11.10.2019

30-Stunden-Woche bei gleichem Entgelt bei eMagnetix

2018 erhöhte die Bundesregierung die Höchstarbeitszeit auf 12 Stunden pro Tag und 60 Stunden in der Woche. Die oberösterreichische Online-Marketing-Firma eMagnetix tat gleichzeitig das genaue Gegenteil: Sie führte die 30-Stunden-Woche bei gleichem Entgelt ein (#30sindgenug). Nach einer Umstellungsphase ging die 30-Stunden-Woche im Oktober 2018 sozusagen in „Vollbetrieb“. Die AK hat mit Erlaubnis der Geschäftsführung von eMagnetix eine Evaluierung dieses innovativen Arbeitszeit-Projekts beim Arbeitszeitspezialisten Ximes beauftragt.

Das Ergebnis nach einem Jahr 30-Stunden-Woche

  • eMagnetix fand wieder ausreichend qualifizierte MitarbeiterInnen.
  • Die MitarbeiterInnen fühlen sich nach der Arbeit weniger müde, als vor Einführung der 30-Stunden-Woche. Sie haben mehr Energie für Aktivitäten nach der Arbeit – und das trotz höherer Arbeitsintensität.
  • Es gab keinen Kundenverlust. „Ganz im Gegenteil, die Qualität konnte gesteigert werden“, so eMagnetix Geschäftsführer Klaus Hochreiter. 

Christian Dunst, Experte für Sozialpolitik in der AK Wien: „Die Arbeitszeitreduktion bringt für die ArbeitnehmerInnen einfach mehr Zeit für ihr sonstiges Leben, für die Familie für Sport und Hobbys. Sehr erfreulich ist, dass die Arbeitszeitreduktion offenbar nicht zwangsläufig dazu führt, dass der Arbeitsdruck steigt.“ 

Klaus Hochreiter, eMagnetix: „Wir mussten einfach etwas tun, um wieder ausreichend MitarbeiterInnen zu finden. Die 30-Stunden-Woche war da sozusagen die Flucht nach vorne. Die Bewerberquote hat sich von durchschnittlich 10 auf bis zu 100 Bewerbern pro Job verzehnfacht. Wichtig war, dass die Umstellung sorgfältig geplant wurde und dass die MitarbeiterInnen von Anfang an voll eingebunden waren. Das hat den Erfolg gebracht.“

Eckdaten des Projekts #30sindgenug

Bei der Firma eMagnetix, einer Online-Marketing Firma in Oberösterreich (www.emagnetix.at), wurde die wöchentliche Arbeitszeit von 38,5 auf 30 Stunden pro Woche verkürzt. 

Der Umstieg erfolgte schrittweise: 34-Stunden-Woche ab Juni 2018, 30-Stunden-Woche ab Oktober 2018. 

Beteiligt war die gesamte Belegschaft, ca. 25 MitarbeiterInnen in Gleitzeit mit Kernzeit. 

Ziele der Arbeitszeitverkürzung waren, die Attraktivität von eMagnetix als Arbeitgeber zu verbessern und die Work-Life-Balance der Beschäftigten zu erhöhen. 

Die Arbeitszeitverkürzung erfolgte ohne Reduktion des Entgelts.

Wie viel wurde tatsächlich gearbeitet?

Ist es tatsächlich gelungen, die Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche zu senken, oder kam es verstärkt zu Mehrstunden? Zur Beantwortung dieser Frage wurden die tatsächlich geleisteten Arbeitszeiten aus der Arbeitszeiterfassung für den Zeitraum 1.2.2017 bis 31.1.2018 ausgewertet. Es wurden Tages- und Wochenverläufe der Arbeitszeit sowie die mittlere Anzahl und Dauer der Pausen berechnet. 

Ergebnis:

Arbeitsende vor der Umstellung: Montag bis Donnerstag 16 bis 17 Uhr, Freitag 12 bis 14 Uhr

Arbeitsende nach der Umstellung: Montag bis Donnerstag, 14 bis 16 Uhr, Freitag 11 bis 13 Uhr.

Bei weitgehend stabilem Arbeitsanfang am Morgen.

Das Pausenverhalten hat sich dagegen nur wenig geändert: Fast alle MitarbeiterInnen machen weiterhin eine Mittagspause, die durchschnittliche Pausenlänge pro Tag ist fast identisch geblieben. Einzig die kurze Nachmittagspause fällt nun weg.

Wie haben sich Tätigkeiten (z.B. Telefonieren) verändert?

Das Telefonverhalten hat sich ebenfalls leicht verändert: Freitags wird nun etwas früher aufgehört als vorher, die Erreichbarkeit (Anteil angenommener Anrufe) hat sich leicht verbessert. (Auswertung der Telefonanlage nach Zeitpunkt und Dauer aller Anrufe, Anteil angenommener Anrufe im Zeitraum Jänner 2018 bis Jänner 2019).

Wie bewerten Mitarbeiter & Führungskräfte das Projekt #30sindgenug?

Die MitarbeiterInnen wurden per Online-Befragung und ein Fokusgruppeninterview zu den Themen-feldern Work-Life-Balance, Freizeitgestaltung und Ermüdung/Erschöpfung befragt. Zusätzlich fand ein Interview mit der Geschäftsführung und einer Führungskraft aus dem Projektmanagement statt. 

In der Befragung und den Interviews zeigte sich eine sehr hohe Zufriedenheit mit der Arbeitszeit, Verbesserungen bei der Work-Life-Balance (siehe Abbildung) und deutlich mehr Zeit für Familie, Freunde, Hobbies, aber auch gesunde Ernährung, Sport und Schlaf/Erholung

Durch eine umfassende Analyse von „Zeitfressern“ in der Arbeit konnten viele Arbeitsabläufe effizienter gestaltet werden, wodurch insgesamt die Produktivität aber auch die Zufriedenheit mit der Arbeitsweise gestiegen ist. 

Durch die Attraktivität der 30-Stunden-Woche bei gleichem Entgelt wurde eine deutliche Verbesserung der Bewerberlage am Markt erzielt und es konnte hoch qualifiziertes Personal aufgebaut werden.

Ergebnis der Beschäftigtenbefragung, Antworten und prozentuale Verteilung © Ximes

Ergebnis der Beschäftigtenbefragung, Antworten und prozentuale Verteilung, Ximes 

Die Ergebnisse der Evaluation zeigen also, dass eine Arbeitszeitreduktion in der Umsetzung gelingen kann. Wichtige Faktoren sind hierbei die gute Vorbereitung der Umstellung und ein Change-Management-Prozess, der die Beschäftigten mit einbezieht. 

In der Praxis veränderte sich vor allem die effizientere Organisation, das frühere tägliche Arbeitsende und die Freizeitgestaltung der Beschäftigten. Die wichtige soziale Funktion der gemeinsamen Mittagspause wird bestätigt: Obwohl es bei einem 6-Stunden-Tag nicht notwendig wäre, nehmen fast alle Beschäftigten weiterhin an gemeinsamen Pausen teil.

Fazit von #30sindgenug: 30 Stunden pro Woche sind genug

Die Auswirkungen des Projekts #30sindgenug sind überwiegend positiv:

+ Die tatsächlichen Arbeitszeiten haben sich verkürzt, insbesondere die Tageslänge.

+ Pausen werden aus sozialen Gründen weiterhin genommen.
+ Die Arbeitszeitverkürzung hat sich sehr positiv auf die Zufriedenheit, Motivation und Work-Life-Balance der Beschäftigten ausgewirkt.
+ Aufgaben können ohne zu hohe Belastung / Ermüdung weiterhin erledigt werden.
+ Effizientere Arbeitsweise und Organisation haben maßgeblich dazu beigetragen.
+ Analyse und Eliminierung von „Zeitfressern“ war hilfreich.
+ Großer Zugewinn an qualifiziertem Personal und Wachstum.
- Es ist eine exakte Organisation und Planung nötig.
- Neue MitarbeiterInnen müssen „abgeholt werden“ um die Umstellung zu erleichtern.