es etwa um die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen, um die Vergabe von Unteraufträgen und Zulieferer, die Berücksichtigung von Sozial- und Umweltfragen in der Einkaufspolitik.“ 

  • Ausweitung des Anwendungsbereiches: Aktuell sind nur 89 Unternehmen von der Berichtspflicht umfasst. Dies sind nur knapp 0,09 Prozent aller österreichischer Kapitalgesellschaften und damit ein sehr eingeschränkter Kreis. Der Geltungsbereich sollte daher in einem ersten Schritt auf alle großen Kapitalgesellschaften und auf Unternehmen, die mehrheitlich im Eigentum des Bundes stehen, ausgeweitet werden. 

  • Verpflichtende Prüfung: Die inhaltliche Prüfung der Nachhaltigkeitsberichterstattung muss verpflichtend durchgeführt werden – und zwar in Bezug auf Form und Inhalt sowie mit gleicher Prüfungsintensität wie sie bei der Finanzberichterstattung angewendet wird. 

  • Management und Aufsichtsrat in die Pflicht nehmen: Management und Aufsichtsrat eines Unternehmens müssen Verständnis für nachhaltige Unternehmensführung entwickeln. Dafür braucht es Anreize: Nichtfinanzielle Ziele – etwa die Reduktion von CO2-Emissionen – müssen in der Vergütungspolitik für den Vorstand verankert werden. Die Aufsichtsratsmitglieder wiederum haben eine Schlüsselrolle bei der Weiterentwicklung der Qualität der nichtfinanziellen Berichterstattung. Analog zum Finanzexperten/zur Finanzexpertin muss daher im Aufsichtsgremium ein Nachhaltigkeitsexperte/eine Nachhaltigkeitsexpertin sitzen.