Schulkinder mit Masken © Halfpoint, adobe.stock.com
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22.6.2021

Schulschließungen dürfen ab Herbst nur Ausnahme sein

„Spätestens ab Schulschluss muss das nächste Schuljahr so vorbereitet werden, dass Schulschließungen nur die Ausnahme sind“, verlangt AK Präsidentin Renate Anderl. Während der Pandemie seien die Beschäftigen in den Bildungseinrichtungen vielfach über sich hinausgewachsen, um den Kindern und Jugendlichen gute Rahmenbedingungen zu ermöglichen.

Schulen krisensicher machen

In einem offenen Brief an Bildungsminister Faßmann und Gesundheitsminister Mückstein fordert die AK Präsidentin gemeinsam mit AK Direktor Christoph Klein, den Sommer für die Vorbereitung möglichst offener Schulen im Herbst zu nutzen: „Wir von der Arbeiterkammer wissen um die hohe Belastung von berufstätigen Eltern und ihren Kindern und Jugendlichen während der langen Monate des Distance-Learnings, der Lock-Downs und etwaiger Quarantänezeiten.“ Um die Eltern und ihre Kinder zu entlasten, schlägt Anderl eine Reihe von Maßnahmen vor.

Ziel müsse es sein, „dass Kinder und Jugendliche möglichst wenig Zeit im Distance-Learning verbringen“, so Anderl. „Gesundheitsrisiken müssen minimiert und gleichzeitig Bildungsangebote und Kontaktmöglichkeiten zu KlassenfreundInnen sichergestellt werden.“

Dafür sollen Schulen über den Sommer ausarbeiten können, wie sie Unterricht ins Freie verlagern können. Eine weitere Möglichkeit ist, bei Bedarf auf Projektunterricht in Kleingruppen zu setzen. Und es soll inhaltliche Schwerpunktsetzungen und Priorisierungen geben, damit trotz reduzierter Lernzeiten die Lernqualität sichergestellt werden kann.

Mehr Gemeinschaftserlebnisse und Bewegung

Den Kindern und den Jugendlichen sollen auch mehr Gemeinschaftserlebnisse und Bewegung ermöglicht werden. Dazu fordert Anderl für jede Klasse eine Projektwoche im Wintersemester. Pro SchülerIn sollen dafür 50 Euro zur Verfügung gestellt werden. Aufgestockt werden sollen Sozialarbeit und Schulpsychologie, und die Kinder und Jugendlichen brauchen Förderung für sportliche Aktivitäten.

Die Schulen sollen überdies eine zweite Lehrperson pro Klasse in den Hauptnachhilfefächern Mathematik und Deutsch einsetzen können. Mittelfristig sollen die Schulen nach dem AK Chancenindex finanziert werden – je mehr Kinder in einer Schule mehr Förderung brauchen, desto mehr Mittel soll die Schule zur Verfügung gestellt bekommen.

Für Lehrlinge verlangt die AK Präsidentin Unterstützung, damit sie sich auf die Lehrabschlussprüfung vorbereiten und Qualifizierungen nachholen können. Außerdem sollen sie eine Freistellung vom Betrieb für Lerntage bekommen, um den Lernstoff festigen zu können.

Offener Brief an Faßmann und Mückstein im Wortlaut

Sehr geehrter Herr Bundesminister Faßmann,
Sehr geehrter Herr Bundesminister Mückstein,

als Arbeiterkammer wissen wir um die hohe Belastung von berufstätigen Eltern und ihren Kindern und Jugendlichen während der langen Monate des Distance-Learnings, der Lock-Downs und etwaiger Quarantänezeiten. Die Schulleitungen, Lehrkräfte und schulisches Unterstützungspersonal sind während der Pandemie über sich hinausgewachsen, um den Kindern und Jugendlichen gute Rahmenbedingungen in diesen herausfordernden Zeiten zu ermöglichen. Deshalb möchte ich mich an Sie wenden, um sicherzustellen, dass das kommende Schuljahr seitens der Regierung und Verwaltung bestmöglich vorbereitet wird.

Lern- und Sozialraum Schule krisensicherer machen

Trotz positiver Entwicklungen beim Infektionsgeschehen ist der Schulbetrieb im Wintersemester 21/22 weiterhin mit großen Unsicherheiten verbunden. Ich appelliere an Sie, die Sommermonate zu nützen, um gemeinsam mit allen Beteiligten den Schulbetrieb vorzubereiten. Der Sommer sollte genützt werden, um mit den Standorten einen Schulbetrieb in Szenarien vorzubereiten, was vor Ort machbar und sinnvoll umzusetzen ist. Ziel muss es sein, dass Kinder und Jugendliche möglichst wenig Zeit im Distance-Learning verbringen. Physische und psychische Gesundheitsrisiken müssen minimiert und gleichzeitig Bildungsangebote und Kontaktmöglichkeiten zu KlassenfreundInnen bzw. soziale Kontakte sichergestellt werden.

AK Vorschläge für krisensichere Schulen im Wintersemester 2021/22:

  • Outdoor-Lernen: Jede Schule ist in ein anderes Umfeld eingebettet und die Wintermonate sind witterungsbedingt nicht gut für das Lernen im Freien geeignet. Dennoch kann dies ein wichtiger Puzzlestein sein, um zumindest in direktem Kontakt mit der Klasse zu bleiben. LehrerInnen und Schulen sollen ausarbeiten, welche Freiflächen sie nützen können und wollen, welche konkreten Projekte auch bei Kälte und Schlechtwetter umsetzbar wären. Die Bildungsdirektionen sollten die Schulen mit Ideen, Vorschlägen und Ausstattungsmaterialien bei der Vorbereitung unterstützen. 
  • Projektunterricht in Kleingruppen: Eine weitere Möglichkeit ist, bei Bedarf Kleingruppenunterricht oder -projekte einzurichten. In dieser Phase sollen weder Lehrpersonen noch SchülerInnen die Gruppen wechseln. Vereine im Schulumfeld sollen zur Planung und Umsetzung einbezogen werden.
  • Schwerpunktsetzungen: Um trotz reduzierter Lernzeiten die Qualität des Lernens, die Zeit für Üben und Wiederholen von Gelerntem sicherzustellen, sollen inhaltliche Schwerpunktsetzungen und Priorisierungen für das Schuljahr 21/22 gemacht werden.
  • Distance-Learning-Angebote: Das Distance-Learning, z.B. während der Quarantäne, braucht auch zentrale digitale Angebote, auf die LehrerInnen im Bedarfsfall zurückgreifen können.
  • Technische Präventions- und Hygienemaßnahmen: Schulen sollten technisch so ausgestattet werden, dass das Infektionsrisiko weiter gesenkt wird. Die Ausstattung mit Luftreinigern, - CO2 Messgeräten und Ähnlichem sollte vom Bund im Sinne der Prävention übernommen werden. Das sind langfristig sinnvolle Ausstattungsinvestitionen, dementsprechend muss die langfristige Instandhaltung gewährleistet werden. Im Sommer sollten die Schulen ausgestattet werden und ihren Bedarf melden können.
  • Deutschförderklassen: Für SchülerInnen in Deutschförderklassen sollte eine möglichst rasche Einbindung in den Regelunterricht gewährleistet werden (etwa durch flexiblere Einsatzmöglichkeit des MIKA-D).

Kinder und Jugendliche stärken – Druck raus, Unterstützung rein

Durch die hohen Belastungen für Familien und die fehlenden Sozialkontakte leiden immer mehr Kinder und Jugendliche unter den psychisch-emotionalen Folgen der Pandemie. Viele Kinder und Jugendliche sind einsam, gereizt, haben Schwierigkeiten sich zu motivieren und klagen verstärkt über Schlafprobleme und Essstörungen. Vielen Kindern und Jugendlichen fehlen soziale Kontakte und klare Perspektiven. Isolation und Einsamkeit führen zu Antriebslosigkeit, Erschöpfung und depressiven Stimmungen. Zudem steigen das Selbstmordrisiko und Selbstverletzungen. Umso wichtiger ist es, die ausreichende Finanzierung und den Ausbau der Behandlungsplätze für Kinder und Jugendliche in psychosozialen Notsituationen bundesweit zu gewährleisten. Außerdem fordern wir von der AK mehr Unterstützung, um Kindern und Jugendlichen im kommenden Schuljahr mehr Gemeinschaftserlebnisse und Bewegung in den Schulen als Ausgleich und zur Erholung von den vergangenen Monaten zu ermöglichen.

Möglichkeiten für soziale und emotionale Unterstützung:

  • Gemeinschaftserlebnisse im Klassenverband:
  • Jede Schulklasse soll eine Projektwoche im Wintersemester 21/22 umsetzen. Das Bundesministerium soll dafür 50 Euro pro SchülerIn für eine Projektwoche zur Verfügung stellen (Investitionen von 60 Mio. Euro).
  • Das Kontingent für unverbindliche Übungen soll in den kommenden beiden Schuljahren aufgestockt werden.
  • Prävention und Begleitung: 
  • Sozialarbeit und Schulpsychologie für Kinder und Jugendliche aufstocken
  • Förderungen von Kinder- und Jugendvereinen (Verbandsstruktur)
  • Aufsuchende Jugendarbeit ausbauen 

Mehr Sport und Bewegung:

  • Förderungen für Kinder und Jugendliche für sportliche Aktivitäten 
  • Förderung, wenn Schulen mit Vereinen kooperieren 
  • Sportscheck für BerufsschülerInnen (einzulösen bei Fitnesscenter, Vereine, Sportgeschäfte etc.)

Wenn Schulen zur Pandemiebekämpfung geschlossen werden, sind die familiären Ressourcen für den Lernerfolg entscheidend. Kinder, deren Eltern nicht über Geld, Zeit und entsprechende Bildungsressourcen verfügen, spüren negative Konsequenzen auf ihrem Bildungsweg: schlechtere Noten, Klassenwiederholungen und Schulabbruch werden wahrscheinlicher. Seit Beginn der Pandemie befürchten immer mehr Eltern Nachteile für die Bildungslaufbahn ihrer Kinder. Das kommende Schuljahr sollte neben dem Instrument der Förderstunden vor allem auf einen engeren Betreuungsschlüssel setzen.

Mehr Ressourcen für krisenfestere Schulen und Kinderbildungseinrichtungen:

  • Eine zweite Lehrperson pro Klasse in den Hauptnachhilfefächern Mathematik und Deutsch einsetzen.
  • Mittelfristig sollte die Finanzierung von Schulen auf Basis des Chancenindex umgestellt werden.
  • Außerordentliche SchülerInnen sollten entsprechend dem AK-Sprachschlüssel standortflexibler und in engerem Betreuungsverhältnis gefördert werden.
  • Ganztagsschulen müssen ambitioniert ausgebaut werden.

Ein besonderes Anliegen sind mir Lehrlinge und BerufsschülerInnen. Auf sie wurde in der Krise mehrmals vergessen. Kurzarbeit, geschlossene Betriebe und Distance-Learning, aber auch fehlende Sozialkontakte haben sie in besonderem Ausmaß getroffen. Die fundierte Ausbildung unserer zukünftigen Fachkräfte liegt im Interesse und in der Verantwortung von uns allen. 

Initiativen für Lehrlinge:

  • Angebote, damit sich BerufsschülerInnen auf die Lehrabschlussprüfung vorbereiten und Qualifizierungen nachholen können – sei es in der Berufsschule oder in anderen Kursmaßnahmen. 
  •  Eine Freistellung vom Betrieb für Lerntage, um Lehrlingen das Festigen des Lernstoffs zu ermöglichen.
  • Zur Sportförderung von BerufsschülerInnen wäre ein Sportscheck, den Lehrlinge flexibel bei verschiedenen Vereinen, im Sporthandel o.ä. einlösen können, zielführend.

Ich ersuche Sie herzlich, Familien, Kinder, Jugendliche und Lehrlinge zu entlasten, ihre psychische Gesundheit zentral im Blick zu haben und die bildungspolitische Unterstützung für das bevorstehende Schuljahr bestmöglich vorzubereiten. Die Kinder und Jugendlichen sind die Zukunft unseres Landes – wir müssen ihr Wohlbefinden und ihre Entwicklung ganz oben auf die Agenda setzen. Wenn wir als Arbeiterkammer dabei unterstützen können, stehen wir gerne zur Verfügung. Wir hoffen, dass Sie einige unserer Vorschläge umsetzen! 

Mit besten Grüßen,

Renate Anderl 
AK Präsidentin

Christoph Klein
AK Direktor

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