Junger Mann hilft älterem Herren aus dem Bett © Kzenon, stock.adobe.com
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20.10.2021

Psychische Gesundheit im Gesund­heits­wesen und der Lang­zeit­pflege

Die österreichischen Arbeitnehmer:innen im Gesundheitswesen und der Langzeitpflege erleben durch die Corona-Pandemie eine deutliche Beeinträchtigung ihrer psychischen Gesundheit. Die laufend anwachsenden beruflichen Belastungen sind eine wesentliche Ursache dafür. In der Folge denken immer mehr Berufsangehörige an einen Berufswechsel. Damit verschärft sich die ohnehin bereits bestehende Personalnot im Gesundheitswesen und der Langzeitpflege. 

Das belegen auch die Ergebnisse der Umfrage „Ich glaub‘, ich krieg‘ die Krise“, die von Vertreter:innen der „Offensive Gesundheit“ im Rahmen einer Pressekonferenz präsentiert wurden:


Umfrage „Ich glaub‘, ich krieg‘ die Krise“

Internationale Studien berichten von einer sehr hohen Gefährdung der psychischen Gesundheit bei Angehörigen der Gesundheits- und Sozialbetreuungsberufe. Die Mitglieder der „Offensive Gesundheit“ sind diesem Thema für Österreich mit einer großen Online-Befragung über den Sommer 2021 nachgegangen.

In etwa 7.000 Personen aus allen Berufsgruppen und aus ganz Österreich haben sich an der Befragung „Ich glaub‘, ich krieg‘ die Krise“ beteiligt. Nun liegen die Ergebnisse zu den Rahmenbedingungen, wie Arbeitszeit, Urlaubssituation sowie zu Depression und Angst und weiteren Kriterien, vor.

Das Fass der Belastungen läuft über

Zentral ist das deutliche Ansteigen der ohnehin bereits hohen Arbeitsbelastung durch ständige, kaum planbare Mehrarbeit. Mehr als sechs von zehn Befragten arbeiten regelmäßig mehr, als in ihrem Arbeitsvertrag vereinbart ist.

Damit ist der Anteil jener, die ständig mehr als vereinbart arbeiten gegenüber 2018 um rund 9% angestiegen. Und nicht nur der Anteil der regelmäßigen Mehrarbeiter:innen ist gestiegen, auch das Ausmaß der Mehrarbeit ufert aus.

Beeinträchtigungen der Psyche und im Alltag

Das überlaufende Fass der Belastungen führt zu einer Reihe psychischer Beeinträchtigungen. Mehr als drei Viertel (78,7%) der Befragten zeigen zumindest eine „geringe“ Symptombelastung im Bereich Depression. Für fast die Hälfte (48,4%) trifft dies auch für Angst zu.

Bei vielen Befragten haben sich entsprechende Beeinträchtigungen eingestellt, die sich negativ im privaten und beruflichen Alltag auswirken. Die drei häufigsten Kategorien sind Schlafprobleme (54,4%), Vergesslichkeit (48,6%) und Konzentrationsprobleme (47,1%). Diese Belastungsfolgen sind nicht nur für die Betroffenen im privaten und beruflichen Alltag schwierig. Sie sind auch für die Sicherheit von kranken und pflegebedürftigen Menschen relevant, weil sie das Risiko für Fehler und Fehlleistungen erhöhen.

Einige Beeinträchtigungen betreffen eine kleinere Anzahl von Personen, sollten aber trotzdem ausreichend Aufmerksamkeit bekommen. Denn in etwa ein Viertel der Befragten (24,9%) leidet unter „wiederkehrenden Träumen oder Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse“. Das sind deutliche Hinweise auf mögliche Traumatisierungen. Ob dies wirklich der Fall ist, müsste von entsprechenden Fachpersonen abgeklärt werden. Dies ist in der Praxis derzeit aber nicht vorgesehen.

Die hohen Belastungs- und Beeinträchtigungswerte decken sich weitgehend mit Befunden aus anderen Ländern. Die angespannte Arbeitssituation wurde durch die Corona-Pandemie noch verstärkt. Die erhobenen Symptomatiken geben Hinweise auf mögliche schwerwiegende Krankheitsfolgen für die Betroffenen, wie Depression, Traumatisierung oder Burn-out.

Im Bereich der Depressionssymptome berichteten fast drei Viertel (71,7%) von mangelnder Energie und schneller Ermüdung. Mehr als zwei Drittel (67,7%) weisen eine niedergeschlagene, gedrückte Stimmung auf und mehr als die Hälfte der Befragten (56,8%) hat keine Freude mehr an Dingen, die sie normalerweise gerne tun. Ein Viertel (26,7%) ist zudem noch von Gefühlen der Wertlosigkeit und mangelndem Selbstvertrauen betroffen.

Angstsymptome sind etwas geringer ausgeprägt, aber dennoch auf einem hohen Niveau. Jeweils knapp die Hälfte (jeweils 47,1%) der Befragten gab Angst vor Angstattacken oder die Vermeidung angstmachender Situationen an. Kommt es dennoch zu starken Angstsituationen, leidet mehr als ein Drittel (35,1%) unter angstbedingten körperlichen Beschwerden. Und fast ein Viertel (23,7%) muss mit unerklärlichen Angstattacken in harmlos erscheinenden Situationen leben.

Vorzeitiger Berufsausstieg

Wenn die Belastungen überhandnehmen und die Beeinträchtigungen das Leben erschweren, denken viele Arbeitnehmer:innen im Gesundheitswesen und der Langzeitpflege an einen möglichen Berufswechsel. Und dieser Anteil nimmt stetig zu.

Im Jahr 2018 sagte mehr als ein Viertel der Befragten aus den Gesundheits- und Sozialbetreuungsberufen (25,5%), dass sie mindestens einmal im Monat an einen Berufswechsel (=Berufsausstieg) denken. 2021 liegt dieser Anteil bereits 42,4%. Zwei von fünf erwägen häufig einen Berufswechsel. Das entspricht einem Anstieg von ungefähr 17%.

Forderungen der Offensive Gesundheit

Wollen wir die Arbeitnehmer:innen im Gesundheitswesen und der Langzeitpflege produktiv und gesund in der Berufsausübung halten, brauchen wir deutlich bessere Arbeitsbedingungen und sofortige Entlastungsmaßnahmen.

Das bedeutet: 

  • Bearbeitung der Belastungsfolgen, etwa durch psychologische und psychosoziale Begleitung bis hin zur Behandlung von Traumatisierungen. Diese Aufgabe scheint vielen zuständigen Entscheidungsträger:innen in Politik und in den Geschäftsleitungen noch nicht ausreichend bewusst zu sein. 
  • Vermehrte Unterstützung junger Kolleg:innen am Arbeitsplatz sowie bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 
  • Verbesserte Berechnungsregeln für Personaleinsatz, die klar festlegen, wer und welche Arbeitsstunden in Personalschlüssel eingerechnet werden dürfen und wer beziehungsweise welche Stunden nicht. 
  • Stabile Dienstpläne für planbare Arbeits- und Freizeit anstatt laufendes Einspringen für durch Weiterbildungen oder Krankheit ausgefallene Kolleg:innen. 
  • Einschränkungen für geteilte Dienste in der mobilen Betreuung und Pflege.
  • Keine Nachtdienste allein pro Zuständigkeitsbereich. 
  • Mehr Zeit für die Menschen mit Betreuungs- und Pflegebedarf. 
  • Leichterer Zugang in die Schwerarbeitspension, da die Belastungen in diesen Berufen enorm zugenommen haben.

Österreich braucht eine große Anzahl zusätzlicher Menschen in den Gesundheitsberufen bis zum Jahr 2030 – je nach Berechnung in der Pflege 100.000 und in den sieben MTD-Berufen bis zu 30.000 Berufsangehörige. Und in vielen anderen Berufen kennen wir die Bedarfsdimensionen noch gar nicht.

Attraktive Aus-, Fort- und Weiterbildungen sind eine Notwendigkeit. Deshalb braucht es: 

  • Kostenfreie Ausbildungen und bezahlte Praktika 
  • Echte Existenzsicherung während des zweiten Bildungswegs (zum Beispiel erhöhter Bildungsbonus oder Qualifizierungsgeld). 
  • Aufnahme der höheren berufsbildenden Schulen für Gesundheitsberufe ins Regelschulwesen 
  • Verkürzte Ausbildungen für Assistenzberufe an den Fachhochschulen


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