Baby mit Schnuller © Kristin Gründler, stock.adobe.com
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19.1.2022

Väterkarenz: Kurz oder gar nicht

Seit mehr als 30 Jahren haben Männer in Österreich per Gesetz die Möglichkeit, in Väterkarenz zu gehen. Und obwohl sich die Zahl der männlichen Kinderbetreuungsgeld-Bezieher zwischen 2006 und 2018 mehr als verdoppelt hat – von rund 5.800 auf 14.500 – ist ein genauer Blick auf die Zahlen ernüchternd: In acht von zehn Partnerschaften gibt es keine Väterbeteiligung! 

„Die Väterkarenz führt nach wie vor ein Schattendasein. Das heißt, es braucht mehr Anstrengungen, aber auch Anreize, um zu einer gerechteren Verteilung der Kindererziehung und der Familienzeit zwischen Mutter und Vater zu kommen“, sagt Christoph Klein, Direktor der AK Wien.

„Traditionelle Rollenbilder müssen endlich aufgebrochen werden. Da sind vor allem die Unternehmen gefordert, Männer auch in ihrer Rolle als Vater zu bestärken und ihnen nicht auch noch Steine in den Weg zu legen.

Denn wir sehen eines schon ganz klar: Vor allem junge Väter wollen nicht nur Wochenend-Väter sein, sondern von Geburt an ihre Kinder gleichberechtigt beim Aufwachsen begleiten“, ergänzt Ingrid Moritz, Leiterin der AK Wien Abteilung Frauen und Familie. 

Video

Über detaillierte Auswertungen aus dem AK Wiedereinstiegsmonitoring und darüber, was es braucht, um die notwendige Väterbeteiligung zu erhöhen, informieren AK Direktor Christoph Klein und Ingrid Moritz (Leiterin der Abteilung Frauen und Familie, AK Wien):



Was ist das Wiedereinstiegsmonitoring? 

Im Wiedereinstiegsmonitoring wird die Erwerbs- und Einkommenssituation von Müttern und Vätern nach der Geburt eines Kindes analysiert. Basis der aktuellen Auswertung sind die anonymisierten Daten von 760.897 Personen (644.751 Frauen und 116.146 Männer). Das sind all jene, die von 2006 bis 2018 in Österreich Kinder bekommen haben (ausgenommen sind Selbstständige und Beamt:innen). Der Beobachtungszeitraum ist jedoch deutlich länger und reicht bis Mitte 2020.  

Die Daten werden seit 2013 alle zwei Jahre ausgewertet. Konzipiert wurde das Wiedereinstiegsmonitoring von der L&R-Sozialforschung im Auftrag und in Zusammenarbeit mit der AK Wien.  

Im aktuellen Monitoring wurde zudem im Rahmen einer sogenannten logistischen Regressionsanalyse untersucht, was längere Väterkarenzen in Partnerschaften fördert – und zwar bezogen auf das Jahr 2016. Damit kann der positive oder negative Einfluss einzelner Faktoren auf längere Väterkarenzen im Gesamtzusammenhang dargestellt werden. Insgesamt wurden 16 Einflussvariablen auf ihre Relevanz für die Väterkarenz untersucht. 

Väterkarenz – die Ergebnisse 

  • Bei acht von zehn Paaren geht der Mann weder in Karenz noch bezieht er Kinderbetreuungsgeld. 

  • Nur 2% der Väter in Partnerschaften unterbrechen die Erwerbstätigkeit für drei bis sechs Monate, lediglich 1% für mehr als sechs Monate. 10% der Väter in Karenz wählt eine Karenzdauer, die nicht länger als drei Monate dauert. Weitere 6% beziehen zwar Kinderbetreuungsgeld, unterbrechen aber ihre Erwerbstätigkeit nicht.  

Väterkarenz in Partnerschaften © L&R Sozialforschung
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  • Seit Beginn des Beobachtungszeitraumes im Jahr 2006 ist die Zahl der männlichen Kinderbetreuungsgeld-Bezieher im letzten Beobachtungsjahr erstmals sogar rückläufig. Dies könnte ein Verdrängungseffekt des 2017 eingeführten Familienzeitbonus sein.

    Denn dessen erstmalige Auswertung im Wiedereinstiegsmonitoring zeigt: Ein Großteil der Väter, die den Papamonat in Anspruch nehmen, beziehen in der Folge kein Kinderbetreuungsgeld. Dieser Befund bestärkt unsere Forderung, den Familienzeitbonus nicht vom Kinderbetreuungsgeld abzuziehen. Insgesamt wird der Papamonat noch wenig aber mit steigender Tendenz in Anspruch genommen – 2019 wurde bei acht Prozent der Geburten der Familienzeitbonus genutzt. 

  • Je besser der Mann verdient, desto kürzer fällt die Karenz aus. Niedrigere Männereinkommen wirken neutral.  

  • Verdient die Partnerin 4.000 Euro aufwärts, fördert dies eine längere Väterkarenz.  

  • Eine Beschäftigung des Vaters im Öffentlichen Dienst ist kein Treiber für eine längere Väterkarenz. Die höchste Wahrscheinlichkeit einer längeren Väterkarenz findet sich bei einer Beschäftigung im Sozialwesen. Eine geringere Wahrscheinlichkeit für längere Väterkarenzen besteht dagegen in der Finanz- und Versicherungsbranche, am Bau und in der Waren-Produktion.  

  • Überraschend ist, dass eine Beschäftigung in größeren Unternehmen, in denen öfter betriebliche Vereinbarkeitsmaßnahmen etabliert sind, die Wahrscheinlichkeit einer längeren Väterkarenz nicht erhöht. 

  • Bei den Väterkarenzen gibt es auch ein Stadt-Land-Gefälle: In Städten nehmen Männer deutlich längere Karenzen in Anspruch als in ländlichen Gebieten. Es ist anzunehmen, dass fehlende Kinderbetreuung sowie auch Unsicherheiten bei der Kinderbetreuung traditionelle Rollenmuster verstärken. Verlässliche Kinderbetreuungsmöglichkeiten ermöglichen Eltern eine bessere Planbarkeit von partnerschaftlicher Teilung und Wiedereinstieg. 

  • Männer verdienen nach einer Karenz langfristig sogar besser, Frauen dagegen schlechter.
     Konkret verdienten 54% der Frauen vor der Karenz 2.000 Euro und mehr (Monatseinkommen brutto, Kohorte 2007). Zwölf Jahre später sieht das Bild so aus: Nur mehr 47% verdienen mehr als 2.000 Euro. Dagegen verdienten 66% der Männer vor der Karenz 2.000 Euro und mehr.
     
    Ebenfalls zwölf Jahre später: 74% der Männer verdienen über 2.000 Euro. Wesentlicher Grund für dieses Auseinanderklaffen der Einkommen nach einer Karenz zwischen Müttern und Vätern ist die deutlich längere Erwerbsunterbrechung bei Müttern und die Tatsache, dass die Väter nach der Karenz fast ausschließlich wieder Vollzeit arbeiten, Frauen dagegen zum Großteil Teilzeit arbeiten (Teilzeit ist allerdings in den Daten nicht erfasst und kann daher auch im Wiedereinstiegsmonitoring nicht erfasst werden). 
Karenz - Finanzielle Folgen nur für Frauen © L&R Sozialforschung
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„Insgesamt gesehen bleibt die Karenz also für die Männer eine Option, während sie für die Frauen eine Selbstverständlichkeit ist“, fasst AK Abteilungsleiterin Moritz zusammen. 

Ergebnisse einer AK Online-Umfrage unter Eltern

Dass hier Handlungsbedarf besteht, zeigt auch eine Online-Umfrage der AK Wien unter Eltern (Frühjahr 2021 mit einer Beteiligung von 842 Personen):                                        

  • Knapp 44% der Umfrage-Teilnehmer:innen sprechen sich dafür aus, dass eine höhere Väterbeteiligung gesetzlich geregelt werden soll. 

  • Fast 64% sind dafür, dass Unternehmen punkto Väterbeteiligung mehr in die Pflicht genommen werden müssen. Keine Väterbeteiligung oder der geringe Anteil einer meist nur zweimonatigen Karenz als gelebte betriebliche Realität hinken gehörig hinter den Lebensrealitäten der Eltern hinterher. 

„Um nachhaltig eine höhere Väterbeteiligung und eine faire Aufteilung der Familienarbeit zu erreichen, muss an mehreren Hebeln gleichzeitig angesetzt werden“, plädiert AK Direktor Klein.

Unsere Forderungen

  • Betriebliche Maßnahmen – Die Betriebe sind gefordert, Männer auch als Väter wahrzunehmen und dementsprechend zu fördern. Wichtig wäre daher, dass sowohl der öffentliche Bereich als auch größere Unternehmen deutlich mehr gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen. Betriebe, die hier mit gutem Beispiel vorangehen, wären sehr wichtig, um einen Kulturwandel herbeizuführen 

  • Höheren Mindestanteil des Kinderbetreuungsgeldes für Väter reservieren bei partnerschaftlicher Teilung – Gesetzlich gibt es schon bisher die Möglichkeit, dass Eltern die Karenz Halbe – Halbe aufteilen. Bis auf einen gesetzlich festgelegten Mindestanteil je Elternteil von zwei Monaten gibt es keine Vorgaben bezüglich Aufteilung zwischen den Elternteilen. Väter schöpfen in der Regel nur die Mindestdauer aus, die sich zur Norm entwickelt hat. Es ist daher anzunehmen, dass eine Ausweitung dieser Mindestdauer die Akzeptanz einer längeren Väterkarenz in Gesellschaft und Unternehmen stärkt.  

  • Kinderbildungseinrichtungen ausbauen – Es braucht eine Milliarde Euro mehr pro Jahr. Damit könnten in der Elementarpädagogik sowohl qualitative als auch quantitative Verbesserungen erzielt werden. Sprich: mehr Personal, kleinere Gruppen und somit ein besserer Betreuungsschlüssel, ganztägige Öffnungszeiten, mehr Plätze vor allem für unter 3-Jährige. Zudem könnten so Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Wiedereistieg in den Job für Eltern verbessert werden.  

  • Nimmt ein Vater den Familienzeitbonus in Anspruch, wird in Folge das Kinderbetreuungsgeld gekürzt. Aus unserer AK Beratung wissen wir, dass deshalb viele Väter nach der Geburt eines Kindes Urlaub nehmen, anstatt in Papamonat zu gehen, um kein Kinderbetreuungsgeld zu verlieren. Wer den Familienzeitbonus in Anspruch nimmt, dem soll künftig das Kinderbetreuungsgeld nicht mehr gekürzt werden. 

  • Familienarbeitszeit einführen – Wenn sich Eltern die Erziehung ihres Kindes teilen, soll es finanzielle Anreize geben. Konkret sieht das AK/ÖGB-Modell der Familienarbeitszeit folgende Eckpunkte vor: 
    • Arbeitszeitausmaß: 28 bis 32 Stunden pro Woche
    • Dauer: mindestens vier Monate, maximal kann Familienarbeitszeit-Geld bis zum 4. Geburtstag des Kindes bezogen werden
    • Entgeltersatz: 250 Euro Pauschale pro Elternteil pro Monat.
    • Alleinerziehende, die ebenfalls zwischen 28 bis 32 Stunden arbeiten, sollen den gleichen Bonus wie ein Elternteil bei der Familienarbeitszeit erhalten 

  • Diese Maßnahmen unterstützen auch mehr Einkommensgleichheit zwischen den Geschlechtern. Das ist wichtig, um Frauen ein eigenständiges existenzsicherndes Auskommen zu sichern. Und es ist auch eine Entlastung der Männer, wenn der Familien-Lebensunterhalt nicht nur oder zum Großteil auf ihren Schultern lastet. Das ist gerade in der Corona-Krise mit hoher Arbeitslosigkeit und Phasen der Kurzarbeit wichtiger denn je. Von partnerschaftlicher Teilung profitieren Mütter, Väter und die Kinder.

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