Arbeitszeit und Freiwilligkeit

Im Zuge der Debatte über das 12-Stunden-Tag-Gesetz haben Arbeiterkammer und Gewerkschaften stets darauf hingewiesen: Die 11. und die 12. Arbeitsstunde wird in den seltensten Fällen freiwillig sein. Erste Fälle aus dem AK Rechtsschutz und von den Gewerkschaften zeigen, dass der Druck auf die Menschen steigt.

Die selbstbestimmte Arbeitszeit – ein Mythos

Die neueste Entwicklung im Fall der Hilfsköchin, die ihren Job in Wien verlor, weil sie es ablehnte 12 Stunden am Tag zu arbeiten, ist: Die Arbeiterkammer musste mittlerweile den Gang zu Gericht antreten. Der Arbeitgeber hatte Frau B. ja mit Verweis auf das 12-Stunden-Tag-Gesetz vor die Wahl gestellt: Entweder sie arbeitet ab September 12 Stunden am Tag, oder sie kann gehen. Unter Druck gesetzt unterzeichnete sie eine einvernehmliche Lösung des Arbeitsverhältnisses in der Hoffnung, wenigstens schnell zu ihrer Abfertigung zu kommen. Doch der Arbeitgeber blieb Frau B. bis heute das Geld schuldig, sodass die AK ihre Ansprüche jetzt vor Gericht einklagt. 

Ein weiterer Fall von überlangen Arbeitszeiten betrifft einen Arbeitnehmer, der als Projektleiter bei einer Arbeitskräfteüberlassungsfirma gearbeitet hat. Durch die hohe Arbeitsmenge musste er oft sehr lange arbeiten. Bis zum Juni 2017 hatte er 455 „Gutstunden“ angesammelt, die weder in Geld noch in Zeit ausgeglichen worden waren und die hauptsächlich in den letzten zwei Jahren angefallen waren. Er wurde krank und war mehrere Monate hindurch nicht arbeitsfähig. Schließlich bekam er die Kündigung. Bis dahin wurden ihm die Überstunden nur zum Teil und nur im Verhältnis 1:1 ausbezahlt. Zwar galt in diesem Fall noch das alte Arbeitszeitgesetz, dennoch zeigt er: Überlange Arbeitszeiten schädigen die Gesundheit! Er leidet nach wie vor unter seinem Burn-Out und sagt: „Ich habe mich kaputt gearbeitet!“ 

Zeitspeicher

Dokumentieren Sie Ihre Arbeitszeit!

Die Erfahrung aus der AK Rechtsberatung zeigt: Dass die ArbeitnehmerInnen selbst über ihre Arbeitszeit bestimmen können, ist ein Mythos. Das belegt auch die neue Studie „Flexible Arbeitszeiten aus der Perspektive österreichischer ArbeitnehmerInnen“. Das FORBA-Institut hat dafür die Mikrozensus-Daten der Statistik Austria von 9.400 Befragten ausgewertet. Ergebnis: Eine deutliche Mehrheit von 58 Prozent der befragten ArbeitnehmerInnen in Vollzeit kann gar nicht selbst über die Arbeitszeit bestimmen, sondern bekommt diese vom Arbeitgeber fix vorgegeben. Selbst über ihre Arbeitszeit bestimmen können nur 13 Prozent der Vollzeitkräfte. 

AK Präsidentin Renate Anderl sagt: „Die ArbeitnehmerInnen halten Österreich am Laufen. Sie haben sich etwas Besseres verdient, als dass sie erst ausgequetscht werden wie eine Zitrone und dann auch noch vor Gericht gehen müssen, um zu ihrem Geld zu kommen. Die zynischen Hinweise der Regierung, die Menschen könnten sich ohnehin an die Arbeiterkammer wenden und klagen, zeigen, dass es hier kein Bewusstsein für die Realität der Beschäftigten gibt. Ein Gang vor Gericht kostet Nerven und auf sein Geld warten müssen, kann existenzgefährdend sein. Besser wäre es, dafür zu sorgen, dass es nicht so weit kommen muss.“

Allen ArbeitnehmerInnen rät die AK Präsidentin: „Zeichnen sie Ihre Arbeitszeit genau auf, z.B. mit dem AK Zeitspeicher.“ Sie fordert: „Überstunden dürfen nicht mehr verfallen und das 12-Stunden-Tag-Gesetz muss weg!“

12-Stunden-Tag trifft alle: Von der Hilfsköchin bis zum Projektleiter

Hilfsköchin muss jetzt vor Gericht um ihr Geld streiten

Fast zwanzig Jahre arbeitete Frau B. bei einer gehobenen Restaurantkette in Wien als Hilfsköchin. Dann der Dank: Ende August bestellte sie der neue Geschäftsführer zu sich ins Büro und sagte ihr, dass es ab September ein neues Arbeitszeitgesetz gibt und dass sie deswegen 12 Stunden am Tag arbeiten müsse. Oder sie könne gehen. 

Die 56-jährige Frau sagte: 12 Stunden am Tag schaffe sie aus gesundheitlichen Gründen nicht. Doch der Chef setzte sie so lange unter Druck, bis sie eine einvernehmliche Auflösung des Arbeitsverhältnisses unterschrieb. Dabei fehlten Frau B nur vier Monate auf ihr 20-jähriges Dienstjubiläum - was eine deutlich höhere Abfertigung bedeutet hätte. 

Frau B. wandte sich an die Arbeiterkammer und die Gewerkschaft vida. Sie wurde aufgeklärt, dass sie die Beendigung des Arbeitsverhältnisses anfechten kann, weil sie unter Druck gesetzt wurde. Aber Frau B. sagte: Wo ein solches Arbeitsklima herrscht, da wolle sie keinen Tag mehr arbeiten. Sie wollte nur ihre Abfertigung und nichts mehr mit der Firma zu tun haben. Und die Scherereien mit einer Klage vor Gericht wollte sich die Arbeitnehmerin auch ersparen. 

Leider kam es anders, als Frau B. es sich gewünscht hat: Der Arbeitgeber zahlte bis heute keinen Cent. Die neueste Entwicklung ist, dass die AK bei Gericht mittlerweile eine Mahnklage einbringen musste. Frau B. verlor also dank des 12-Stunden-Tag-Gesetzes nicht nur ihren Job, sie muss jetzt auch noch um ihr Geld kämpfen, das sie sich mit ehrlicher Arbeit verdient hat!

Projektleiter konnte nie auf Urlaub und wurde krank

Ein weiterer Fall aus dem AK Rechtsschutz ist ein gutes Beispiel dafür, dass überlange Arbeitszeiten alle ArbeitnehmerInnen betreffen, nicht nur schwächere Gruppen. Ein Projektleiter in Gleitzeit bekam permanent so viel Arbeit auf den Tisch, dass er sie in acht Stunden am Tag bzw. 40 Stunden in der Woche nicht schaffen konnte. Herr S. erzählt: „Ich war für ein Projekt in der chemischen Industrie zuständig und war für 65 MitarbeiterInnen zuständig. Trotzdem habe ich nie einen Stellvertreter bekommen. Ich habe praktisch nie unter 12 Stunden am Tag gearbeitet.“ In zwei Jahren sammelte er bis Juni 2017 sagenhafte 455 Plusstunden an, die weder in Zeit noch in Geld ausgeglichen worden waren. Ab Februar 2018 war er mehrere Monate krank und daher nicht arbeitsfähig. Schließlich wurde er im Juni 2018 gekündigt. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte Herr S. noch 117 Urlaubstage offen – also den Urlaubsanspruch für mehr als vier Jahre! Herrn S. war zugesichert worden, dass sein Urlaubsanspruch nicht verjähren würde, wenn er aus Rücksicht auf die Firma nicht frei nimmt. „Vor drei Jahren war ich mit meiner Frau in Kroatien, geplant waren zwei Wochen. Nach eineinhalb Tagen habe ich den Urlaub aber abgebrochen, weil ich keinen Urlaub brauche, wenn ich am Tag zwanzig Anrufe vom Chef bekomme und er sagt: Bist eh telefonisch erreichbar?“ 

Im Krankenstand bekam er einen Teil der Plusstunden ausbezahlt, allerdings nur im Verhältnis 1:1. Mithilfe der Arbeiterkammer forderte Herr S. offene Ansprüche ein– in Summe etwas über 31.000 Euro, die der Arbeitgeber Herrn S. noch schuldig geblieben war. Nach Einbringen der Klage durch die Arbeiterkammer bezahlte der Arbeitgeber bevor es zu einem Prozess kam. Herr S. leidet noch heute unter Burn-Out und ist nach wie vor nicht arbeitsfähig. Er sagt: „Man steigert sich halt rein und sucht nach der Anerkennung des Chefs. Ich habe mich so kaputt gearbeitet.“

FORBA-Studie: Nur eine kleine Minderheit kann selbst bestimmen

Was sich schon im Einzelfall zeigt, wird durch die neue FORBA-Studie auf Basis der Mikrozensus-Daten der Statistik Austria von 2015 mit 9.400 befragten ArbeitnehmerInnen bestätigt: Die überwältigende Mehrheit kann über die eigene Arbeitszeit nicht selbst bestimmen, sondern bekommt sie fix vorgegeben. Nur eine kleine Minderheit kann sich die Arbeitszeit selbst einteilen.

58 Prozent aller ArbeitnehmerInnen in Vollzeit haben demnach keinerlei Mitsprache bei ihrer Arbeitszeit, sondern bekommen diese fix vorgegeben. Auch bei Teilzeitkräften ist der Anteil mit 56 Prozent nur unwesentlich niedriger. Und das, obwohl unterstellt wird, dass Teilzeitkräfte mehr Flexibilität für sich in Anspruch nehmen können. Die Hilfsköchin Frau B. steht exemplarisch für diese Gruppe. 

Zumindest teilweise selbst über ihre Arbeitszeit bestimmen können 29 Prozent der Vollzeitkräfte und 26 Prozent der Teilzeitkräfte. Das sind z.B. ArbeitnehmerInnen mit Gleitzeit und vorgegebenen Kernzeiten. 

Nur eine kleine Minderheit von 13 Prozent der Vollzeitkräfte und 17 Prozent der Teilzeitkräfte kann wirklich vollkommen selbst über die Arbeitszeit bestimmen. Auffällig sind die Geschlechterunterschiede: Männer in Teilzeit können zu 25 Prozent selbst über ihre Arbeitszeit bestimmen, Frauen aber nur zu 16 Prozent. 

Die „Selbstbestimmung“ bei jenen 13 Prozent, die selbst über die Arbeitszeit bestimmen konnten, ist aber auch relativ: So gibt die Mehrheit an, längere Arbeitszeiten vor allem aufgrund der Arbeitsmenge zu leisten. Beispielhaft für diese Gruppe steht der Fall von Herrn S., dem Projektleiter, der umgerechnet vier Jahre lang keinen Urlaub nehmen konnte und schließlich – wen wundert es -  krank wurde.

Mitbestimmung bei Pflichtschulabsolventinnen am geringsten

Menschen mit Pflichtschulabschluss können am wenigsten über ihre Arbeitszeit bestimmen, Menschen mit Hochschulabschluss am meisten. So haben vollzeitbeschäftigte PflichtschulabsolventInnen zu beinahe 85 Prozent fix vorgegebene Arbeitszeiten.

12-Stunden-Tag-Gesetz senkt den Schutz

Bei den 58 Prozent der Vollzeitkräfte, die keine Mitsprache bei der Arbeitszeit hatten, sondern sie fix vorgegeben bekamen, gab das alte Arbeitszeitgesetz mit einer Beschränkung der Tageshöchstarbeitszeit auf zehn Stunden guten Schutz: Die durchschnittliche Arbeitszeit lag bei 40 bis 43 Stunden pro Woche und somit nahe an der gesetzlichen Normalarbeitszeit von 40 Stunden pro Woche. 

Jene 13 Prozent der Arbeitskräfte, die selbst über ihre Arbeitszeit bestimmen konnten, arbeiteten allerdings deutlich länger: Hier lag der Durchschnitt bei 41 bis 49 Stunden pro Woche, also bereits über die Grenze der gesetzlich zulässigen Durchschnittsarbeitszeit von 48 Stunden. 

Durch das 12-Stunden-Tag-Gesetz besteht für beide Gruppen die Gefahr, dass sie unfreiwillig mehr arbeiten müssen, als sie gesundheitlich schaffen. Denn die Mehrheit von 58 Prozent der Vollzeitkräfte hat überhaupt keine Mitsprache bei der Arbeitszeit und somit auch kaum die Möglichkeit, einen 12-Stunden-Tag abzulehnen! 

Jene 13 Prozent, die ihre Arbeitszeit „frei“ einteilen können, laufen bereits jetzt Gefahr, ihre Arbeitszeit nach der anfallenden Arbeitsmenge stark auszudehnen. Das heißt, wenn diese Gruppe bereits bisher dem gesetzlich maximal zulässigen Durchschnitt von 48 Stunden pro Woche ging, läuft sie jetzt Gefahr bei einer Höchstarbeitszeit von 60-Wochenstunden-Grenze die Arbeitszeit noch deutlicher auszuweiten – mit allen negativen Folgen für die Gesundheit, mit denen beispielsweise auch Herr S. zu kämpfen hat!

Arbeitszeiterfassung und AK Arbeitszeitspeicher hilft 

Die niedrigsten Arbeitszeiten gab es bei allen Gruppen dort, wo es eine automatische Zeiterfassung gab: So arbeiteten jene, die ihre Arbeitszeiten fix vorgegeben bekamen bei automatischer Zeiterfassung 40 Wochenstunden im Durchschnitt, jene ohne Zeiterfassung 43. 

Bei denjenigen, die sich die Arbeitszeit selbst einteilen konnten, lag die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei 41 Wochenstunden, wenn es eine automatische Zeiterfassung gab. Ohne automatische Zeiterfassung lag die Wochenarbeitszeit im Durchschnitt bei 49 Stunden. 

Arbeitszeit aufzeichnen mit dem AK Zeitspeicher!

Wer in einer Firma ohne automatische Zeiterfassung arbeitet, kann sich mit dem kostenlosen AK Zeitspeicher oder dem kostenlosen AK Arbeitszeitkalender behelfen: 

  • www.ak-zeitspeicher.at oder integriert in die AK App „Frag uns!“ im AppStore oder auf Google Play. Alle Daten bleiben selbstverständlich anonym!

  • Arbeitszeitkalender bestellen unter +43 1 501 65 1202. 

Eine Kopie oder einen Ausdruck dieser Arbeitszeitaufzeichnungen können ArbeitnehmerInnen ihrem Arbeitgeber regelmäßig, z.B. einmal pro Woche zukommen lassen. Somit hat der Arbeitgeber die Gelegenheit, seine Personalplanung gegebenenfalls anzupassen. 

Im Fall des Falles sind Arbeitszeitaufzeichnungen vor Gericht wichtig, wenn es um das Einfordern unbezahlter Überstunden geht. Dann müssen sie regelmäßig, aktuell und minutengenau geführt werden. Dann sind sie vor Gericht zumeist ausreichend glaubwürdig. Dass der Arbeitgeber sie abzeichnet, ist nicht zwingend notwendig.

AK Präsidentin Renate Anderl: „Das 12-Stunden-Tag-Gesetz muss weg!“

„Die Erfahrung aus dem Rechtsschutz zeigt: Die Freiwilligkeit bei der 11. und 12. Arbeitsstunde ist ein leeres Versprechen. Das 12-Stunden-Tag-Gesetz muss weg!“ 

Damit die Arbeitszeiten nicht völlig aus dem Ruder laufen und die ArbeitnehmerInnen für ihre Leistung auch entsprechend entlohnt werden, fordert die AK Präsidentin weiters: 

  • Fälschungssichere, elektronische Arbeitszeitaufzeichnungen, die jederzeit sowohl der Sozialversicherung, dem Arbeitsinspektorat, Arbeitgeber und ArbeitnehmerInnen sowie ihren VertreterInnen zugänglich gemacht werden müssen. 

  • Keine Verfallsfristen mehr für Überstundenentgelt: In vielen Arbeitsverträgen gibt es eine Verfallsfrist für Überstundenentgelt von nur drei Monaten. Es ist offensichtlich, dass kaum jemand im aufrechten Arbeitsverhältnis die Bezahlung von Überstunden einfordert. Das ist unfair. Wer Arbeit leistet, soll sie auch bezahlt bekommen. 

  • Überstunden-Duplum: Für mutwillig vorenthaltene Entgelte für Mehrarbeit soll der Arbeitgeber das Doppelte nachzahlen müssen. 

  • 100 Prozent Zuschlag für die 11. und 12. Arbeitsstunde: Volle Unterstützung für die Gewerkschaften bei der Durchsetzung eines 100-Prozent-Zuschlags für die 11. und 12. Arbeitsstunde. Je teurer diese wird, desto weniger wird sie in Anspruch genommen werden.

„Die ArbeitnehmerInnen halten Österreich am Laufen. Sie haben sich etwas Besseres verdient, als dass sie erst ausgequetscht werden wie eine Zitrone und dann auch noch vor Gericht gehen müssen, um zu ihrem Geld zu kommen. Ich fordere hier mehr Respekt und Wertschätzung für die Menschen!“