17.6.2019

Neue Studie: JedeR Zweite von Diskriminierung betroffen

Es trifft die Hälfte der Bevölkerung: Diskriminierung, also eine schlechtere Behandlung aufgrund von Geschlecht, Familien­stand, Alter, ethnischer Herkunft, Religion, sexueller Orientierung, Be­ein­trächtigung oder sozialer Stellung. Das zeigt eine neue Studie von SORA im Auftrag der Arbeiter­kammer, für die 2.300 Personen zwischen 14 und 65 Jahren befragt wurden.

Die Arbeiter­kammer fordert, den Schutz vor Diskriminierung auszuweiten: „Wenn fast jede bzw. jeder Zweite einmal diskriminiert wurde, ist das kein Minder­heiten­problem mehr, das alle anderen nichts angeht. Wir brauchen hier mehr Solidarität und mehr Respekt!“, so AK Präsidentin Renate Anderl. 

Fast die Hälfte aller Befragten (43%) gibt an, sich in den Jahren 2016 bis 2018 zumindest einmal in einem der vier abgefragten Lebens­bereiche schlechter behandelt bzw. diskriminiert gefühlt zu haben. Wer in welchem Bereich wie häufig Diskriminierung erlebt, ist aber stark von individuellen Merkmalen abhängig. So erleben Personen mit Migrations­hinter­grund oder einer muslimischen Religions­zu­gehörigkeit doppelt so häufig (62% bzw. 78%) eine Schlechter­behandlung als Personen ohne Migrations­hinter­grund (37%) oder mit einer christlichen Religions­zu­gehörigkeit (39%). 

Schwule, lesbische oder bisexuelle Befragte weisen gegenüber hetero­sexuellen Befragten eine mehr als drei Mal so hohe Wahr­schein­lich­keit auf, eine Schlechter­behandlung zu erleben. Menschen, die sich weiter unten in der Gesell­schaft sehen, geben doppelt so häufig an, auch aufgrund ihrer sozialen Lage diskriminiert worden zu sein, als Menschen, die sich z.B. in der Mitte der Gesellschaft sehen. 

Diskriminierungs­erfahrungen

Arbeit (einschließlich Jobsuche): Am häufigsten haben die Befragten (21%) in den letzten 3 Jahren persönlich Diskriminierungs­erfahrungen in der Arbeitswelt gemacht. Als häufigste Gründe werden Nachteile beim Ein­kommen, beim Aufstieg oder bei Gehalts­erhöhungen sowie bei der Job­vergabe aufgrund persönlicher Merkmale genannt. 

13% der Befragten haben in den letzten 3 Jahren im Bereich Wohnen (Wohnungs­suche bzw. in der Wohn­umgebung) erlebt. Besonders häufig werden überteuerte Mieten und keine Rückmeldungen auf Besichtigungs­anfragen erlebt. 

Im Gesund­heits­bereich geben 8% der Befragten an, in den letzten 3 Jahren Benachteiligungen bei der medizinischen Versorgung erlebt zu haben. Vor allem schlechtere Behandlung, Wartezeiten auf Behandlungen und hohe Behandlungs­kosten wurden als diskriminierend wahr­genommen. Erzählt wird, dass kaum Zeit für ihre Anliegen war und Beschwerden nicht ernst genommen wurden. 

10% geben an, dass sie im Bildungs­bereich Diskriminierung erlebt haben. Vor allem abwertendes Verhalten von Lehrern, unfaire Benotung und im Unter­richt nicht zu Wort kommen werden am häufigsten erlebt.

Diskriminierungserfahrungen © Andreas Kuffner

Problem Macht­gefälle

Auffallendes Ergebnis der SORA-Studie im Auftrag der Arbeiter­kammer ist: In allen Bereiche ist für Diskriminierung das Machtgefälle relevant. So geht von Vorgesetzten im Unternehmen, Vermieter­Innen und Haus­verwaltungen, ÄrztInnen und Pflegepersonal sowie Lehrpersonal häufiger die Diskriminierung aus als von Arbeits­kolleg­Innen, Mitschüler­Innen oder Wohnungs­nachbarn.

Außerdem zeigt die Studie, dass der soziale Status ein wichtiger Faktor für Benachteiligung ist: Menschen mit niedrigerem sozialen Status haben ein deutlich höheres Diskriminierungs­risiko als jene mit hohem sozialen Status.

Unsere Forderungen

Aus AK Sicht ist ein ganzes Bündel von Maß­nahmen notwendig, um Menschen vor Diskriminierung zu schützen: 

Verbesserungen im Gleich­behandlungs­recht
Einen Schutz vor Diskriminierung gibt es in Beschäftigung und Beruf aufgrund des Geschlechts, der ethnischen Zu­ge­hörig­keit, der sexuellen Orientierung, des Alters, der Behinderung der Religion oder Welt­anschauung. Lücken gibt es allerdings außerhalb der Arbeits­welt – hier sind nur die Merkmale Geschlecht, ethnische Herkunft und Be­hin­derung geschützt. Der Schutz muss auch für die Merkmale der sexuellen Orientierung, des Alters, der Religion oder Welt­an­schauung (Levelling-up) gelten. 

Ausbau der Gleich­behandlungs­anwaltschaft und der NGO’s, die bei Diskriminierung unterstützen sowie bessere Ausstattung der Gleich­behandlungs­kommission: eine Warte­zeit von durchschnittlich 1,5 Jahre bei Diskriminierungen in der Arbeits­welt ist für Betroffene eine Zumutung, die Entscheidungen müssen rascher gefällt werden.  

Strukturelle Benach­teiligungen beseitigen
Chancen­gleichheit muss in allen Bereichen hergestellt werden: das beginnt bei einem Ausbau der Elementar­bildung, Ganztags­schulen und einem durchlässigen Bildungs­system, Unterstützung bei der Arbeits­suche, Zugang zu leist­barem Wohn­raum bis hin zu transparenten Strukturen bei der Bezahlung und beim Berufs­aufstieg und familien­freundlichen Arbeits­zeiten.