Forscherin © Dragana Gordic, stock.adobe.com
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6.12.2022

Wissenschaftsstandort in Gefahr

Unzureichendes Budget, schlechte Zukunftsperspektiven und Arbeitsbedingungen für Nachwuchswissenschafter:innen gefährden den Wissenschafts- und Forschungsstandort Österreich.

Studie

Die gesamte Studie finden Sie hier

Schlechte Arbeitsbedingungen und Perspektiven

Wissenschafter:innen sind am Beginn ihrer Karriere mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert. Befristete und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, hoher Erwartungsdruck sowie fehlende langfristige Karriereperspektiven erschweren die Lebensplanung. Das zeigen Studienergebnisse der im Auftrag der Arbeiterkammer Wien durchgeführten Sonderauswertung der Academic Profession in a Knowledge Society (APIKS)-Daten durch die Universität für Weiterbildung Krems (Lessky, Geppert, Campbell und Pausits) eindrücklich.

Gleichzeitig prägen die Qualität und die Attraktivität österreichischer Hochschulen als Arbeitgeber die zukünftigen Chancen des Forschungs- und Wissenschaftsstandorts. Befristete Arbeitsverhältnisse, fehlende Karriereperspektiven und ein wachsender Anforderungsdruck, weit über die vertragliche zugesicherte Arbeitsleistung hinaus, führen einem starken Abwanderungsdruck aus der Wissenschaft und erschweren die Planbarkeit des Privatlebens.

Es herrscht deshalb hoher politischer Handlungsbedarf, denn schlechte Bedingungen für Nachwuchswissenschafter:innen machen nicht nur wissenschaftliche Laufbahnen in Österreich unattraktiv, sondern sie gefährden mittel- bis langfristig den Forschungs- und Wissenschaftsstandort. Dieser Trend wird durch das unzureichende Krisenbudget weiter befeuert.

Einbruch der Zufriedenheit der Wissenschafter:innen

Zwischen den Jahren 2010 – 2021 zeigt sich ein deutlicher Einbruch um ein Drittel in der generellen Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz an Universitäten trotz unterschiedlicher Datenherkunft. Die Unzufriedenheit speist sich aus zwei zentralen Elementen:

1. Beschäftigungsdauer
2. Karrieremöglichkeiten & Karriereerwartungen

Die Studie zeigt, dass Forscher:innen mit befristeter Beschäftigungsdauer unzufriedener (38%) sind als jene mit unbefristeten Verträgen (13%). Zudem bestehen große Unterschiede in der Unzufriedenheit mit den Vertragsbedingungen zwischen Junior Academics (32%) und Senior Academics (11%). Generell ist erkennbar: Je prekärer die Arbeitssituation der Forscher:innen, desto unzufriedener sind diese.

Befristete Verträge bleiben die Norm

Der Anteil an befristet Beschäftigten ist an öffentlichen Universitäten (63%) mehr als doppelt so hoch wie an Pädagogischen Hochschulen (24%) oder Privatuniversitäten (30 %). Besonders stark ausgeprägt sind Befristungen in den Ingenieurs- (57%) und Naturwissenschaften (60%).

Nochmal drastischer wird es, wenn man einen Blick auf die wissenschaftliche Zukunft wirft. Unter Nachwuchswissenschafter:innen liegt der Anteil an Befristungen bei 70%, während er bei den Senior Academics bei 12 % liegt. Eine perspektivische Lebensplanung wird dadurch deutlich erschwert. Die sich wiederholenden Befristungen fallen in eine Lebensphase, in der Karriereaufbau und Familienplanung leider immer noch oft in Konkurrenz zueinanderstehen.

Mit der Einführung der UG-Novelle 2021 wurde eine Höchstbefristungsdauer von acht Jahren festgelegt. Diese führte aber nicht zu dem gewünschten Ergebnis. Durch die Aneinanderreihung von befristeten Verträgen verlieren die Beschäftigten ihren Kündigungsschutz nach dem Antidiskriminierungsrecht und weiteren Kündigungsschutznormen.

Der Arbeitgeber braucht nach Fristablauf einfach keinen weiteren Arbeitsvertrag anbieten. In der Praxis bedeutet diese Regelung einen massiven Verlust von Knowhow aufgrund höherer Fluktuation, Braindrain oder dem gänzlichen Ausstieg aus der Wissenschaft. Längerfristige Forschungsvorhaben werden dadurch zusätzlich erschwert.

Karriere in der Wissenschaft: Unerfüllte Träume für den Nachwuchs

Gerade Nachwuchswissenschafter:innen bewerten ihre Karrieremöglichkeiten im wissenschaftlichen System besonders schlecht. Fast die Hälfte (48%) der Befragten schätzt ihre Karrieremöglichkeiten als negativ ein. Besonders stark ausgeprägt ist dies in den Ingenieurs- und Agrarwissenschaften. In diesen Studienrichtungen bewerten nur 21% und 22% der Befragten ihre Karrieremöglichkeiten als positiv. Dabei würden fast drei Viertel der Jungwissenschafter:innen gerne eine Karriere in der Wissenschaft einschlagen.

Hinzu kommt, dass eine Verschlechterung der Situation droht. Im vorliegenden Budgetentwurf ist eine Erhöhung des Budgets der Universitäten von 500 Mio. Euro vorgesehen. Dieser Betrag deckt jedoch die Mehrkosten der Universitäten in den nächsten beiden Jahren nicht ab. Daher haben verschiedene Hochschulen bereits einen Aufnahmestopp für neue Mitarbeiter:innen und den Rückbau von zentralen Leistungen angekündigt. Ein Aufnahmestopp für neue Mitarbeiter:innen bzw. das Aussetzen von Verlängerungen befristeter Verträge wird den wissenschaftlichen Nachwuchs besonders stark treffen.

Gute Arbeitsbedingungen und Zukunftschancen für Jungwissenschafter:innen sichern den Forschungs- und somit auch Wirtschaftsstandort Österreich. Die Studiendaten zeigen klar: In diesem Bereich bedarf es dringend einer Reihe von Verbesserungen und Sicherstellung der Finanzierung

Unsere Forderungen

  • Finanzierung der Hochschulen, die Mehrkosten aufgrund der Teuerung abdeckt - der derzeitige Budgetentwurf deckt lediglich weniger als die Hälfte der erwarteten Mehrkosten (Energie, Mieten, Personal) ab.

  • Verpflichtung der Universitäten zur einer nachhaltigen Personalstrukturplanung. Diese muss folgende Punkte berücksichtigen:
    o Schaffung von Entwicklungsperspektiven für Jungforscher:innen.
    o Verbesserung der Arbeitsbedingungen, insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Umgang mit unbezahlter und impliziter Mehrarbeit im akademischen Betrieb von Nachwuchswissenschafter:innen.

  • Umfassende Novellierung der Kettenvertragsregel im §109 des UG und gesetzliche Anpassung an die Interessenslage der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sollte tatsächlich eine sachliche Notwendigkeit zu Befristungen und Kettenverträgen bestehen, muss dies im gewohnten und bewährten Dialog mit den zuständigen Arbeitnehmerinteressenvertretungen ausführlich begründet und neu verhandelt werden.

  • Im Budget müssen ausreichende Mittel zur Erreichung des Betreuungsverhältnisses (Verhältnis Lehrpersonal zu prüfungsaktiven Studierenden) vorgesehen werden. Aktuell wird das Ziel 1:37 bis 2030 deutlich verfehlt (Ist-Zustand 2021: 1:39,5).

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