Arbeitssuchende beim Vorstellungsgespräch © Nichizhenova Elena , stock.adobe.com
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17.11.2021

Ausgeliefert bei der Arbeitssuche

Wir alle kennen diese Berichte: UnternehmerInnen suchen händeringend nach Personal. Aber warum finden sie keines? Nur selten wird thematisiert, wie Bewerbungsprozesse wirklich ablaufen. Im Sommer 2021 haben wir unsere Mitglieder nach den schlimmsten Bewerbungserlebnissen gefragt – just als die Wirtschaft wieder einmal über einen Arbeits- und Fachkräftemangel klagte. Die Rückmeldungen waren haarsträubend. Lesen Sie hier, welche Frechheiten Menschen auf Jobsuche erleben. 

Frauen berichten von Diskriminierungserfahrungen

Frauen können es vielen Arbeitgebern nicht recht machen – das belegen nicht nur verschiedene Studien, sondern leider auch unsere Umfrage. Was sie bei Bewerbungen zu hören bekommen?

  • Sie seien zu jung und hätten Familienplanung und Elternkarenz noch vor sich.
  • Sie hätten bereits Kinder und könnten wegen Betreuungspflichten keine zuverlässigen und engagierten Mitarbeiterinnen sein.
  • Sie seien zu alt und deshalb nicht mehr motiviert genug.

Das geht so weit, dass Bewerberinnen nach einer momentanen Schwangerschaft gefragt werden. Oder nach ihren Absichten, Kinder zu bekommen. Oder ins Gesicht gesagt bekommen, im „gebärfähigen Alter“ könne man sie nicht einstellen. Frauen über 30 werden darauf hingewiesen, dass „ihre biologische Uhr tickt“. Arbeitsrechtlich ist das zwar nicht ok, Betroffene können dagegen vorgehen. Doch die hartnäckigen Vorurteile machen Frauen trotzdem die Jobsuche schwer. 

Von „jungen Mädeln“ und tickenden Uhren

Eine gut ausgebildete 31-jährige Frau erzählt: 
„Bei einem Arbeitgeber hat man mich offen mehrfach nach meinen Kinderplänen gefragt. Es wurde auch mehrfach darüber diskutiert, denn ich sei ja in einem kritischen Alter! Gleichzeitig wurde ich von dem Chef mehrfach als ‚junges Mädel‘ betitelt, ebenso wurde auch das Gehalt eines ‚jungen Mädels‘ festgelegt.“ 

Eine andere Bewerberin berichtet:
„Dass man als Frau mit Anfang 30 nach Kindern gefragt wird, ist ja keine Seltenheit. Aber bei mir ging der Personalchef so weit, dass er meinte: Na ja, mit 31 tickt ja die Uhr schon, da sollte ich schon mal über Kinder nachdenken. Auf was ich denn warten möchte?“

Männer bevorzugt

Nicht nur das Kinderthema bringt die Diskriminierung von Frauen am Arbeitsmarkt mit sich –Bewerberinnen wird auch direkt mitgeteilt, dass die Arbeitgeber lieber einen Mann einstellen wollen. 

„Fehlende Gehirnwindung“
Eine Frau auf Arbeitssuche schilderte: „Ich, weiblich, bewarb mich als EDV-Technikerin. Der Chef meinte zu mir: ‚Eine Frau kann niemals etwas mit EDV machen, da Frauen dafür eine Gehirnwindung zu wenig haben.‘“

Häufig wurde auch berichtet, dass auch heute noch männlichen Bewerbern bessere Konditionen angeboten werden – und sie trotz fehlender Qualifikationen bei der Stellenbesetzung bevorzugt werden.

Was sich Arbeitgeber alles erlauben

Abgesehen davon, dass Pünktlichkeit sowie ein Mindestmaß an respektvollen Umgangsformen auch seitens der Arbeitgeber keine Selbstverständlichkeiten sind, berichten arbeitssuchende Menschen in unserer Umfrage über krasses Fehlverhalten von Arbeitgebern, das teilweise sogar verwaltungsstrafrechtlich relevant ist.

  • Vorstellungsgespräch ohne Arbeitgeber: Manche Bewerber:innen nehmen lange Anreisen zum Vorstellungsgespräch auf sich, nur um dann keine für das Bewerbungsgespräch zuständige Person anzutreffen. Wenn sie dann wieder gehen, folgt eine Beschwerde durch das Unternehmen beim AMS und eine Sperre des Arbeitslosengeldes.

  • Gehalt, die große Unbekannte: Anderen wird auch auf mehrmaliges Ansuchen keine Auskunft über das Gehalt gegeben.

  • Gratisarbeit kostet nix: Mehrfaches und wochenlanges Probearbeiten an verschiedenen Positionen wird nicht bezahlt. Ein Mann auf Arbeitssuche berichtet, dass er aufgefordert wurde, eine Test-Website zu entwickeln, um seine Kompetenzen zu beweisen. Als die Website zufriedenstellend war, forderte der Arbeitgeber ihn auf, noch eine für einen Kunden des Unternehmens zu entwickeln – unbezahlt.

  • Bezahlung unter Qualifikation: Einem Bewerber in der Gastronomie wurde sein geringes Gehalt – trotz Stelle als Chef de Rang – damit erklärt, dass im Service ja sowieso genug Trinkgeld gemacht werden könne.

Arbeiten von 8 bis 23 Uhr

Ein Vater dreier Kinder, der sich als Tellerwäscher in einem Gastronomiebetrieb beworben hat, erzählt von folgenden Arbeitsbedingungen: „Bei meinem letzten Bewerbungsgespräch hat man mir gesagt, dass ich von 8 Uhr bis 23 Uhr arbeiten muss und dass ich zwischenzeitlich, wenn nicht viel zu tun ist, nach Hause geschickt werde. Wenn viel los sei, können Dienste sogar bis nach Mitternacht gehen. Als ich den Job abgelehnt habe, wurde mir vom AMS mein Arbeitslosengeld gesperrt.“ 

Kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld
Eine weitere arbeitssuchende Person schildert: „Bei einem Bewerbungsgespräch wurde mir gesagt, dass ich kein 13. und 14. Gehalt bekommen würde und auch keine Zuschläge für Arbeit am Wochenende und an Feiertagen. Außerdem wird erwartet, dass ich auch außerhalb meiner regulären Arbeitszeit diverse Botentätigkeiten erledige.“ 

Weichselverkauf statt Psychologie-Praktikum
Eine junge Arbeitnehmerin erzählt: Meine skurrilste Erfahrung war, als meine Aufnahme als unbezahlte Psychologie-Praktikantin daran geknüpft war, dass ich die private Weichselernte des Psychologen gewinnbringend verkaufen sollte!“ 

Pflegeurlaub? Gibt’s nicht! 
Kein Blatt vor den Mund nahm sich ein Arzt, bei dem sich eine Frau als Ordinationshilfe vorstellte: „Ich zahl Ihnen 100 Euro mehr im Monat, aber es gibt keinen Krankenstand – außer Sie kriechen schon auf allen Vieren – und auch keinen Pflegeurlaub, da müssen Sie schauen, was Sie mit Ihren Kindern machen.“

AMS-Sperre, auch bei horrenden Arbeitsbedingungen
Dass diese Menschen Jobs unter solchen Bedingungen nicht angenommen haben, ist ihnen nicht vorzuwerfen. Trotzdem führt das Ablehnen dieser Arbeitsplätze zu AMS-Sanktionen, etwa zu einer Sperre des Arbeitslosengeldes. Darüber hinaus bestimmen Wirtschaft und Arbeitgeber den Diskurs, die Arbeitslosen seien nicht arbeitswillig genug. Druck auf Arbeitslose soll dazu führen, dass Arbeitslose jeden Job – unabhängig von den Bedingungen – annehmen müssen und somit genug billige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.

Mehr können, aber weniger bekommen

Dass Arbeitgeber nicht bereit sind, ArbeitnehmerInnen mit entsprechenden Kompetenzen angemessen zu entlohnen, kommt immer wieder vor.

Eierlegende Wollmilchsau zu kleinem Geld

Eine Frau auf Arbeitssuche berichtet: „Gesucht wurde eine Vertriebsmitarbeiterin für 10 Wochenstunden (Versand von Naturkosmetik). Es stellte sich heraus, dass man auch für das gesamte Bestellwesen und die Abwicklung von Kundenbestellungen via Telefon – das man auch mit nach Hause nehmen hätte sollen, um Bestellungen entgegenzunehmen – verantwortlich gewesen wäre. Darüber hinaus für die Bestellung der Grundstoffe für die Produktion und des Verpackungsmaterials.

Dazu wären Assistenztätigkeiten bei der Produktion gekommen, d. h. die fachgerechte Vorbereitung der Zutaten, danach sterilisieren und desinfizieren. Weiters sollte mensch noch Grafiker:in und Texter:in sein, um den Newsletter und die Homepage aktuell zu halten. Rechnungswesen, Buchhaltungsvorbereitung und Akquise natürlich auch noch, zusätzlich zum ‚Grundjob‘ des Verpackens und Versendens der Kundenbestellungen. Also mehrere Jobs in einem bei 10 Wochenstunden und 850 Euro brutto. Und ich weiß nicht mal, ob man ordnungsgemäß angemeldet gewesen wäre.“

Eine andere Arbeitnehmerin, die sich um eine Stelle im Verkauf beworben hat, berichtet, dass ihr während des Vorstellungsgesprächs versichert wurde, keine eigene Filiale leiten zu müssen. Bereits nach einer Woche – und ohne richtige Einschulung – wurde sie dann aber bei gleichem Gehalt dazu gedrängt, die Filialleitung zu übernehmen.

Eine Grafikerin schilderte ihre Erfahrungen im Bewerbungsprozess:

„Zahlen wollten Sie nicht“
„Gesucht war ein klassischer Grafiker, mit der Bereitschaft zur Überbezahlung. Der Arbeitgeber war aber – weil es ja nur ‚Druck-Basis-Arbeiten‘ seien – nur bereit, das Mindestgrundgehalt der Verwendungsgruppe (VG) 3 als Einstiegsgehalt zu zahlen, obwohl Grafiker in die VG 4 fallen und ich sechs Jahre Berufserfahrung hatte.

Ich meinte, dass ich dann aber keine Illustration, Animation, Videoschnitt oder Web-Sachen mache, weil ich ja nicht dafür bezahlt werde. Der Arbeitgeber meinte daraufhin: ‚Nein, also, doch. Das würden wir schon wollen, wir würden Sie ja gerade deshalb gerne einstellen, weil Sie so breit gefächert sind und so lange Erfahrung damit haben!‘ – Aber zahlen wollen sie dafür nicht.“

Was ist zu tun?

Selbstverständlich muss sein, dass Unternehmen faire Arbeitsbedingungen und eine gerechte Bezahlung gewährleisten. Im Falle von Diskriminierung und arbeitsrechtlichen Verstößen durch Unternehmen müssen ArbeitnehmerInnen und arbeitssuchende Menschen Rechtsberatung und Rechtsvertretung erhalten. Darüber hinaus gibt es politische Möglichkeiten, Diskriminierung zu reduzieren.  

  • Förderung von Väterkarenzen
  • Unternehmen müssen in die Pflicht genommen werden, gerechte Arbeits(zeit)teilung zwischen Eltern aktiv anzuregen
  • Verpflichtende Maßnahmen gegen Diskriminierung
  • Aufklärung auf individueller Ebene über rechtliche Möglichkeiten
  • Gerechtere Arbeitslosenversicherung 
Tipp & Dank!
Den Artikel in voller Länge findet Sie auf unserem A&W Blog – samt Studien und Genaueres zu unseren Vorschlägen und Forderungen für eine gerechtere Arbeitswelt. Wir danken allen Mitgliedern, die uns ihre Erfahrungen geschildert haben und wünschen ihnen, dass sie inzwischen eine gute Arbeit gefunden haben! 

Redaktion: Michaela Neumann, Simon Theurl; Mitarbeit: Gabriele Pflug

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