13.7.2017
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Wenn Kaufen zum Zwang wird

Ein Viertel der ÖsterreicherInnen ist kaufsuchtgefährdet. Die gute Nachricht: Das sind (etwas) weniger Betroffene als vor fünf Jahren. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie über die Kaufsucht in Österreich. Gallup-Institut/Karmasin Marktforschung befragte im Auftrag der AK 1.000 ÖsterreicherInnen. Generell zeigt sich: Junge Menschen und Frauen sind häufiger von Kaufsucht betroffen. 

Ursachen von Kaufsucht

„Die Kaufsucht ist noch eine sehr tabuisierte Form der Abhängigkeit. Bei der Kaufsucht geht es nicht um die Produkte, sondern um die zwanghafte Wiederholung des Kaufvorganges“, betont AK Konsumentenschützerin Gabriele Zgubic. „Kaufen ist ein Ersatz, um beispielsweise Einsamkeit oder Unsicherheit zu kompensieren. Kaufsüchtige suchen einen Kick. Die Befriedigung ist aber nur kurz, dann folgt der emotionale Absturz“, resümiert Nina Tröger.  

„Kaufsucht ist höchst tabuisiert, weil sie als besonders schamvoll erlebt wird. Einkaufen gilt als banal, als steuerbar, entsprechend empfinden sich Betroffene als schwach und unkontrolliert. Dazu kommt – ähnlich wie bei der Spielsucht – die Verbindung mit Geldverlust“, erklärt Michael Musalek, Ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts Wien. „Kaufsuchtgefährdete brauchen Unterstützung“, sagen  Zgubic und Musalek.

Studie Kaufsucht in Österreich 2017

In der AK Studie Kaufsucht in Österreich wurden repräsentativ 1.000 KonsumentInnen ab 14 Jahren vom Gallup Institut/Karmasin Marktforschung im Oktober 2016 in persönlichen Interviews befragt. Die Erhebung umfasst den Kaufsucht-Index, Fragen zur Selbstkontrolle zum Online-Handel sowie zum Zahlungsverhalten. Die Kaufsuchtgefährdung wurde mit dem von der Universität Stuttgart-Hohenheim entwickelten und international anerkannten Hohenheimer Kaufsuchtindikator ermittelt. Aus den Antworten wird ein Score gebildet, der über das Ausmaß der Kaufsuchtgefährdung Auskunft gibt.   

Kaufsucht in den letzten Jahren leicht gesunken

Die Kaufsuchtgefährdung (kompensatorisches und süchtiges Verhalten) ist jetzt insgesamt niedriger als 2011. Die AK Studie zeigt: 24 Prozent der ÖsterreicherInnen sind kaufsuchtgefährdet (2011: 28 Prozent). Frauen sind häufiger kaufsuchtgefährdet als Männer. Jede dritte Frau ist gefährdet – bei Männern ist es jedoch nur jeder fünfte. Der Anteil der stark Kaufsüchtigen ist mit 14 Prozent bei Frauen doppelt so hoch wie bei Männern (sieben Prozent).   

Kaufsucht – ein Problem der Jungen

Zeigten im Jahr 2011 noch 56 Prozent der 14- bis 24-Jährigen ein problematisches Verhalten auf, sind es aktuell „nur noch“ 38 Prozent. Mit zunehmenden Alter sinkt das problematische Kaufverhalten.  

Junge Menschen sind von Kaufsucht also stärker betroffen – 17 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sind kaufsüchtig. Betrachtet man die Gruppe der 14- bis 24-Jährigen sind es sogar 21 Prozent. 2011 waren es in dieser Altersgruppe nur etwa halb so viele (zehn Prozent).  

Grafik © AK, Wien

Bei der Kaufsuchtgefährdung ist auch die Bildung ausschlaggebend. Ein Drittel der Personen mit einem Hauptschulabschluss weist eine höhere Kaufsuchtgefährdung auf. Zwischen Berufsschul-, Fachschul- oder mittlerem Lehranstalt-Abschluss und Matura, Hochschul- oder Uni-Abschluss gibt es kaum Unterschiede im Kaufverhalten:  Knapp ein Fünftel beider Bildungsgruppen verfügt über ein problematisches Kaufverhalten. Bemerkenswert: Kaufsucht steigt mit einem höheren Bildungsabschluss wieder leicht an.   

Mausklick als schnelle Verführung

Die AK-Studie zeigt: Nur 17 Prozent der Befragten kaufen häufig online ein. Jede zweite Person tut das hin und wieder. Knapp ein Drittel kauft nie im Internet – von diesem Drittel hat jede dritte Person keinen Internetzugang. 

Zwischen Frauen und Männern gibt es keine Unterschiede, wie häufig sie im Internet bestellen. Sehr wohl aber hinsichtlich Alter und Bildung: Jüngere Personen und Personen mit höherer Bildung bestellen häufiger im Internet. Dabei zeigt sich: Wer häufig online kauft, hat auch eine höhere Kaufsuchtgefährdung im Vergleich zu Personen, die nie im Internet bestellen. Jede fünfte Person, die häufig online shoppt, weist ein pathologisches Kaufverhalten auf, während Personen, die nie im Internet einkaufen, nur zu vier Prozent kaufsüchtig sind.  

In der Studie wurden auch die Unterschiede zwischen Online-Shopping und „normalem“ Einkaufen erhoben. Wer jedoch kaufsuchtgefährdet ist, lässt sich durch das Internet leichter verführen. Jede fünfte Person mit einer Kaufsuchttendenz surft etwa auf Shopping-Seiten, ohne etwas Bestimmtes zu benötigen. Jede/r Fünfte der Kaufsuchtgefährdeten ist der Meinung, im Internet mehr zu kaufen als im Geschäft. „Online-Shoppen ist für Kaufsuchtgefährdete anonym und angenehm. Sie kaufen ganz schnell etwas, was sie gar nicht brauchen“, resümiert Nina Tröger.

Grafik © AK, Wien

Ratenzahlung als Falle

Immer öfter bieten Möbel- und Elektrohändler Zahlen auf Pump an. 15 Prozent der Befragten haben diese Zahlungsform schon einmal, rund ein Viertel schon mehrmals gewählt. Personen mit niedriger und mittlerer Bildung nehmen mit 48 Prozent und 45 Prozent öfter als Personen mit höherer Bildung eine Ratenzahlung in Anspruch. Bei Personen, die häufig eine Ratenzahlung in Anspruch nehmen, ist die Kaufsucht doppelt so hoch ist als bei Personen, die nie in Raten zahlen (21 Prozent bzw. sechs Prozent sind kaufsüchtig). 

„Ratenzahlungen bringen freilich Gefahren mit sich“, sagt Zgubic. „Der ganze Betrag wird nicht gleich fällig, sondern kleine Beträge über einen längeren Zeitraum hinweg. Oft wird dabei der Blick auf die Gesamtkosten vernebelt, und am Ende des Tages zahlt man aufgrund teurer Zinsen und Spesen ziemlich drauf.“ 

Es zeigt sich weiters: Personen, die ein problematisches Kaufverhalten aufweisen, beschäftigen sich weniger mit ihren Finanzen als Personen mit normalen Kaufmustern. Jede dritte Person, die nie einen Kontoauszug liest, weist eine Kaufsuchtgefährung auf, während das bei der Gruppe, die regelmäßig auf den Kontostand schaut, nur jede fünfte Person ist.

Helfen großschreiben

„Bei der Kaufsucht geht es um einen Zwang. Betroffene haben eine kurze Befriedigung, dann folgt der emotionale Absturz“, resümiert Tröger. „Hinter der Kaufsucht stecken aber oft etwa Minderwertigkeitsgefühle, Einsamkeit, Unsicherheit oder Frust. Auch Online-Shoppen und die vielen Zahlungsmöglichkeiten trüben häufig den Blick aufs Wesentliche. Angebote von Ratenzahlungen oder Kontoüberziehungen machen das Einkaufen unkompliziert – die Nachwehen sind dann umso schlimmer und so mancher lebt über seine Verhältnisse“, sagt Tröger. 

Kaufsucht tritt oft in Verbindung mit Angststörungen und Depressionen auf, so Musalek. „Vorwürfe und Verbote helfen nicht. Besser ist es, die Anzeichen für eine Kaufsucht offen anzusprechen und Hilfe anzubieten, etwa mit ‚Es gibt ein Problem, lass uns etwas dagegen tun‘“, rät er Angehörigen von Betroffenen. „Kaufsucht ist eine chronische Erkrankung. Begibt man sich in regelmäßige Behandlung, besteht eine Heilungschance von 80 Prozent.“

Den Kaufsuchtgefährdeten muss geholfen werden, verlangen AK und Anton Proksch Institut. Mehr Vorsorge und Hilfe sind dringend nötig:

Verbraucherbildung fördern: Wissen in Sachen Finanzen ist wichtig: Know-how über Haushaltsbudgetrechnung, Alltags- und Lebenskosten sowie ein generelles Wissen über Vertragsgestaltungen, Finanz- und Konsumkompetenzen sollen sowohl im Lehrplan als auch in der LehrerInnenausbildung stärker verankert werden.

Mehr Unterstützung durch Therapien: Das Anton Proksch Institut in Wien bietet Therapien für Menschen mit Kaufsucht an. Die ambulante und stationäre Therapie wird von den Krankenkassen finanziert und ist daher für die Patienten und Patientinnen kostenlos.

Hilfe für Betroffene

TIPP

Anton Proksch Institut

  • Gräfin Zichy Straße 6, 1230 Wien
  • Tel.: +43 1 880 10-0
  • Web: api.or.at

Kostenvoranschlag

Augen auf bei Kostenvoranschlägen - wie Sie böse Überraschungen vermeiden und welche Rechte Sie haben, wenn der Preis überschritten wird.

Ratenkauf

Wer etwas auf Raten abstottern will, sollte sich das gut überlegen. Denn die Zinsen sind oft saftig. Tipps für den Kauf auf Pump finden Sie hier.

Skonto

Auf Skonto gibt es keinen Anspruch. Vereinbaren Sie die Möglichkeit eines Skontoabzugs schon bei Auftragserteilung schriftlich mit dem Unternehmen.

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