28.6.2019

So halten wir das Gesundheitswesen am Laufen!

Eine neue Studie zeigt: Wir bräuchten schon 2020 allein in den Kranken­anstalten ein Personal­plus bei den MTD-Berufen von drei Prozent bzw. 364 Personen mehr, um das personelle Niveau des Jahres 2017 halten zu können. 2025 liegt der Mehrbedarf in den Kranken­häusern bereits bei plus neun Prozent bzw. 950 zusätzlichen Mitarbeiter­Innen in den MTD-Berufen und 2030 sind wir bei plus 15 Prozent oder 1.545 zusätzlichen Personen.

Geht es um die Gesundheits­berufe, stehen häufig ausschließlich Ärztinnen und Ärzte im Mittelpunkt. Die große Vielzahl der anderen Gesundheits­berufe wird selten wahr­genommen. Die Konzentration auf einzelne Gesundheits­berufe reicht allerdings nicht aus, denn nur die Gesamtheit aller Gesundheits­berufe kann eine gute Gesundheits­versorgung sicherstellen. 

Eine der brennendsten aktuellen Fragen ist die zunehmende Personal­knappheit in den Gesundheits­berufen. Die Antwort auf diese Heraus­forderung wird entscheidend dafür sein, ob die Menschen in Österreich auch in Zukunft mit einem ausreichenden Ausmaß an Gesundheits- und Langzeit­pflege­leistungen rechnen können. 

Die alte Regierung hat zwar eine Studie zum Personalengpass in den Pflege­berufen in Auftrag gegeben – unzweifelhaft ein aktuelles und drängendes Thema –, die Situation anderer zentraler Berufe wurde jedoch nicht einmal diskutiert. 

So gibt es bis heute keine Informationen zur Situation der sieben Berufs­gruppen der gehobenen medizinisch-technischen Dienste, kurz als MTD-Berufe bezeichnet. Diese Gruppe umfasst wichtige therapeutische Berufe, wie Physio­therapie, Ergo­therapie, Diätologie, Logopädie und Orthoptik sowie die biomedizinische Analytik und die Radiologie­technologie, ohne die moderne Labor­diagnostik, bildgebende Diagnostik oder Strahlen­therapie nicht möglich wären. 

Dieser Umstand wurde von Gewerkschaften, Berufs­verbänden und Expertinnen und Experten der AK im Rahmen ihres regelmäßigen Austauschs erkannt und diskutiert. Vor diesem Hinter­grund wurde entschieden, dass man nicht länger auf die säumige Politik warten kann. Die AK Wien beauftragte deshalb gemeinsam mit dem Fach­ausschuss für Gesundheits­berufe eine Studie zum Personal­bedarf der sieben MTD-Berufe, um Entscheidungs­grundlagen für die Zukunft zu erarbeiten. Die Arbeiten an der Studie werden bis in zweite Halbjahr 2020 andauern.

Die Zukunft der MTD-Berufe 

Im Rahmen dieser Studie sollen wesentliche Fragen aufgearbeitet werden:

  • Welcher Personal­bedarf in den sieben MTD-Berufen zeichnet sich aufgrund der demo­grafischen Entwicklungen und der bevorstehenden Pensionierungs­wellen ab?
  • Wie wird sich die Situation in den Kranken­anstalten aber auch im niedergelassenen Bereich und in der Langzeit­versorgung entwickeln?
  • Wie sieht die Ausbildungs­landschaft im Bereich der MTD-Berufe aus?
  • Welche Schluss­folgerungen kann man aus unter­schiedlichen Prognose-Szenarien ziehen? 

Nun können wir die ersten Zwischen­ergebnisse vorstellen, die den Stand der Berufs­ausbildungen darstellen und eine erste Abschätzung des demografisch bedingten Mehr­bedarfs an MTD-Berufen liefern.

Auch in den MTD-Berufen stark steigender Personal­bedarf 

Eines kann schon vor Abschluss der Gesamt­studie gesagt werden: die demografische Entwicklung bewirkt einen deutlichen Mehr­bedarf an allen MTD-Berufen.  

2020 – also schon nächstes Jahr – bräuchten wir allein in den Kranken­anstalten ein Personal­plus bei den MTD-Berufen von 3% bzw. 364 Personen mehr, um das personelle Niveau des Jahres 2017 halten zu können. 2025 liegt der Mehrbedarf in den Kranken­häusern bereits bei + 9% bzw. 950 zusätzlichen Mitarbeiter­Innen in den MTD-Berufen und 2030 sind wir bei + 15% oder 1.545 zusätzlichen Personen.  

Dabei sind in diesen Zahlen viele wichtige Faktoren noch gar nicht eingerechnet: der Ersatz für die Mitarbeiter­innen und Mitarbeiter, die in den nächsten Jahren in Pension gehen werden, Veränderungen der Erwartungen an die Versorgungs­angebote, Entwicklung der Teilzeitquote und anderes mehr.

Absoluter demografisch bedingter Mehrbedarf an MTD-Berufen in Krankenanstalten im Vergleich zum Jahr 2017 in Personen

2020 2025 2030
Biomed. Analytik +93 +244 +393
Diätologie +18 +46 +74
Ergotherapie +33 +87 +140
Logopädie +14 +35 +57
Orthoptik +4 +10 +15
Physiotherapie +103 +269 +433
Radiologietechnologie +99 +259 +433
SUMME MTD-Berufe +364 +950 +1.545

Relativer demografisch bedingter Mehrbedarf an MTD-Berufen in Krankenanstalten im Vergleich zum Jahr 2017 in Prozent

  2020 2025 2030
Biomed. Analytik +3% +9% +14%
Diätologie +4% +9% +15%
Ergotherapie +3% +9% +14%
Logopädie +4% +9% +15%
Orthoptik +4% +10% +15%
Physiotherapie +3% +9% +14%
Radiologietechnologie +3% +9% +15%
SUMME MTD-Berufe +3% +9% +15% 

MTD-Ausbildungen: Jung und weiblich 

Im Schnitt ist eine wachsende Anzahl von Studierenden und Absolvent­Innen pro Jahr seit 2011 in den meisten MTD-Sparten zu beobachten, auch wenn es zwischen den einzelnen Jahren Schwankungen gibt. Im Winter­semester 2011/12 belegten 3.285 Personen einen FH-Studien­platz in einer der MTD-Sparen, im Winter­semester 2017/18 waren es 3.950 Studierende.  

In den Studiengängen zeigt sich ein sehr hoher Frauen­anteil von 90 Prozent und mehr. Lediglich in der Radiologie­technologie und der Physio­therapie liegt der Männeranteil bei rund einem Viertel.

Zudem sind die Studierenden eher jüngere Personen, die häufig direkt nach der Matura in die Ausbildungen einsteigen. Quer­einsteiger­Innen in die MTD-Berufe sind eine Seltenheit. 

Das Interesse an den sieben MTD-Berufen ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während es in der Physiotherapie im Winter­semester ein Verhältnis von 17,6 BewerberInnen pro AnfängerIn gab, lag dieses Verhältnis in der Radiologie­technologie bei lediglich 3,2 Bewerber­Innen pro Studienplatz. 

Daran zeigt sich, dass die beiden analytischen MTD-Berufe, die Radiologie­technologie und die Bio­medizinische Analytik, besondere Auf­merk­sam­keit brauchen. Ohne diese Berufe läuft kein Krankenhaus und keine sinnvolle medizinische Diagnostik. Doch die Anzahl der Bewerber­Innen pro Studienplatz und auch jene der Absolvent­Innen liegt unter jener in anderen Sparten. Damit scheint das Nachwuchs­problem in diesen Berufen besonders ausgeprägt zu werden. 

Im Vergleich zu anderen MTD-Berufen gibt es in den Ausbildungen zur Biomedizinischen Analytik und zur Radiologie­technologie die höchsten Drop-out-Quoten. Auch liegt auch die Vermutung nahe, dass die tatsächlichen Arbeits­bedingungen für viele junge Menschen nicht sehr attraktiv scheinen. Die AK-Gesundheits­berufe-Umfrage „Wo drückt der Schuh?“ hat gezeigt, dass die Radiologie­technologInnen im Kreis der MTD-Berufe am unzufriedensten mit Ihrer Arbeitssituation sind. 

Es stellt sich die Frage, ob das aktuelle Ausbildungs­niveau generell ausreichen wird, um den demografisch und pensionierungs­bedingten zusätzlichen Bedarf in den MTD-Berufen zu decken. Denn noch nicht untersucht wurde, wie viele der Absolvent­Innen schlussendlich tatsächlich den erlernten Beruf ausüben. Aktuell gibt es Indizien dafür, dass nicht alle in einem MTD-Beruf Ausgebildeten auch in das entsprechende Arbeitsfeld gehen und damit wertvolle Mitarbeiter­Innen verloren werden.

Verbesserungs­potenziale 

Wichtigste Maßnahme:

  • Mehr Ausbildungs­plätze schaffen und Finanzierung dafür garantieren 

Die vorliegenden Zwischen­ergebnisse zeigen Potenziale bei Männern und Quer­einsteigerInnen auf – zwei Personen­gruppen, die bislang nur in geringem Ausmaß in die MTD-Berufe kommen. 

Sinnvolle Maßnahmen um ausreichend Menschen für die MTD-Berufe zu gewinnen sind:

  • Studien­gebühren für FH Gesund­heits­berufe abschaffen, um den Einstieg in den Beruf zu attraktiver zu gestalten.

  • Selbsterhalter­stipendium über das 35. Lebensjahr hinaus gewähren, damit auch Wieder- und QuereinsteigerInnen der Bildungsweg Richtung Fachhochschulen offensteht.

  • Verbesserung des Bekannt­heits­grades der sieben MTD-Berufen unter SchülerInnen an höheren Schulen

  • Gezieltes Bewerben und Erhöhen der Attraktivität der MTD Berufe für Männer