20.11.2018

Arbeit in der Langzeit­pflege

Immer mehr Menschen sind in Österreich langfristig auf hochwertige Betreuung und Pflege angewiesen. Heute beziehen rund 456.000 Menschen Pflegegeld. Im Jahr 2050 werden es schon 750.000 sein. Das heißt, dass auch mehr Menschen in Betreuungs- und Pflegeberufen gebraucht werden. Bis 2050 sollen es in der Langzeitpflege rund 40.000 zusätzliche Pflegekräfte sein, schätzen Pflegeorganisationen. Denn neben der demografisch bedingten steigenden Nachfrage nach Pflegeleistungen muss auch die nun beginnende Pensionierungswelle bewältigt werden. Verlässliche Zahlen werden erst nach Abschluss der laufenden Bestandsregistrierung Mitte nächsten Jahres vorliegen.

Dramatische Personallücke 

„Die dramatisch größer werdende Personallücke ist speziell in der Langzeitpflege eines der Hauptthemen, mit denen wir uns auch auf politischer Ebene beschäftigen müssen. Egal, ob es um die Gewinnung von EinsteigerInnen oder um das Halten jener geht, die bereits einen Pflegeberuf ausüben: zentral ist die Frage der Bedingungen, unter denen Pflege und Betreuung im Alltag stattfindet. Denn wenig überraschend bewirken gute Arbeitsbedingungen attraktive Arbeitsplätze während schlechte Arbeitsbedingungen Menschen eher von einer Tätigkeit in diesem Bereich abschrecken“, sagt Renate Anderl, Präsidentin der Bundesarbeitskammer. 

Die Studie von Jürgen Glaser und Christian Seubert von der Universität Innsbruck soll mehr Licht in die tatsächlichen Arbeitsvorgänge in der stationären Langzeitpflege bringen. Sie liefert die Grundlage für die Ermittlung einer Personalausstattung in den Pflegeheimen, die den tatsächlichen Aufgaben und Leistungen entspricht. Denn die heute angewandten Methoden der Personalbedarfsermittlung sind nachgewiesenermaßen nicht geeignet.

Studie

Hier finden Sie die ganze Studie zum Downloaden.

Menschlichkeit ist Teil der Leistung

Betreuung und Pflege ist eine Dienstleistung für Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Das macht einen riesigen Unterschied zur Produktion von Waren. Die menschliche Konstante in der Begegnung zwischen Pflegenden und gepflegten Menschen kann nicht einfach eingespart oder wegrationalisiert werden. Fehlen Beziehung und Kontakt, funktioniert die Leistung „Pflege“ nicht, und sie wird von einer sinnvollen Hilfe zum aufgezwungenem Diktat. Man kann Menschen, die immer langsamer werden, nicht immer schneller pflegen! 

Mehr Zeit für Menschliches macht Pflegeberufe attraktiver

Diese Einsicht ist deshalb von so großer Bedeutung, weil ArbeitnehmerInnen in den Pflegeberufen ihre Arbeit dann attraktiv finden, wenn sie für die unterstützten Menschen zugewandt und auf individuelle Weise da sein können. Ohne Zeit für Betreuung, Kommunikation und Beziehung geht das nicht. Es ist Aufgabe der Arbeiterkammern, aber vor allem auch der Politik, genauer auf diesen Aspekt der Langzeitpflege zu schauen. Tun wir das nicht, werden wir für unseren Bedarf an Betreuung und Pflege nicht mehr genügend Leute haben.

Junge scheiden früh aus  

Aktuell diskutieren wir darüber, wie wir junge Menschen für Betreuungs- und Pflegeberufe begeistern können. Doch diese wissen Bescheid, dass die Arbeit in der Langzeitpflege sehr fordernd und der Grundanspruch auf „gute Pflege“ nur schwierig umzusetzen ist. Junge Beschäftigte unter 25 Jahren können sich im Vergleich zu ihren erfahrenen KollegInnen nur sehr selten vorstellen, den Beruf bis zum Pensionsalter auszuüben. Entsprechend häufig scheiden sie wieder aus der Langzeitpflege aus und wechseln in andere Berufe. 

Die Studienergebnisse zur Arbeit in den Pflegeheimen

Bei all diesen Schwierigkeiten werden keine noch so gut gemeinten Imagekampagnen helfen, wenn wir künftig ausreichend Menschen in den Betreuungs- und Pflegeberufen haben wollen. Schlechte Arbeitsbedingungen sorgen für Probleme mit dem Nachwuchs und mit der langfristigen Arbeitszufriedenheit der Aktiven. Die große Frage der Zukunft lautet daher: Wie können Arbeitsplätze in der Pflege so attraktiv werden, dass wir den steigenden Bedarf tatsächlich decken können? 

Dazu muss man zuerst verstehen, wie die Arbeit in der Langzeitpflege aktuell aussieht. Jürgen Glaser, Christian Seubert und ihr Team von der Universität Innsbruck haben dazu im Auftrag der Arbeiterkammern eine arbeitswissenschaftliche Studie erstellt, in der die Arbeitsrealität der ArbeitnehmerInnen in österreichischen Pflegeheimen systematisch beleuchtet wird. 

Schwerpunkt Kommunikation und Beziehung 

Und hier wird deutlich: Pflege und Betreuung sind in hohem Ausmaß Kommunikations- und Beziehungsaufgaben. 70% der Tätigkeiten sind in den Pflegeheimen mit Kommunikation verbunden. Das ist nicht überraschend: Um Pflege kompetent durchführen zu können, braucht es die Akzeptanz der BewohnerInnen. Und dafür ist eine persönliche Beziehung notwendig, die von Vertrauen getragen ist. Aber es geht auch um den Austausch mit KollegInnen und den Angehörigen der BewohnerInnen. 

Ohne professionelle Kommunikation und Beziehungsarbeit kommt es immer wieder zur Ablehnung der Hilfe und in der Folge häufig auch zu Widerstand in Form von aggressivem bis zu gewalttätigem Verhalten. Die TeilnehmerInnen der Studie berichteten von Tabuisierung, wenn Betreuungs- und Pflegekräfte Ziel von Aggression und Gewalt werden. Es gibt den Wunsch nach mehr Unterstützung bei aggressivem Verhalten der BewohnerInnen. 

Kaum Zeit für persönliche Betreuung 

Leider zeigt die Studie, dass auch die Zeit für emotionale Zuwendung, das persönliche Gespräch mit den BewohnerInnen oder die Begleitung im Alltag viel zu knapp ist. Der Löwenanteil der Kommunikation bezieht sich auf die Durchführung der Unterstützung im Alltag. ArbeitnehmerInnen aus den Pflegeberufen können im Schnitt nicht einmal 10 % ihrer Arbeitszeit für Betreuung aufwenden, bei den SozialbetreuerInnen ist der Anteil etwas höher. Nur bei Heimhilfen liegt der Zeitanteil für Betreuung bei zumindest 20 %. Das macht den Pflegenden Stress, denn sie haben das Gefühl, den BewohnerInnen nicht das geben zu können, was diese dringend brauchen: Zeit für Betreuung. Die Forschungsergebnisse bestätigen dieses erschütternde Bild.

Betreuung von Demenzkranken erfordert spezielle Kompetenz

Dabei ist gute Betreuung besonders wichtig, gerade für Menschen mit Demenz. Begleitet man Menschen mit Demenz, dann müssen Vertrauen und die Beziehung mehrmals täglich aufgebaut werden, weil man sich immer wieder aufs Neue begegnet. Dafür ist viel Fachwissen notwendig, verbunden mit einem enormen Zeitaufwand. Beides wird nicht gesehen, wenn man nur auf die Durchführung reiner Pflegetätigkeiten schaut. Die Betreuungskompetenz zeigt sich in der Praxis am deutlichsten in Krisensituationen, in der die Fachleute für Betreuung – die FachsozialbetreuerInnen – besonders häufig zum Einsatz kommen. In der Begleitung von Menschen mit Demenz wird der Mangel an Betreuungszeit, der mit unzureichender Personalausstattung einhergeht, besonders sichtbar.

Betreuung braucht qualifizierte Hände

Betreuung ist also eindeutig mehr als miteinander Kaffee trinken oder Spazieren gehen, auch wenn es nach außen manchmal so aussehen mag. Betreuung ist das kompetente Eingehen auf Bedürfnisse im Rahmen einer zwischenmenschlichen Begegnung. Doch im Alltag werden Betreuungstätigkeiten häufig als unqualifizierte und mindere Aufgaben gehandhabt. Teilnehmerin an der Studie hat es so formuliert: „Betreuung sollte in qualifizierte Hände gegeben werden, wird jedoch oft von Zivis übernommen“.  

Straffe Arbeitsteilung anstatt „guter Pflege“ 

Mangelnde Zeit für Betreuung, Kommunikation und Beziehungsarbeit senkt die Attraktivität der Arbeit als auch die Qualität für die BewohnerInnen der Pflegeheime gravierend. Tatsache ist, dass kommunikative, emotionale und soziale Arbeitsbestandteile derzeit nicht in den Personalvorgaben berücksichtigt werden. 

Die daraus resultierenden knappen Ressourcen vor Ort führen offenbar dazu, dass mit strafferer Arbeitsorganisationen versucht wird, das Arbeitspensum trotzdem zu erfüllen. Doch durch die zunehmende Arbeitsteilung kommt es laut Studie auch zu einseitigen Arbeitsbelastungen, die von den Anforderungen an eine „gute Arbeit“ wegführen. Ein weiterer Stolperstein auf dem Weg zu attraktiven Arbeitsbedingungen. 

Menschlichkeit nicht als Arbeitsbestandteil anerkannt 

Kurzum: Die Studie zeigt klar auf, dass die personelle Ausstattung in der stationären Langzeitpflege eindeutig zu gering ist. Der zwischenmenschliche Aspekt der Pflege und Betreuung wird nicht oder zu wenig als Arbeitsbestandteil anerkannt, weshalb die Personalbemessung zu gering ausfällt. Die Folgen sind unattraktive Arbeitsplätze, für die es immer schwieriger wird qualifizierte InteressentInnen zu finden und Menschen mit Pflegebedarf, die nicht jene professionelle und menschliche Zuwendung erhalten, die sie brauchen. 

Forderungen der Bundesarbeitskammer 

Eine realistische bedarfsorientierte Personalberechnung ist der Weg zu ausreichend Personal und damit Zeit in der Langzeitpflege. Renate Anderl fordert: „Die Politik muss endlich fundierte Grundlagen für eine bedarfsorientierte Personalberechnung schaffen, die alle Leistungsbestandteile einbezieht. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie können eine gute Grundlage für die ersten Schritte sein.“ 

Die österreichische Bundesregierung könnte sich auch ein Beispiel an Deutschland nehmen. Dort hat die Bundesregierung eine dreijährige Studie mit 4,4 Mio. Euro Budget beauftragt, in der die Grundlagen für eine sinnvolle und angemessene Personalberechnungsmethode entwickelt werden sollen. 

Wissenschaftliche Arbeit braucht natürlich Zeit. Um die Situation unmittelbar zu verbessern und die Arbeit in der Langzeitpflege attraktiv zu machen, müssen Sofortmaßnahmen ergriffen werden. Das sind beispielsweise:

  • Keine Nachtdienste mehr alleine in einer Station oder einem Wohnbereich – der Zusatzbedarf muss auch zusätzlich finanziert werden, sonst fehlt die Zeit am Tag
  • PflegeschülerInnen, Zivildiener oder Freiwillige dürfen nicht in die Personalbedarfsrechnung einbezogen werden
  • Fehlzeiten von MitarbeiterInnen, wie Urlaube, Krankenstände, Fortbildungen, Mutterschutz und ähnliches müssen hingegen berücksichtigt werden, um den Personalbedarf realistischer zu ermitteln.
  • Gleicher Lohn für die Arbeit in der Langzeitpflege wie in den Akutkrankenhäusern