Junge Arbeitnehmerin mit Schutzhelm und -brille © chayathon2000, stock.adobe.com
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16.11.2021

Gute Fachkräfte brauchen gute Lehrstellen

Endlich eigenes Geld verdienen, als Lehrling einen Beruf erlernen – und dann nach der Ausbildung als Fachkraft durchstarten: Diese Hoffnung vieler Jugendlicher wird enttäuscht. 

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Sie können die Pressekonferenz hier nachsehen:


Viele Lehrlinge werden allein gelassen

Der vierte österreichische Lehrlingsmonitor von Arbeiterkammer, Gewerkschaftsbund und Gewerkschaftsjugend zeigt: Nur für zwei von drei Lehrlingen sind die Lehr- und Lernbedingungen im Betrieb gut. Bei gut einem Drittel der Lehrlinge haben die Lehrbetriebe noch immer Aufholbedarf. Und das Ergebnis hängt stark mit der Branche zusammen, wo die Ausbildung stattfindet. Besondere Unzufriedenheit herrscht bei den Lehrlingen vor allem in Tourismus- und Handels-Lehrberufen. Das Österreichische Institut für Berufsbildungsforschung hat dafür die Angaben von gut 4.100 Lehrlingen im letzten Lehrjahr und von knapp 2.000 Lehrlingen in der Anfangsphase ausgewertet. 

Die Befragung lief von November 2020 bis Mai 2021, also mitten in der Corona-Krise. Knapp ein Fünftel der Lehrlinge war in Kurzarbeit – von ihnen sagte aber nicht einmal die Hälfte, dass sie in dieser Zeit ausgebildet wurden. Überproportional hoch ist dieser Anteil in den Lehrberufsgruppen Tourismus/Gastgewerbe/Hotellerie, Körperpflege/Schönheit und Büro/Handel/Finanzen. 

Generell gibt es für ein Drittel der Befragten keine regelmäßige Besprechung des Ausbildungsfortschritts. Das betrifft kleine Betriebe häufiger, während in großen Betrieben der Ausbildungsfortschritt öfter besprochen wird. Viele Lehrlinge werden somit allein gelassen. Weiterhin muss fast ein Drittel (29 Prozent) Überstunden machen – für unter 18-Jährige ist das jedenfalls verboten. Trotzdem zeigt der Lehrlingsmonitor, dass unter 18-Jährige im selben Ausmaß Überstunden leisten müssen wie über 18-Jährige. 

In der Folge will jede/r dritte Befragte nicht im Lehrbetrieb bleiben – fast die Hälfte davon auch nicht im Beruf. Insgesamt ist die Zustimmung zum Verbleib im erlernten Lehrberuf mit 76 Prozent höher als zum Verbleib im Betrieb (68 Prozent). Also sind viele mit ihrem Lehrbetrieb unzufrieden. 

Zusätzliches Problem für die Jugendlichen: Es ist für viele – je nach Region und Lehrberuf – nach wie vor schwer, überhaupt eine Lehrstelle in einem Betrieb zu finden. Inzwischen steigt zwar die Zahl der als offen gemeldeten Lehrstellen, aber die Unternehmer nehmen weniger Lehrlinge auf. Gut 21.0000 Jugendliche ohne Lehrstelle sind den Betrieben wohl nicht gut genug. 

Im Interesse der Jugendlichen und damit auch der Wirtschaft haben Gewerkschaftsbund, Gewerkschaftsjugend und Arbeiterkammer ein Programm für Ausbildungsqualität. Am wichtigsten sind 

  • ein Kompetenzcheck zur Mitte der Ausbildung mit Feedback an Lehrlinge und Lehrbetriebe
  • die Einrichtung von Kompetenzzentren in Ergänzung der Ausbildungsverbünde
  • und eine Reform der AusbildnerInnenausbildung mit speziellem Fokus auf die pädagogische und fachliche Qualität.

Wer Fachkräfte sucht, muss Lehrlinge ausbilden

Gut 21.000 Jugendliche suchen derzeit eine Lehrstelle in einem Betrieb (genau: 20.703). Entweder sind sie beim Arbeitsmarktservice als lehrstellensuchend vorgemerkt. Oder sie machen derzeit eine kürzere Schulung, in die sie das Arbeitsmarktservice geschickt hat. Oder sie machen eine Ausbildung in der öffentlich finanzierten überbetrieblichen Ausbildung. 

Zwar gibt es aktuell rund 10.000 offene Lehrstellen (genau: 10.003), aber das sind nur halb so viele Lehrplätze, wie es insgesamt Jugendliche ohne betriebliche Lehrstelle gibt. Damit beide Seiten zusammenkommen, sind sowohl entsprechende Vermittlungsangebote nötig als auch eine Bereitschaft der Betriebe, sich um die Jugendlichen zu bemühen. 

Es ist aber nicht nur mit der Besetzung von Lehrstellen getan – auch die Qualität in der Ausbildung muss passen, damit die Fachkräfte von morgen die nötigen Fähigkeiten erlernen können. Daher haben die Arbeiterkammer, der Gewerkschaftsbund und die Gewerkschaftsjugend neuerlich eine umfassende Lehrlingsbefragung beauftragt. 

Ergebnis: Für zwei von drei Lehrlingen passt die Ausbildung im Betrieb, für ein Drittel muss es deutliche Verbesserungen geben.

Oft schlechte Qualität der Ausbildung

Generell ist noch einiges zu tun, um einheitlich gute Qualität in der Ausbildung für alle Lehrlinge zu erreichen. Von allen Befragten sagen drei Viertel, für sie gäbe es keine regelmäßige Dokumentation der Ausbildung. Niemand reflektiert mit ihnen den Ausbildungsfortschritt – und eine/r von fünf Lehrlingen leistet sehr häufig oder häufig ausbildungsfremde Tätigkeit.

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Von den ausbildungsfremden Tätigkeiten hat nicht einmal die Hälfte wenigstens indirekt etwas mit dem jeweiligen Handwerk zu tun, wie zum Beispiel Dachdeckerarbeiten im Lehrberuf Zimmerei. 

Viele Lehrlinge werden häufig für den privaten Bedarf von Unternehmern eingesetzt, quasi für Pfusch.

Drei Beispiele: 

  • „Rasenmähen, Showroom putzen, Laub zusammenkehren, Schnee schaufeln, Unkraut entfernen…“ (Lehrling in Kfz-Technik) 

  • „private Autos putzen, saugen, Blumen gießen, Küche säubern…“ (Lehrling als Bürokauffrau/mann) 

  • „Rasenmähen, Fassade putzen, Fenster putzen, Gassi gehen, Holz in Wohnung von Chef räumen, Küchenmöbel vom Chef anstreichen, Telefondienst…“ (Lehrling in Kfz-Technik) 

Die Lehrlinge wissen genau, dass sie missbräuchlich für Tätigkeiten eingesetzt werden, für die sie nicht da sind. Das ist für viele demotivierend. 

In der Folge will jede/r dritte Befragte nicht im Lehrbetrieb bleiben – fast die Hälfte davon auch nicht im Beruf. Insgesamt ist die Zustimmung zum Verbleib im erlernten Lehrberuf mit 76 Prozent höher als zum Verbleib im Betrieb (68 Prozent). 

Mehr als ein Drittel (36 Prozent) fühlt sich nicht ausreichend vorbereitet, um als Fachkraft in einem anderen Betrieb als dem Lehrbetrieb zu arbeiten. Überdurchschnittlich stark haben Lehrlinge dieses Gefühl in den Berufen Koch/Köchin, ElektrotechnikerIn, FriseurIn, Gastronomiefachfrau/mann und MalerIn/BeschichtungstechnikerIn. 

Bemerkenswert ist auch der Rückgang der Bereitschaft, sich noch einmal für dieselbe Ausbildung zu entscheiden. Hier ein Überblick über ausgewählte Berufe.

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Corona-Kurzarbeit brachte Ausbildungs-Lücken

Bekannterweise vereinbarten Arbeiterkammer und Gewerkschaftsbund in der Corona-Krise mit der Wirtschaftskammer die Möglichkeit für Betriebe, Kurzarbeit zu beantragen statt Beschäftigte zu kündigen. Möglich war auch, Lehrlinge in die Kurzarbeit mitzunehmen. Betroffen waren davon laut Lehrlingsmonitor eine/r von fünf Lehrlingen, Genau: 19 Prozent. 

Zuerst die gute Nachricht: Die stabil bleibende Anzahl der Lehrlinge mit Lehrstelle im Jahr 2020 zeigt, dass diese Maßnahme erfolgreich darin war, bestehende Lehrstellen zu sichern. 

Aber: In der Kurzarbeit sollten die Lehrlinge mindestens zur Hälfte der Ausfallszeit vollständig ausgebildet werden. Das gab es aber nicht einmal für die Hälfte aller betroffenen Lehrlinge.

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In Wien richteten das Arbeitsmarktservice und der Wiener ArbeitnehmerInnen Fonds WAFF mit Unterstützung der Arbeiterkammer und der Wirtschaftskammer für Lehrlinge im Hotel- und Gastgewerbe einen überbetrieblichen Ausbildungsverbund ein, um die Lehrausbildung in der Kurzarbeit zu sichern. So funktioniert intelligentes Problemlösen. So etwas soll es für alle Lehrlinge geben. 

Die Probleme der Lehrlinge in der Corona-Krise spiegeln sich auch in Ergebnissen anderer Befragungen wider, zum Beispiel in einer Sonderauswertung der Sora-Jugendstudie Generation Corona und in einer Blitzbefragung Wiener Lehrlinge im Juli 2020. Letztere stellte fest, dass Lehrlingen in den Phasen von Homeschooling oder Kurzarbeit sowohl der direkte Austausch mit Berufsschul-LehrerInnen als auch mit FreundInnen beim Lernen gefehlt hat. Das bestätigt sich auch in der Sora-Sonderauswertung, wonach neun von zehn Lehrlingen ohne ihre FreundInnen nicht glücklich sein könnten. 

Die im Lehrlingsmonitor festgestellten Lücken in der Ausbildung durch Corona-Kurzarbeit hängen mit diesem Mangel an essenziellen Austauschmöglichkeiten zusammen. In der Folge sind Lehrlinge im Schnitt auch pessimistischer betreffend die Zukunft als Nicht-Lehrlinge.

Digitalisierung durchdringt Ausbildung noch nicht überall

Essenziell für die Fachkräfte von morgen ist eine gute Ausbildung im Umgang mit digitalen Geräten und Anwendungen. Nur so sind die Lehrlinge für die Herausforderungen von morgen vorbereitet. Die Digitalisierung bringt große Umbrüche in der Produktions- und der Kommunikationsweise mit sich, die offensichtlich noch nicht überall in der Lehrausbildung angekommen sind.

Es wäre Aufgabe der Betriebe, ihre Lehrlinge entsprechend auszubilden. Aber die Antworten der Lehrlinge zum Thema IT-Infrastruktur und digitale Medien in der/für die Lehrausbildung zeigen: Viele Betriebe setzen sich nicht mit Digitalisierung insgesamt und damit mit Änderungen in der Produktion und der Ausbildung auseinander, weil sie auch nicht in die IT-Infrastruktur investieren. Die Digitalisierung ist jedenfalls noch nicht flächendeckend in allen Lehrbetrieben gleichermaßen angekommen.

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Ausbildung und Überstunden passen nicht zusammen

Wo der Ausbildungsaspekt der Lehre im Vordergrund steht, sollten Überstunden (wenn überhaupt) nur die Ausnahme darstellen. Hinzu kommt, dass Überstunden für Lehrlinge unter 18 Jahren in Österreich verboten sind. Ebenso sind die Lehrbetriebe zu Aufzeichnungen über die geleisteten Arbeitsstunden verpflichtet. Das gilt auch für die Leistung von Lehrlingen. 

Tatsächlich müssen Lehrlinge oft länger arbeiten, als gesund für sie ist. Viele müssen auch unbezahlte Arbeit leisten – die Überstunden werden nicht immer abgegolten. Davon sind unter 18-Jährige genauso stark betroffen wie über 18-Jährige, zeigt der Lehrlingsmonitor. 

  • 29 Prozent der Lehrlinge müssen Überstunden machen; wobei nicht einmal drei Viertel von ihnen die Überstunden abgegolten bekommen. Besonders häufig sind Lehrlinge in land- und forstwirtschaftlichen Betrieben, sowie im Tourismus und der Gastronomie gezwungen, Überstunden zu leisten. 

  • 25 Prozent müssen an einem oder zwei Samstagen im Monat arbeiten, 5 Prozent werden an Samstagen und Sonntagen eingesetzt. 

  • Bei 31 Prozent gibt es keine Arbeitszeitaufzeichnungen. 

Derart unfaire Behandlung wirkt demotivierend – auch das ist ein Grund, warum zu viele Jugendliche weder im Lehrbetrieb noch im Lehrberuf bleiben wollen. 

Das Programm für mehr Qualität in der Ausbildung

Wer Fachkräfte will, muss Fachkräfte ausbilden. Gut vorbereitet auf die Lehrabschlussprüfung, gut vorbereitet auf ein Berufsleben als Fachkraft ist, wer als Lehrling umfassend praxisnah ausgebildet wurde. 

Weil ein Teil der Unternehmen säumig ist, fordern AK, ÖGJ und ÖGB: 

  • Kompetenzcheck zur Mitte der Ausbildung mit Feedback an Lehrlinge und Lehrbetriebe
  • Einrichtung von Kompetenzzentren in Ergänzung der Ausbildungsverbünde
  • Reform der AusbildnerInnenausbildung 

  • Verpflichtende Kompetenzchecks zur Mitte der Lehrzeit, um den Ausbildungsstand festzustellen. Damit kann der Inhalt der Lehrabschlussprüfung besser aufgeteilt werden, und allfällige Ausbildungsdefizite können noch innerhalb der Lehrzeit nachgeholt werden. Am Ende der Lehrzeit mit der Lehrabschlussprüfung die erreichten Ausbildungsziele zu überprüfen, ist zu spät. 

  • Facharbeitsfonds: Die ÖGJ fordert seit langem die Einführung des so genannten Facharbeitsfonds (Fachkräftemilliarde). In diesen Fonds zahlen jene Betriebe ein, die nicht ausbilden, obwohl sie könnten. Auf der anderen Seite werden mit den Mitteln aus diesem Fonds Betriebe unterstützt, die sich der Lehrausbildung annehmen. Ein ähnliches Konzept gibt es in der Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie seit Jahren. 

  • Gut qualifizierte AusbildnerInnen: Das geht nur mit verpflichtenden Weiterbildungen sowohl fachlich als auch pädagogisch. Und die AusbildnerInnen – in vielen Betrieben sind das MitarbeiterInnen, die vor allem andere Aufgaben haben und Ausbildung „nebenbei“ erledigen – müssen ausreichend Zeit für die Ausbildung und Unterstützung der Lehrlinge haben. 

  • Einführung von Kompetenzzentren: Schaffung von Kompetenzzentren, in denen Lehrlinge zusätzlich zur Ausbildung im Betrieb und in der Berufsschule in spezifischen Berufsbildpositionen ausgebildet werden. In den Kompetenzzentren erhalten die Lehrlinge eine standardisierte Ausbildung auf dem neuesten Stand der Technik. Unterschiede in der technischen Ausstattung und im Know-How bei einzelnen Betrieben können so ausgeglichen werden. 

  • Verstärkte Investitionen in die Berufsschulstandorte: Modernisierungs- und Digitalisierungsoffensive an den Berufsschulen (Digitalisierungs-Check für Berufsschulen und Internate sowie Lehrpersonal und AusbildnerInnen, Vermittlung digitaler Kompetenzen – auch englische Sprache, passende technische Ausstattung und auch bauliche Maßnahmen). 

  • Faire und angemessene Entlohnung: Die ÖGJ fordert einen FacharbeiterInnen-Mindestlohn von 1.700 Euro brutto sowie Mindestlehrlingseinkommen in Höhe von 850 Euro in allen Kollektivverträgen.

Daten zur Umfrage

Die Auswertung berücksichtigt die Angaben von 4.088 Lehrlingen im letzten Lehrjahr und von 1.944 Lehrlingen in der Anfangsphase, die in Lehrbetrieben in allen österreichischen Bundesländern ausgebildet wurden. Die Befragung erfolgte zwischen November 2020 und Mai 2021; Durchführung: öibf – Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung.

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