28.5.2018
Drucken
Zu Merkzettel hinzufügen

PflichtpraktikantInnen – Viele um ihre Rechte betrogen

Wer von der Schule aus ein Praktikum machen muss, lernt oft die Schattenseite der Arbeitswelt kennen. Das kritisieren Arbeiterkammerdirektor Christoph Klein und Susanne Hofer, Jugendvorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten – Druck-Journalismus-Papier. Sie raten den SchülerInnen gerade jetzt, wenn die Verträge für vereinbarte Praktika im Sommer unterschrieben werden, genau auf ihre Rechte zu schauen. Denn die Befragung von über 2.000 SchülerInnen der Handelsakademien und der Handelsschulen zeigt: Die Bedingungen, unter denen PraktikantInnen arbeiten müssen, sind keineswegs immer in Ordnung.

Mehrheit der PraktikantInnen unzufrieden

Wer von der Schule aus ein Praktikum machen muss, lernt oft die Schattenseite der Arbeitswelt kennen. Das kritisieren Arbeiterkammerdirektor Christoph Klein und Susanne Hofer, Jugendvorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten – Druck-Journalismus-Papier. Sie raten den SchülerInnen gerade jetzt, wenn die Verträge für vereinbarte Praktika im Sommer unterschrieben werden, genau auf ihre Rechte zu schauen. Denn die Befragung von über 2.000 SchülerInnen der Handelsakademien und der Handelsschulen zeigt: Die Bedingungen, unter denen PraktikantInnen arbeiten müssen, sind keineswegs immer in Ordnung. 

  • Ein Viertel der PraktikantInnen aus den Handelsschulen bekam kein Gehalt, keinen Lohn – obwohl ihnen in den Lehrplänen – das sind Verordnungen des Bildungsministers – ausdrücklich „einmal oder mehrmals während der Sommerferien ein bezahltes Pflichtpraktikum“ vorgeschrieben ist und in aller Regel auch nach den arbeitsrechtlichen Kriterien ein echtes Arbeitsverhältnis vorliegt, für das die arbeitsrechtlichen Gesetze und der einschlägige Kollektivvertrag gelten. 
     
  • Ein Drittel hatte keinen schriftlichen Arbeitsvertrag
     
  • Knapp die Hälfte musste das Praktikum in einem Bereich machen, der nichts mit ihrer beruflichen Ausbildung zu tun hat. 

Insgesamt sind sechs von zehn Befragten mit dem Praktikum unzufrieden. Klein und Hofer fordern von den Unternehmen, dass sie ihre PraktikantInnen fair behandeln. PraktikantInnen leisten echte Arbeit. Deshalb müssen die für ArbeitnehmerInnen geltenden gesetzlichen und kollektivvertraglichen Bestimmungen auch bei ihnen eingehalten werden, müssen sie insbesondere korrekt bezahlt werden.

So schaut es für die PraktikantInnen aus

Wenn SchülerInnen ein Praktikum machen müssen, heißt es für sie aufpassen. Immer wieder melden sich in der AK Beratung und bei der Watchlist Praktikum der GPA-djp-Jugend enttäuschte Jugendliche, die unter dem Titel „Praktikum“ voll gearbeitet haben, dann aber bestenfalls ein Taschengeld bekommen haben. Denn manche Betriebe gehen davon aus, dass Praktika keine regulären Arbeitsverhältnisse, sondern bloße „Volontariate“ seien. Das widerspricht nicht nur den schulrechtlichen Vorschriften, sondern ist auch arbeitsrechtlich im Normalfall nicht haltbar: Ein Volontariat setzt völlige Unverbindlichkeit voraus, der/die Jugendliche schnuppert bloß in das betriebliche Geschehen. Gibt es aber eine Bindung an Arbeitszeiten, vorgeschriebene Tätigkeiten, Vorgesetzte, die Anweisungen geben und die Arbeitsleistung kontrollieren können – was bei den Praktika in aller Regel zutrifft –, dann liegt ein echtes Arbeitsverhältnis vor. 

AK und GPA-djp-Jugend raten, bereits vor Beginn des Praktikums darauf zu schauen, ob Bezahlung, Beschreibung der Tätigkeit und die Arbeitszeiten passen – und ob sie korrekt bei der Krankenkasse angemeldet werden. 

In den kaufmännischen Schulen (Handelsschulen, Handesakademien) sind Pflichtpraktika seit dem Schuljahr 2014/15 allen SchülerInnen vorgeschrieben. Diese Schulen achten erfreulicher Weise meist sehr darauf, das Praktikum sinnvoll in den Lehrplan einzubinden. Sie kooperierten mit der Arbeiterkammer auch bei den umfangreichen Studien, die das Österreichische Institut für Berufsbildungsforschung und der Soziologe Konrad Hofer erstmals über die Erfahrungen der PraktikantInnen gemacht haben. Ergebnis der Studien: Die Bedingungen für PraktikantInnen müssen verbessert werden.

  • Gratisarbeit leistete ein Viertel der befragten HandelsschülerInnen, im Durchschnitt der Handelsschulen und Handelsakademien mussten zehn Prozent gratis arbeiten. Weitere elf Prozent bekamen nur ein Taschengeld. Christoph Klein und Susanne Hofer befürchten, dass sich immer mehr Jugendliche mit unbezahlten Praktika zufriedengeben, um überhaupt ein Praktikum absolvieren zu können. Denn es müssen sich auch immer mehr junge Leute um ein Praktikum bemühen. 

  • Weder Arbeitsvertrag noch Lohnzettel bekommen: Das war bittere Realität für ein Drittel der Befragten, und das erschwerte ihnen nachzuweisen, dass sie überhaupt ein Praktikum gemacht haben. 

  • Fast die Hälfte war berufsfremd eingesetzt: 45 Prozent orteten eine fehlende inhaltliche Qualität im Praktikum oder vermissten die Facheinschlägigkeit. 

  • Mehr als ein Drittel der PraktikantInnen hatte Schwierigkeiten, einen Praktikumsplatz zu bekommen (36 Prozent). 

  • Sechs von zehn unzufrieden: Eine deutliche Mehrheit von 59 Prozent war mit dem Pflichtpraktikum in mindestens einer Dimension (inhaltliche Qualität, Bezahlung, Rahmenbedingungen) unzufrieden. Nur 41 Prozent bewerten das Pflichtpraktikum in allen Dimensionen als gut oder sehr gut.

Das kritisieren die PraktikantInnen

Der Soziologe Konrad Hofer hat mit 170 PraktikantInnen qualitative Interviews geführt.  Drei beispielhafte Aussagen: 

  • Semanur: „Ich habe mich überall beworben, sogar als Reinigungskraft oder als Lagerarbeiterin, aber immer gab es nur Absagen, niemand will mich.“ 

  • Vera: „Bei den Bewerbungen soll man das Wort Pflichtpraktikum nicht verwenden. Es ist besser sich für einen Ferialjob zu bewerben, dann ist die Frage der Bezahlung kein Problem.“ 

  • Sabine: „Es ist nicht so leicht, dass man einen bezahlten Job findet. Ein Kollege aus unserer Klasse hat drei Samstage in einem Supermarkt umsonst gearbeitet.“

Das wollen AK und GPA-djp-Jugend für die PraktikantInnen

Christoph Klein und Susanne Hofer fordern von den Unternehmen, dass sie ihre PraktikantInnen fair behandeln. Denn die jungen Leute brauchen eine gute Ausbildung, bei der ihnen die Betriebe die Praxis attraktiv und zu fairen Rahmenbedingungen nahebringen. Sollte sich hier nichts ändern, werden sich viele nach Schulabschluss auf andere als kaufmännische Berufsfelder konzentrieren. So wird wertvolle Ausbildungszeit fehlinvestiert, und die Wirtschaft verliert Fachkräfte. Konkret wollen Arbeiterkammer und GPA-djp-Jugend:

  • Umfassende schulrechtliche Definition der Praktika und ihrer Inhalte: Pflichtpraktika leisten dann einen wichtigen Beitrag für den Erstkontakt der SchülerInnen mit der Arbeitswelt, wenn sie gut geregelt und klar definiert sind: verbindliche Ausbildungsinhalte festlegen und überprüfbare Qualitätsstandards für Ausbildungspraktika in Lehr- und Studienplänen.

  • Schluss mit unbezahlten Praktika und volle arbeits- und sozialrechtliche Absicherung der PraktikantInnen. Die Lehrpläne sehen „einmal oder mehrmals während der Sommerferien ein bezahltes Pflichtpraktikum in einschlägigen Betrieben“ vor. Die Schulen sollen ihre SchülerInnen dabei unterstützen, fair entlohnte Praktika zu finden. Die Wirtschaftskammer soll ihre Mitglieder darauf aufmerksam machen, dass Praktika im Normalfall echte Arbeitsverhältnisse sind, genauso wie Unternehmenszentralen darauf schauen müssen, wie PraktikantInnen in den Filialen behandelt werden. Und die Wirtschaft soll der Regelung von Praktika in allen Kollektivverträgen zustimmen. 

    Letzteres würde zu einer win-win Situation für alle Beteiligten führen. Denn finden Arbeitgeber im Kollektivvertrag ihrer Branche eine ausdrückliche Einordnung der PraktikantInnen vor, ist es für sie augenscheinlich, dass ein Praktikum jedenfalls als Arbeitsverhältnis zu behandeln ist. Es ist für sie aber auch eingängiger, dem zu folgen, weil die entsprechenden Lohn- oder Gehaltsgruppen typischerweise berücksichtigen, dass PraktikantInnen noch in Ausbildung stehen. Einschlägige Beispiele sind die Kollektivverträge für den Einzelhandel, die chemische Industrie und die IT-Branche. 

    Im Einzelhandel bekommen PflichtpraktikantInnen mindestens 590 Euro brutto im Monat. Das Entgelt entspricht der Lehrlingsentschädigung, und wie bei Lehrlingen steigt es mit dem Schuljahr, in dem die PraktikantInnen gerade sind. In der chemischen Industrie bekommen PflichtpraktikantInnen mindestens 810 Euro brutto im Monat, in der IT-Branche generell den Betrag der Lehrlingsentschädigung im dritten Lehrjahr, derzeit also 903 Euro brutto. 

  • Arbeitsrecht muss stärker und rechtzeitig in die Lehrinhalte der Schulen einfließen, bessere arbeitsrechtliche Schulung der Lehrkräfte und Hinzuziehung von ArbeitsrechtsexpertInnen im Unterricht; Regelungen in den ausbildungsrechtlichen Vorschriften (Lehrplänen), wonach die hier vorgesehenen Praktika entsprechend vor- und nachbereitet werden. 

  • Mehr Hilfe bei der Praktikumssuche: Die Wirtschaft wollte die Praktika für HAK- und HandelsschülerInnen. Sie soll jetzt auch die Suche erleichtern – zum Beispiel durch regionale Praktikumsbörsen, Datenbanken für offene Plätze und Werbung unter den Betrieben, dass sie ausreichend Plätze zur Verfügung stellen sollen.

Tipps für PraktikantInnen

  • Vor Antritt des Praktikums: sich überzeugen, ob das angebotene Praktikum korrekt als Arbeitsverhältnis samt Sozialversicherungsmeldung behandelt werden wird. Noch einmal zur Erinnerung: Sofern kein Arbeitsverhältnis, sondern nur ein Volontariat angeboten wird, bedeutet das: kein Lohn oder Gehalt nach dem Kollektivvertrag, sondern (wenn vereinbart) ein „Taschengeld“, keine Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, kein Anspruch auf Sonderzahlungen oder Urlaubsanspruch. Dafür darf es dann aber auch keine Bindung an Arbeitszeiten geben, vielmehr muss im Mittelpunkt die Vermittlung von Inhalten passend zur schulischen Ausbildung stehen und nicht eine Arbeitsleistung. 

    Genaue Tätigkeit, Beginn und Ende der Beschäftigung, Arbeitszeit, Entlohnung, eventuell Kost und Quartier sowie einen etwaigen Abzug für Kost oder Quartier in einem Arbeitsvertrag schriftlich vereinbaren sowie die Kollektivvertrags-Zugehörigkeit des Betriebes abklären; ebenfalls Beginn und Ende der täglichen Arbeitszeit vereinbaren und die freien Tage im Vorhinein festlegen. Achtung: Überstunden für Jugendliche unter 18 Jahren sind nicht erlaubt! 

  • Während des Praktikums: Regelmäßig genaue Aufzeichnungen über die tatsächliche Arbeitszeit führen und aufbewahren, um – wenn nötig – die Dauer des Arbeitseinsatzes nachweisen zu können; auch die jeweilige Tätigkeit zur jeweiligen Zeit notieren. Für die Arbeitszeitaufzeichnung gibt es den Zeitspeicher in der AK App unter ak-zeitspeicher.at.

  • Unrichtige Arbeitszeitaufzeichnungen nicht unterschreiben! 

  • Wichtig: Das Unternehmen muss PflichtpraktikantInnen vor Antritt des Arbeitsverhältnisses bei der Gebietskrankenkasse anmelden und ihm/ihr umgehend eine Abschrift dieser Anmeldung aushändigen. Bei einem Pflichtpraktikum ohne Bezahlung bleibt der Unfallversicherungsschutz über die SchülerInnen- bzw. StudentInnenunfallversicherung aufrecht, ebenso eine bestehende Mitversicherung bei den Eltern. 

  • Nach dem Praktikum: Keine – meist klein gedruckte – Verzichtserklärung unterschreiben!
     
  • Wenn zustehendes Entgelt bei einem Arbeitsverhältnis nicht ausbezahlt wurde: nicht zu lange zuwarten, bevor man sich bei Gewerkschaft oder Arbeiterkammer beraten lässt. Wer zu lange wartet, kann aufgrund von Verfallsbestimmungen Geld verlieren.

Das tun AK und GPA-djp-Jugend für die PraktikantInnen

  • Beratung für PraktikantInnen bieten die ArbeitsrechtsberaterInnen der Arbeiterkammer im jeweiligen Bundesland (Kontakte unter www.arbeiterkammer.at), die KollegInnen der Watchlist Praktikum der Gewerkschaft der Privatangestellten – Druck-Journalismus-Papier (www.watchlist-praktikum.at) und die Gewerkschaften der jeweiligen Branche (Kontakte unter www.oegb.at). 

  • Theaterstück „Pflichtpraktikum? So eine Show!“ Mit der Aufführung im Theater Akzent werden Jugendliche auf ihren ersten Kontakt mit der Arbeitswelt vorbereitet. Mehr ...

  • Checkliste Pflichtpraktikum: Um den Schulen die Abwicklung des Pflichtpraktikums und der damit einhergehenden organisatorischen Schritte zu erleichtern, hat die AK Wien eine Checkliste an alle kaufmännischen Schulen ausgeschickt. Diese fungiert als Unterstützungsangebot für SchulleiterInnen, Qualitätsverantwortliche und Lehrkräfte. Mehr ...
     
  •  Unterrichtsmaterial Pflichtpraktikum: Rund ums Pflichtpraktikum hat die AK Wien gemeinsam mit Wirtschaftspädagoginnen ein Unterrichtsmaterial entwickelt, das alle Phasen der Vor- und Nachbereitung des Pflichtpraktikums behandelt (Bewerbungsprozess, Praktikumsportfolio etc.). Die vorliegenden 16 Module sind schulalltagstauglich in den Unterricht integrierbar. Mehr ...

  • Mappe Pflichtpraktikum
    Um Jugendliche bestmöglich mit Information rund um ihre Rechte und Pflichten, arbeitsrechtliche Bestimmungen und praktische Tipps auszustatten, verschickt die AK Wien jedes Jahr zu Schulbeginn Pflichtpraktikumsmappen mit Broschüren, Musterverträgen, Arbeitszeitaufzeichnungslisten usw. an vom Pflichtpraktikum betroffene SchülerInnen aus. Mehr ...

  • Livestream Pflichtpraktikum
    Einen Einblick in die Arbeitsrechte von PflichtpraktikantInnen liefern ExpertInnen von AK und Gewerkschaft im Livestream für alle HAK- und HAS-Schülerinnen. Mehr ...
Daten

ÖIBF-Befragung unter österreichweit 2.951 HAK- und HandelsschülerInnen, von denen 2.168 bereits das Praktikum absolvierten; zusätzlich qualitative Interviews durch das Institut für qualitative Lebens- und Arbeitsweltforschung unter 170 Jugendlichen; beide 2017

Schule: Eltern müssen zahlen

AK Schulausgabenerhebung: Jährlich müssen Eltern bis zu 1.300 Euro pro Kind zum Schulbesuch zuschießen. Die AK fordert mehr Kostenbewusstsein.

Ferialjob

Ein Ferienjob ist ein richtiges Arbeitsverhältnis mit allen Rechten. Wir haben Tipps zusammengestellt, damit der Ferienjob kein Flop wird.

Praktikum

PraktikantInnen sollten selbst auf ihr Recht schauen, denn klare Regeln gibt es selten: Wichtige Tipps, damit das Praktikum kein Flop wird.

TeilenZu Merkzettel hinzufügen

Facebook-Funktion aktivieren

Drucken
Zu Merkzettel hinzufügen
Zum Seitenanfang
Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, sowie welche Daten wir wie lange speichern, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen dazu sowie welche Daten wir wie lange speichern, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen.
OK