Pflegerin gibt älterer Dame zu trinken © Alexander Raths, stock.adobe.com
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2.7.2020

Arbeit schaffen, Pflege sichern

Zwei Aspekte sind für die Arbeiterkammer derzeit vordringlich: Arbeit zu schaffen und Pflege und Betreuung zu sichern. Durch den Ausbau dringend benötigter Pflege- und Betreuungsleistungen entstehen Vorteile für pflegebedürftige Menschen und ihre Familien und gleichzeitig auch in der Pflege- und Arbeitsmarktpolitik. Wenn diese zwei Bereiche klug miteinander verknüpft werden, kann sowohl Arbeit geschaffen als auch das Langzeitpflegesystem deutlich verbessert werden. 

Die Bundesregierung sollte, gemeinsam mit dem AMS, verstärkt den Fokus auf Qualifizierung und Weiterbildung im Pflegebereich setzen. Bund und Länder sollten den Ausbau der mobilen Dienste rasch umsetzen. Dann erreichen wir zwei Ziele auf einmal:  Zum einen erhalten zu Hause lebende Menschen mit Pflegebedarf und ihre Angehörigen endlich mehr Unterstützung und Entlastung und zum anderen kann die Arbeitslosigkeit in Österreich gezielt reduziert werden. 

„Wir brauchen ein kluges Zusammenspiel von Arbeitsmarkt- und Pflegepolitik, insbesondere was die Langzeitpflege betrifft“, fordert AK Präsidentin Renate Anderl. „Wir haben im Juni noch immer knapp eine halbe Million arbeitslose Menschen. Die großen Lücken im Bereich der Langzeitpflege müssen rasch geschlossen werden. Das ist im Sinn der zu pflege- und betreuungsbedürftigen Menschen und ihrer Familien genauso wie der arbeitslosen Menschen.“

Pressekonferenz

Über das Zusammenspiel von Arbeitsmarktpolitik und Langzeitpflege informierten AK Präsidentin Renate Anderl und AK Gesundheitsexpertin Silvia Rosoli. Die Pressekonferenz kann hier nachgeschaut werden:


Gesundheits- und Pflegeberufe – krisensichere Branche  

Wie die Covid-19-Krise einmal mehr gezeigt hat, ist der Gesundheits- und Pflegebereich ein Sektor, der auch in krisenhaften Zeiten stabile und dauerhafte Beschäftigung anbietet. Das wird auch für die Zukunft aufgrund der demographischen Entwicklung prognostiziert. Nachdem die Menschen erfreulicherweise immer älter werden, wird auch der Bedarf an Pflege- und Betreuungspersonal steigen. Schätzungen zufolge werden bis 2030 ca. 75.700 zusätzliche Personen in diesen Berufen gebraucht. 

Demgegenüber sind etwa der Beherbergungssektor und die Gastronomie massiv von den Auswirkungen der Krise betroffen. Sie haben von allen Branchen den höchsten Anstieg an Arbeitslosen zu verzeichnen, Ende Mai 2020 lag der Anstieg bei plus 122 Prozent. Auch mittelfristig wird in diesem Sektor der Arbeitsmarkt vor allem aufgrund ausbleibender ausländischer Gäste instabil bleiben.  

Personen, die bisher in Branchen gearbeitet haben, in denen längerfristig mit einer hohen Arbeitslosigkeit zu rechnen ist, oder die aufgrund struktureller Veränderungen als nicht zukunftsträchtig gelten, könnten Umschulungen ermöglicht werden. Insbesondere Ausbildungen im Pflege- und Gesundheitsbereich können für Arbeitssuchende ein attraktives Angebot für einen Berufswechsel mit stabilen Beschäftigungsaussichten sein.  

Pflege- und Betreuungsbedarf für ältere Menschen zu Hause ist groß 

460.000 Menschen in Österreich beziehen Pflegegeld, rund vier Fünftel werden zuhause betreut. Doch für daheim lebende Menschen mit Betreuungs- und Pflegebedarf und ihr Angehörigen gibt es noch immer viel zu wenig professionelle Unterstützung durch mobile Dienste. Der Rechnungshof hat in seinem Bericht vom Februar 2020 „Pflege in Österreich“ festgestellt, dass im Bundesländerdurchschnitt auf eine betreute Person 2 Stunden pro Woche mobile Dienste entfielen.  Die Bandbreite lag zwischen 1 Stunde/Woche z.B. in der Steiermark und 4 Stunden/Woche in Wien. Der tatsächliche Betreuungsbedarf liegt jedoch viel höher.

Um Pflegegeld in der Höhe der Stufe 1 zu bekommen muss man immerhin über 65 Stunden Pflege- und Betreuungsnachweis pro Monat vorlegen. De Facto bekommen Menschen, die zu Hause leben, jedoch im Durchschnitt pro Woche nicht einmal eine ganze Stunde professionelle Unterstützung. AK-Schätzungen gehen davon aus, dass im häuslichen Bereich nur rund ein Drittel des in der Pflegegeldeinstufung anerkannten zeitlichen Betreuungs- und Pflegebedarfs durch das bestehende Angebot der mobilen Dienste abgedeckt werden kann.

Frauen stopfen die Lücke 

Die Betreuungslücke wird heute vor allem durch den persönlichen Einsatz der Angehörigen mit bekannten Folgen gestopft:

  • Ein hoher Anteil an informell und unbezahlt geleisteter Betreuung und Pflege erfolgt durch Angehörige, zumeist Frauen. Informelle Pflege ohne professionelle Unterstützung bedeutet ein hohes Risiko für Überforderung, Burn-out und langfristige gesundheitliche Probleme. Zudem schränken viele pflegende Angehörige im arbeitsfähigen Alter ihre Berufstätigkeit ein, was ihnen in der Pension Nachteile bringt.

  • Rund 250.000 Berufstätige, die daheim ein pflegebedürftiges Familienmitglied begleiten, haben es extrem schwierig, Beruf und private Pflegeaufgaben unter einen Hut zu bringen.

  • „24-Stunden-Betreuung“ bleibt jenen vorbehalten, die es sich leisten können. Doch in diesem Sektor gibt es vielfach unfaire Bedingungen für BetreuerInnen und Familien. Zudem haben wir gerade währende der Corona-Pandemie erlebt, dass dieses System bei Krisen mit hoher Unsicherheit für alle Beteiligten einhergeht.

Mobiles Angebot erweitern 

Eine mehrstündige Alltagsbegleitung ist eine langjährige Forderung vieler ExpertInnen. Diese Dienstleistung kann die Betreuungslücke durch halbtageweise oder ganztägige Begleitung von Menschen mit Unterstützungsbedarf deutlich verkleinern. Sie entlastet damit auch pflegende Angehörige und verbessert die Vereinbarkeit von Beruf und informeller Pflege. 

Die Bundesländer Burgenland, NÖ, OÖ, Steiermark und Wien haben bereits begonnen, ihr mobiles Angebot um diese Leistung zu erweitern, doch das Niveau ist noch sehr gering. Für eine wirkungsvolle Unterstützung und Entlastung muss intensiv in die Entwicklung und den Ausbau der mehrstündigen Alltagsbegleitung investiert werden, auch weil die Anzahl der Menschen mit Pflegebedarf laufend steigt. 

Die AK hat berechnet, was ein Ausbau der mehrstündigen Alltagsbegleitung um 16,5 Millionen Leistungsstunden innerhalb von fünf Jahren bedeuten würde. Mit 16,5 Millionen zusätzlichen Leistungsstunden könnten etwa 15.865 Personen in Österreich 20 Stunden Alltagsbegleitung pro Woche in Anspruch nehmen. Damit wäre die Betreuungslücke für viele Betroffene schon deutlich verringert.  

Für den Vollausbau sind rund 20.500 HeimhelferInnen und Angehörige der Pflegeassistenzberufe erforderlich, die diese Menge an Einsatzstunden auch leisten können. Damit diese Anzahl zur Verfügung steht, müssen viele Menschen entsprechend qualifiziert werden. Und hier kommen die Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik ins Spiel. 

Die Modellrechnung geht davon aus, dass unter den rund 500.000 derzeit arbeitslosen Menschen die für den Vollausbau erforderlichen 20.500 interessierte und geeignete Personen gefunden werden können, Diese Personen erhalten über das AMS eine Ausbildung und eine Deckung des Lebensunterhalts für die Ausbildungszeit. 

Auf der Kostenseite des Vorschlags stehen Ausbildungskosten von rund 328 Mio. Euro über fünf Jahre verteilt sowie die Kosten für 16,5 Millionen Einsatzstunden, die 2025 mit rund 757 Millionen Euro zu Buche schlagen. Die Kosten der Einsatzstunden über alle 5 Jahre hinweg betragen rund 1,9 Mill. für insgesamt 43,7 Mio. Leistungsstunden.

Das ergibt Gesamtkosten von rund 2.3 Mill. für den Zeitraum zw. 2021 und 2025.

Diesen erforderlichen Ausgaben stehen jedoch Einsparungen und Mehreinnahmen gegenüber, die den Kosten gegenübergestellt werden. Konkret erspart sich das AMS in den Jahren 2021 bis 2025 durch die Beschäftigung von zuvor arbeitslosen Menschen rund 455 Millionen an Arbeitslosengeld und den damit verbundenen Zahlungen an die Sozialversicherungen. Das Leistungspaket der mobilen Dienste bewirkt eine verzögerte Übersiedlung von pflegebedürftigen Menschen in ein Pflegeheim, was innerhalb von fünf Jahren rund 222 Millionen einspart.

Ebenso wird angenommen, dass innerhalb des Zeitraumes von 2021 bis 2025 durch eine geringere Anzahl von Förderungen für die 24-Stunden-Betreuung 87 Millionen Euro weniger ausgegeben werden müssen. Und durch die Beschäftigung in den mobilen Diensten kommt es im selben Zeitraum zu Mehreinnahmen durch Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen in der Höhe von 628 Millionen Euro.

Das ergibt insgesamt die Summe von rund 2,1 Mill an Einsparungen und Rückflüssen im genannten Zeitraum. 

Die effektiven Kosten insgesamt sind rund 190 Mio. Euro für den Zeitraum 2012 bis 2025.

Das ergibt durchschnittliche Kosten pro erbrachter Leistungsstunde für den gesamten Zeitraum von rund 4,5 Euro. 

Berücksichtigt man die positiven ökonomischen Effekte von Investitionen in mobile Dienste und den Arbeitsmarkt, ist die Finanzierbarkeit eines dringend erforderlichen höheren Leistungsniveaus der mobilen Dienste keine Frage mehr. 

Das ist gerade angesichts der hohen Arbeitslosigkeit eine gute Chance für viele Menschen, sich beruflich neu zu orientieren. Dafür ist ein koordiniertes Vorgehen von Pflege- und Arbeitsmarktpolitik erforderlich.

Qualifizierungsoffensive des AMS  

Das AMS fördert die Aus- und Weiterbildung im Gesundheits- und Pflegebereich über verschiedene Instrumente und ermöglicht damit derzeit jährlich ca. 10.000 Personen entweder einen beruflichen Neuanfang oder eine Höherqualifizierung in diesem Bereich. Dazu zählen z.B. Fachkräftestipendium, Arbeitsstiftungen, arbeitsplatznahe Qualifizierung (AQUA), Qualifizierungsförderung für Beschäftigte. Die geschätzten Kosten sowohl für Existenzsicherungsleistung der AusbildungsteilnehmerInnen als auch für Ausbildungskosten beliefen sich 2019 auf ca. 50,4 Mio. Euro.

Der AK-Plan für mehr Arbeitsplätze in der Betreuung und Pflege 

Die bestehenden AMS-Fördermöglichkeiten sollen verstärkt für Pflege- und Betreuungsberufe genützt und eingesetzt werden:

  • Ausbau des Fachkräftestipendiums:
    • Aufstockung der Mittel für das Fachkräftestipendium auf € 100 Mio. pro Jahr mit einem Schwerpunkt auf den Gesundheits- und Pflegebereich,
    • Fachkräftestipendium als dauerhafte Maßnahme gesetzlich verankern
    • Alle Ausbildungen für Pflege- und Gesundheitsberufe ermöglichen: gesetzliche Ermöglichung der Ausbildung von DiplomkrankenpflegerInnen an Fachhochschulen über das Fachkräftestipendium
    • Erhöhung des Fachkräftestipendiums auf ein existenzsicherndes Niveau (Vorschlag aus Evaluierung des Fachkräftestipendium € 1.200)

  • Ausbau anderer, bewährter Ausbildungsmaßnahmen für Gesundheits- und Pflegeberufe (zB Arbeitsstiftungen oder die sogenannte „arbeitsplatznahe Qualifizierung“)

  • Gute Beratung von Beschäftigten oder Arbeitssuchenden vor Aufnahme einer Ausbildung für den Gesundheits- und Pflegebereich zur Vermeidung von Ausbildungsabbrüchen und nur kurzer Arbeit im neu erlernten Beruf

  • Mittelfristig: Schaffung eines individuellen Rechts auf berufliche Umorientierung durch Einführung eines Qualifizierungsgeldes

  • ArbeitnehmerInnen, die sich beruflich neu orientieren wollen und dafür eine Ausbildung brauchen, müssen in dieser Zeit existenziell abgesichert sein. Die AK fordert daher die Einführung eines Qualifizierungsgeldes in Höhe des Arbeitslosengeldes plus einem Zuschlag von € 200, mindestens jedoch € 1.200. Auf das Qualifizierungsgeld sollen Auszubildende einen Rechtsanspruch haben. Auch die Kosten für die Ausbildung sollten die TeilnehmerInnen nicht selbst tragen müssen, sondern von der öffentlichen Hand übernommen werden (wie z.B. in Wien durch den WAFF).  

„Es braucht in vielen Bereichen jetzt kreative Lösungen – und sie liegen oft auf der Hand“, sagt AK Präsidentin Anderl. „Mehr Menschen sind arbeitslos, und mehr Menschen werden in Zukunft Pflege und Betreuung brauchen. Was liegt näher, als diese beiden Bereiche miteinander intelligent zu verknüpfen. Es braucht nur eines: den politischen Willen, das auch zu tun.“

Übersicht zur Modellberechnung

2021 2022 2023 2024 2025
Umsetzungsgrad 10% 30% 50% 75% 100%
Leistungsstunden 1.650.000 4.950.000 8.250.000 12.375.000 16.500.000
Kosten Leistungsstunden pro Jahr €    69.948.792 €  214.043.305 €  363.873.618 €  556.726.636 €  757.148.225
Kosten Ausbildung und Deckung des Lebensunterhalts €   31.486.363 €   64.043.262 €   65.131.997 €   82.799.051 €   84.206.635
Kosten gesamt €  101.435.155 €  278.086.567 €  429.005.615 €  639.525.687 €  841.354.860
Ersparnisse & Rückflüsse
Wegfall Förderung 24h-Betreuung €      8.589.182 €    17.367.326 €    17.558.366 €    17.751.508 €    17.946.775
Verzögerung PH-Eintritt 1 Jahr €      8.364.218 €    25.092.655 €    41.821.091 €    62.731.636 €    83.642.182
Einsparungen AMS €    21.258.807 €  129.721.241 €  219.877.504 €  335.423.132 €  454.833.767
Mehreinnahmen Steuern & SV-Beiträge €    11.636.346 €    70.131.334 €  118.881.574 €  181.367.287 €  245.951.968
Einsparungen und Rückflüsse gesamt €    49.848.553 €  242.312.555 €  398.138.535 €  597.273.563 €  802.374.691
Effektive Kosten  €    51.586.602 €    35.774.011 €    30.867.080 €    42.252.124 €    38.980.169

Die positiven Effekte werden im ersten Jahr nur für 6 Monate berücksichtigt (Einschleifeffekt), was zu geringeren Ersparnissen und Mehreinnahmen und damit zu höheren effektiven Kosten führt.

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