20.10.2020

Krank durch Arbeit: Betroffene zahlen selbst die Zeche

Arbeit kann positive gesundheitliche Auswirkungen haben, aber auch Auslöser von Erkrankungen und gesundheitlicher Probleme sein. Schlechte Arbeitsbedingungen machen jedenfalls krank – psychisch und körperlich. Zusätzlich zu menschlichem Leid verursachen Arbeitsunfälle, arbeitsbedingte Erkrankungen und Todesfälle hohe wirtschaftliche Kosten für die betroffenen Personen und ihre Familien, für die Wirtschaft, das Gesundheits- und Sozialsystem und für die Gesellschaft insgesamt. 

Mit der aktuellen WIFO - Studie „Die Kosten arbeitsbedingter Unfälle und Erkrankungen in Österreich“ werden diese erstmalig für Österreich konkret beziffert und hierorts auch wissenschaftliches Neuland betreten. Neben den direkten Kosten wurden auch indirekte und sogenannte intangible Kosten erhoben. D. h. es wurden auch immaterielle Schäden aufgrund des Verlustes an Lebenszeit und -qualität berücksichtigt. Bei den indirekten bzw. den immateriellen Kosten für Leid und Tod handelt es um Belastungen, die bislang zum Teil oder gänzlich in der öffentlichen Diskussion ausgeblendet wurden.



Wichtige Erkenntnisse aus der aktuellen Studie

AK Präsidentin Renate Anderl zieht aus der aktuellen Studie wichtige Erkenntnisse: 

  • Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen verursachen Gesamtkosten von rund 9,9 Mrd Euro – das sind rund 2.400 Euro pro erwerbstätiger Person. 

  • Der Löwenanteil der Gesamtkosten wird durch arbeitsbedingte Erkrankungen verursacht. Mehr als vier Fünftel aller Folgekosten gehen auf arbeitsbedingte Erkrankungen zurück, weniger als ein Fünftel auf Arbeitsunfälle. Prävention wirkt: Seit der Einführung des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes im Jahr 1995 sind die Arbeitsunfälle um rund ein Drittel gesunken.  
Kosten im Vergleich © Wifo

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  • Die direkten sichtbaren Kosten (öffentliche/private Kosten für Krankenbehandlung inkl. Verwaltungskosten im Gesundheitssystem) machen nur einen geringen Anteil aus (0,95 Mrd. Euro). Der Großteil, nämlich 8,95 Mrd Euro, ist durch nur in geringem Ausmaß wahrgenommene indirekte und intangible Kosten bedingt (zB. gesundheitlich bedingter Ausfall von Arbeitskräften oder etwa verminderte Produktivität). 

  • Den Großteil der Folgekosten schlechter Arbeitsbedingungen (rund 60 Prozent) tragen die Erwerbstätigen, nur 17 Prozent der Kosten übernehmen die für die Arbeitsbedingungen verantwortlichen ArbeitgeberInnen. „Die Betroffenen zahlen also selbst die Zeche für fremdes Verschulden. Das schreit nach mehr Gerechtigkeit und Kostenwahrheit“, kritisiert Anderl. 
Wer trägt die Kosten? © Wifo

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  • Dabei sind die berechneten Kosten der Studienergebnisse eher als konservativ einzustufen d.h. die Kosten werden tendenziell unterschätzt. 

  • Präventive Maßnahmen zur Reduktion von gesundheitlichen Risiken in der Arbeitswelt haben ein erhebliches positives Potential (z.B. Steigerung des wirtschaftlichen Outputs, Erhöhung der langfristigen Arbeitsfähigkeit und des Wohlergehens der Erwerbsbevölkerung).

Unsere Forderungen

Im Lichte der Ergebnisse der aktuellen Studie fordert die AK: 

  • Erweiterung der Präventionskompetenz der AUVA über das Unfallgeschehen hinaus auch auf arbeitsbedingte Erkrankungen: Moderne Präventionsstrategien des Sicherheits- und Gesundheitsschutzes folgen einem ganzheitlichen und damit nachhaltigen Ansatz. Die AUVA verfügt jedoch - nach wie vor - über keinen gesetzlichen Auftrag, die dringend notwendigen Präventionsstrategien zur Verhütung arbeitsbedingter Erkrankungen, aktiv zu entwickeln und umzusetzen. 

  • Keine Senkung des Unfallversicherungsbeitrages: Um mit Präventionsmaßnahmen die Kosten für arbeitsbedingte Unfälle und Erkrankungen nachhaltig abzusenken, braucht das Sozialversicherungssystem entsprechende Mittel. „Eine Senkung des Beitrages wäre da jedenfalls kontraproduktiv. Wir brauchen mehr Mittel für Prävention, nicht weniger.“ 

  • Einführung wissenschaftlich aktueller und risikobasierter Grenzwerte für gesundheitsschädigende Arbeitsstoffe. 

  • Wirksamer Schutz bei schwerer körperlicher Arbeit sicherstellen: Das Hantieren mit schweren Lasten gehört zum beruflichen Alltag vieler ArbeitnehmerInnen - Gesundheitsschäden sind oft die Folge. Unter Heranziehung neuer arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse (z. B. deutsche Leitmerkmalmethoden) sind endlich verbindliche Obergrenzen für das Bewegen von Lasten festzusetzen. 

  • Belastungsausgleich durch Arbeitszeitverkürzung: Höher – schneller – weiter - mehr. Die Dauerbelastung am Arbeitsplatz ist für die ArbeitnehmerInnen allgegenwärtig spürbar und macht krank. Es ist höchste Zeit, darüber eine ernsthafte Diskussion zu führen. Eine Entlastung der ArbeitnehmerInnen hat nicht nur Gesundheits-Aspekte, es ist auch gerade in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit eine Frage der Gerechtigkeit. Wir müssen die vorhandene Arbeit auf mehr Schultern verteilen. 

  • Schutz vor Hitze am Arbeitsplatz ausbauen: Klimakrise bzw. Sommerhitze machen den Arbeitsplatz zum Backofen und schaffen zusätzliche Belastungen - abgestufte Schutzmaßnahmen ab 25 Grad Celsius in Innenräumen und bei Arbeiten im Freien sind dringend erforderlich. In letzter Konsequenz muss es bezahlt hitzefrei geben. 

  • Erhöhung der Präventionszeiten für ArbeitsmedizinerInnen und Sicherheitsfachkräfte: Sie unterstützen die ArbeitgeberInnen bei der Umsetzung ihrer Fürsorgepflicht und begleiten die radikalen Veränderungen in der Arbeitswelt. Die Mindesteinsatzzeit (Präventionszeit) wurde bis heute nicht angepasst. 

  • Etablierung von Arbeits- und OrganisationspsychologInnen als gleichberechtigte Präventivfachkräfte: Arbeits- und Organisationpsychologinnen spielen eine wichtige Rolle bei der betrieblichen Prävention von arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen.  

  • Mehr Ressourcen für eine leistungsfähige Arbeitsinspektion: Zum Schutz vor krankmachenden Arbeitsbedingungen braucht es eine durchschlagskräftige Arbeitsinspektion. Das Aushungern der Arbeitsinspektion ist zu beenden – mehr finanzielle und personelle Ressourcen für unsere „Polizei der Arbeitswelt“ sind dringend erforderlich. ArbeitgeberInnen, die die Gesundheit der ArbeitnehmerInnen leichtfertig aufs Spiel setzen, sind streng zu strafen.

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