Schülerin mit Schultasche © detailblick-foto , stock.adobe.com
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9.6.2022

AK Nachhilfebarometer: Bildungserfolg muss man teuer bezahlen

Auch im aktuellen Schuljahr sind die Herausforderungen in Schulen groß. Schüler:innen, Lehrer:innen und Eltern stehen enorm unter Druck und müssen erneut fehlende Ressourcen der Schule ausgleichen. Deutlich sichtbar wird das bei der Nachhilfe. Die aktuellsten Ergebnisse des AK-Nachhilfebarometer zeigen, dass Familien versuchen, mittels privat finanzierter und organisierter Nachhilfe ihre Kinder vor möglichen Lernrückständen zu schützen. Insbesondere in Zeiten der Teuerung und steigender Kosten wird es hier für viele jetzt ganz eng. Sie können sich die bezahlte Nachhilfe schlicht nicht leisten.


Schulen sind für Herausforderungen nicht ausreichend gewappnet

„Schulen sind in Österreich eigentlich kostenlos, aber immer mehr Eltern zahlen für die Bildung ihrer Kinder drauf“, kritisiert AK Präsidentin Renate Anderl. „Guter Schulerfolg ist oft nur durch teuren, privaten Zusatzunterricht möglich, den sich bei weitem nicht alle leisten können. Aber jedes Kind muss eine faire Chance haben, seinen Platz in unserer Gesellschaft zu finden – unabhängig von den finanziellen oder zeitlichen Ressourcen der Eltern.“

Die AK Präsidentin fordert: „Wir können uns Schulen, die mangelhaft ausgestattet sind, nicht mehr leisten. Wir brauchen eine Schule, in der die Kinder genug Zeit und Unterstützung bekommen, damit sie das Gelernte durch individuelles Üben festigen können.“

Für ein Viertel aller Schüler:innen reichen der Unterricht in der Schule und das Lernen Zuhause nicht aus, für sie müssen Eltern zusätzlich privaten Nachhilfeunterricht organisieren, um den Schulerfolg zu ermöglichen: 27 Prozent aller Schüler:innen haben im laufenden Schuljahr oder in den letzten Sommerferien externe Nachhilfe bekommen, sei es bezahlt oder unbezahlt bzw. in Form einer schulischen Gratisnachhilfe. Insgesamt haben 164.000 Kindern, das sind 16% aller Schüler:innen, in diesem Schuljahr oder im Sommer davor eine bezahlte Nachhilfe bekommen.

AK Nachhilfebarometer © AK Wien
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Nachhilfe belastet Familienbudgets 

Die Kosten für Nachhilfe belaufen sich in diesem Schuljahr im Mittel auf rund 630 Euro pro Schulkind, für das Nachhilfe zu bezahlen war. Im Schuljahr 2021/2022 sowie in den letzten Sommermonaten gaben Familien insgesamt 102,7 Millionen Euro für private Nachhilfe aus.  

Von den Eltern, die für ihr Kind eine bezahlte Nachhilfe in Anspruch nehmen, gab rund die Hälfte (48%) an, dadurch sehr stark oder spürbar finanziell belastet zu sein. Besonders groß sind die finanziellen Belastungen durch Nachhilfeausgaben bei den unteren Einkommensgruppen. Somit sind vor allem jene Familien betroffen, die ohnehin schon durch die Corona-Krise und die anhaltenden Teuerungen große Einschnitte ins Haushaltsbudget hinnehmen mussten. Von jenen Eltern, die ein monatliches Haushaltseinkommen von maximal 2.000 Euro beziehen, sind 60 Prozent durch die Nachhilfeausgaben ihren Angaben zufolge sehr stark bzw. spürbar belastet; bei einem Einkommen von über 3.000 Euro trifft dies nur auf 36 Prozent zu. 

Viele Familien können sich diesen teuren Privatunterricht allerdings gar nicht leisten. Die Eltern von 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler ohne frühere bezahlte Nachhilfe hätten sich eine Art der bezahlten Nachhilfe gewünscht bzw. gerne noch mehr bezahlte Nachhilfe gehabt. Gegenüber der Zeit vor der COVID-Pandemie hat sich dieser Anteil beträchtlich erhöht (+8 Prozentpunkte gegenüber 2020). Besonders stark gewachsen ist der Anteil jener, die eine bezahlte Nachhilfe gesucht hätten, nämlich von rund 40.000 auf 195.000 Fälle. Bei vier von zehn Schüler:innen, die trotz Bedarf keine externe Nachhilfe erhalten haben, begründeten die Eltern dies damit, dass sie sich eine solche nicht leisten können. 

AK Nachhilfebarometer © AK Wien
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AK Nachhilfebarometer © AK Wien
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Nachhilfe für gute Noten, nicht für nachhaltiges Verständnis 

Schulerfolg hat, wer gute Noten hat und sich die Wunschschule aussuchen kann. Dementsprechend zielt Nachhilfe auf gute Noten ab und wird immer häufiger kurzfristig vor Testungen und Schularbeiten in Anspruch genommen. 39 Prozent der Nachhilfe-Schüler:innen erhielten private Nachhilfe relativ regelmäßig während des Schuljahres, etwas mehr speziell vor Schularbeiten und Tests (46 Prozent).

Unmittelbar vor Entscheidungsprüfungen waren es 17 Prozent. Insgesamt 7 Prozent der Nachhilfefälle bezogen sich auf das Lernen für eine Nachprüfung vor dem Schulstart; etwa gleich verbreitet waren Nachhilfen ohne anstehende Entscheidungsprüfung im Sommer. 

Dabei geht es in erster Linie nicht mehr darum, eine negative Note zu verhindern oder auszubessern, das war nur bei einem Fünftel der Schüler:innen der Fall. Auch in den Volksschulen ist Nachhilfe keine Ausnahme mehr und der Lerndruck auf Familien hoch: Dort liegt der Anteil an Kindern, die eine externe Nachhilfe bekommen haben, bei 16 Prozent.

Schulorganisation setzt immer noch auf Lernen Zuhause 

Eltern kontrollieren nach der Arbeit die Hausübungen, sie lernen mit ihren Kindern für Prüfungen und Schularbeiten, bereiten Referate vor und erklären Aufgabenstellungen. So gut wie alle Kinder brauchen die Eltern zum Lernen: Rund drei Viertel (76 Prozent) der Kinder werden zu Hause zumindest hin und wieder beim Aufgabenmachen und beim Lernen und Üben beaufsichtigt. Mit mehr als der Hälfte der Schüler:innen (58 Prozent) lernen die Eltern mindestens einmal oder mehrmals in der Woche. Mit einem Viertel der Kinder lernen Eltern sogar so gut wie täglich.  

Entscheidend für den Schulerfolg ist, wessen Eltern beim Lernen unterstützen können. Je höher der Schulabschluss der Eltern ist, umso leichter fällt es ihnen, ihre Kinder in Schulfragen selbst zu unterstützen. Während rund die Hälfte (46 Prozent) der Eltern mit Pflichtschulabschluss sagte, dass sie beim Helfen überfragt sind, ist der entsprechende Anteil bei Eltern mit Hochschulabschluss nur rund halb so hoch (26 Prozent).

AK Nachhilfebarometer © AK Wien
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Immerhin vier von fünf Eltern, die ihren Kindern bei Schulaufgaben helfen, sind spürbar zeitlich belastet. Bei rund einem Viertel der Schüler:innen sagten die Eltern, die ihre Kinder in schulischen Belangen unterstützen, dass es für sie schwierig ist, bei den Hausaufgaben zu helfen bzw. das Wissen vor Tests oder Schularbeiten zu überprüfen. Bei weiteren 12 Prozent der Kinder trifft dies zumindest auf einzelne Fächer zu. In Summe sind somit die Eltern von rund vier von zehn Schüler:innen fachlich mehr oder weniger überfordert. 

AK Präsidentin Anderl: „Schule soll Kindern Wissen vermitteln, Spaß machen, sie in ihrer Entwicklung fördern. Lehrer:innen müssen Arbeitsbedingungen vorfinden, die das ermöglichen. Eltern müssen die Sicherheit haben, dass ihre Kinder in der Schule eine gute Basis für ein gutes Leben aufbauen können. Lerndruck oder Angst vor schlechten Noten stehen dazu im Widerspruch. Nachhilfe und überbordendes Lernen zu Hause müssen endlich der Vergangenheit angehören.“

Halbtagsschule geht auf Kosten der Frauen 

Immer noch übernehmen überwiegend Frauen die unbezahlte Lernbetreuung der Kinder und Jugendlichen und nehmen damit die Mehrfachbelastung der eigenen Berufstätigkeit und der Lernunterstützung der Kinder auf sich. 

AK Nachhilfebarometer © AK Wien
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„Viel zu oft werden Frauen zwischen den Ansprüchen ihrer eigenen Berufstätigkeit und dem Schulerfolg ihrer Kinder aufgerieben. Schulen so zu organisieren, dass Kinder und Jugendliche dort gut lernen können, ist damit auch eine Frage der Vereinbarkeit und Chancengerechtigkeit für Frauen“, mahnt Präsidentin Renate Anderl ein.  

Selbstverständlich spielt die übliche Arbeitszeit der Eltern dabei eine Rolle. Sie kann jedoch nicht die Unterschiede zwischen den Geschlechtern erklären. Während Männer, die Vollzeit arbeiten, die geringste Beteiligung äußern (19 Prozent), berichten jedoch auch Frauen, die Vollzeit arbeiten, signifikant häufiger, dass sie selbst die Unterstützungsarbeit ihrer Kinder übernehmen (60 Prozent). 

Ganztagsschulen und Förderunterricht wirken 

Der Nachhilfebarometer zeigt auch: Dort wo Schulen so organisiert sind, dass genug Zeit zum Lernen, Üben und Fragen stellen bleibt, kann die privat finanzierte Nachhilfe deutlich reduziert werden. Ein qualitativ hochwertiger schulischer Förderunterricht am Nachmittag hat positive Effekte in Richtung einer Eindämmung von bezahlter Nachhilfe während des Schuljahres. Schüler:innen, die einen Förderunterricht besuchen, mit dessen Qualität auch die Eltern sehr zufrieden sind, benötigen zu geringeren Anteilen bezahlte Nachhilfe im Schuljahr (10 Prozent).

Noch geringer ist die bezahlte Nachhilfequote während des Schuljahres bei jenen Schüler:innen, die zwischen der 1. und 8. Schulstufe eine verschränkte Ganztagsschule besuchen (bezahlte Nachhilfe: 9 Prozent). 

„Wir brauchen nicht das x-te kurzfristige Paket mit Ablaufdatum“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. „Schulen brauchen eine nachhaltige Investitionsoffensive, die Lehrer:innen, Schüler:innen und Eltern entlasten. Wir wollen, dass Kindern und Lehrpersonal gerne in die Schule gehen. Die Regierung und insbesondere der Bildungsminister müssen jetzt die Grundlage für die Schule der Zukunft schaffen. Dafür muss Geld in die Hand genommen werden, um bessere Ausstattung, mehr Personal und individuelle Förderungen zu ermöglichen.“ 

Unsere Forderungen

Personaloffensive in Schulen starten und in die Zukunftschancen der Kinder und Jugendlichen investieren! 

  • Treffsicher investieren und Schulentwicklung ermöglichen – Schulfinanzierung nach dem AK-Chancen-Index für alle Schulen: Kinder sollen nicht auf die Geldtasche und Zeit ihrer Eltern angewiesen sein, um Lernziele zu erreichen. Konkret braucht es für treffsichere langfristige Investitionen – vor allem in Personal- und Schulentwicklung – eine Schulfinanzierung nach dem AK-Chancen-Index für alle Schulen. Bei einer Bildungsfinanzierung nach dem Chancen-Index der AK bekommen Schulen umso mehr Mittel, je mehr Schüler:innen mit Unterstützungsbedarf sie haben. So werden nicht nur Schüler:innen sondern auch die Eltern, die sonst einspringen müssten, entlastet. Die Arbeiterkammer fordert die rasche Umsetzung des Chancen-Index der AK für alle Schulen österreichweit. 

  • Qualität steht und fällt mit den Fachkräften! Es ist die Verantwortung des Bildungsministers dafür Sorge zu tragen, dass es ausreichend und gut ausgebildetes Personal an den Schulen gibt. Es braucht Rahmenbedingungen,  die wertvolle pädagogische Arbeit und zeitgemäßes Unterrichten ermöglichen. Neben einer Ausbildungsoffensive, Imagearbeit und einer Attraktivierung des Berufs fordert die Arbeiterkammer den Bildungsminister auf, die offensichtlichen Probleme des hausgemachten Lehrer:innenmangels endlich anzupacken. Zusätzlich schließt sich die Arbeiterkammer der Kritik der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien an und fordert eine flächendeckende Schulsozialarbeit (insbesondere zur Früherkennung psychosozialer Problemlagen, Gewaltprävention an Schulen oder in der Familie, etc.). 

  • Lernräume für alle eröffnen, beitragsfreie hochwertige Ganztagsschulen flächendeckend anbieten: Der AK Nachhilfebarometer zeigt, dass der Schulerfolg der eigenen Kinder zur Mammutaufgabe für Eltern wird. Die Ganztagsschule entlastet Eltern vom Lernen mit den Kindern und von teurer privater Nachhilfe. Notwendig sind Schulen, in denen Lehrer:innen mehr Raum und Zeit zum Üben mit ihren Schüler:innen bekommen, in denen Lernen, Üben und Freizeit gut miteinander verbunden werden können. Investitionen in den Ausbau von Ganztagsschulen fördern die Lernchancen der Kinder und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und schaffen somit Arbeitsplätze.  

  • Schulkosten in Zeiten der Teuerung sofort drastisch reduzieren: Es braucht zu Schulbeginn ein Budget für Schulmaterialien, das Lehrerinnen und Lehrer unbürokratisch verwenden können, nach dem Vorbild des Wiener Warenkorbs, um Kinder und Jugendliche mit den notwendigen Materialien auszustatten, damit sie gut lernen können. Schulkosten und Bildungsteilhabe dürfen Familien finanziell nicht zusätzlich unter Druck bringen. 

  • Entlastungen für armutsgefährdete Familien und Alleinerziehende: Sie trifft die Teuerung in besonderem Ausmaß. Sowohl die finanziellen als auch die psychisch-emotionalen Belastungen waren auch während der COVID-Krise enorm. Die Arbeiterkammer fordert die Bundesregierung auf, ein Entlastungspaket (Anhebung Arbeitslosengeld und Sozialhilfe; Unterhaltsgarantie) sowie spezifische Unterstützungsangebote (z.B. Ferien- und Lerncamps) zu schaffen. Dabei ist auch eine Anhebung und Ausweitung der Schüler:innenbeihilfe unerlässlich. 
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