7.9.2016

Schule: Eltern müssen zahlen

Bis zu 1.300 Euro pro Jahr und Kind – so viel müssen die Eltern im Öster­reich- Durchschnitt zum Schulbesuch zuschießen.

Sie zahlen für zusätzlich von der Schule verlangte Schulbücher, für Kopien oder den Spind, sollen den Kindern ab einem bestimmten Alter einen Laptop oder ein Tablet kaufen und Sportwochen oder Sprachwochen finanzieren. Das ergibt die große Schulkostenerhebung der Arbeiterkammer, für die 1.294 Mütter oder Väter mit insgesamt 2.123 Kindern in Wien, Niederösterreich, dem Burgenland, in Salzburg und in Tirol ein Jahr lang Monat für Monat ihre Schulausgaben aufgezeichnet haben.

Forderung

Die AK fordert, dass die öffentliche Schule tatsächlich öffentlich fin­anz­iert wird und die Eltern von Zusatzkosten entlastet werden. Vor allem sollen die Schulen nach einem Chancen-Index finanziert werden, der den Familienhintergrund der SchülerInnen be­rück­sicht­igt. AK Präsident Rudi Kaske: „Der Erfolg der Kinder darf nicht vom Geldbörsel der Eltern abhängen. Je mehr sie zahlen müssen, desto weniger können Kinder von Wenigverdienerinnen und Wenig­ver­dien­ern mithalten.“

Bestätigt wird das durch die Detailergebnisse der Erhebung: Die Belastung der Familien ist umso stärker, je „höher“ die Schule ist. Im Durchschnitt der fünf an der Erhebung beteiligten Bundesländer betragen die Gesamtausgaben der Familien in der Volksschule noch durchschnittlich 522 Euro pro Jahr und Kind, in der Oberstufe der Gymnasien bereits rund 1.300 Euro. „Das ist eine zu­sätz­liche Hürde für Kinder von Wenigverdienerinnen und Wenigverdienern auf dem Weg zur Matura“, so AK Präsident Kaske.

Damit die Schule billiger wird, verlangt die Arbeiterkammer ein Schul­kost­en­monitoring, durch das die Ausgaben der Eltern systematisch beleuchtet und gesenkt werden können. Die Schulbeihilfen gehören längst wieder erhöht, der Besuch von Ganztagsschulen soll für die Familien kostenlos sein. Mit einer Schul­finanzierung nach dem Chancen-Index sollen unterschiedliche familiäre Voraussetzungen der Schulkinder ausgeglichen werden.

1.300 Euro extra für die Schule

Extra-Ausgaben der Familien für an sich kostenlose öffentliche Schulen: Dass das gang und gäbe ist, ist keine Neuigkeit. Schon länger klagen Eltern über monatliche Kostenbeiträge fürs Klopapier, für als besonders pädagogisch wert­voll angesehene Unterrichtsmaterialien oder für den Anfang der 2000-er Jahre eingeführten Selbstbehalt für die Schülerfreifahrt. Die Arbeiterkammern in Wien, Niederösterreich, dem Burgenland, in Salzburg und in Tirol wollten es genau wissen und haben Eltern mit Kindern in allen Schultypen und Schul­stuf­en gebeten, von Juli 2015 bis Ende Juni 2016 ihre Extra-Ausgaben für die Schule Monat für Monat aufzuzeichnen. AK Präsident Rudi Kaske: „Danke für die Mitarbeit.“

In allen fünf Bundesländern konnten die Arbeiterkammern die Auf­zeich­nung­en von 1.294 Familien mit insgesamt 2.123 Schulkindern auswerten. In Wien waren es 292 Familien mit insgesamt 434 Schulkindern. Die erhobenen Schul­aus­gab­en betragen im Schnitt der fünf Bundesländer bis zu 1.300 Euro. Genau: 1.299 Euro pro Kind und Jahr in der Oberstufe der Gymnasien.

Dabei unterscheiden sich die Ausgaben zwischen den einzelnen Schultypen stark. Nach der Volksschule steigen sie von Schultyp zu Schultyp.

Bild teilenSchule: Eltern müssen zahlen © AK, Wien

Der Hauptgrund für den Unterschied zwischen den Bundesländern und Wien ist, dass in Wien mehr Kinder bezahlte Nachhilfe bekommen und die Nach­hilfe­kosten in der Bundeshauptstadt bekannterweise höher sind.

Wofür die Wiener Eltern zahlen - vom Spital bis zum Computer

Wie die Familien im Detail belastet sind, zeigen wir anhand der Er­heb­ungs­er­geb­nisse in Wien. Der Bogen der Extra-Ausgaben für die Schule spannt sich vom Spind in der Schule über extra hohe Ausgaben für den Skikurs, die Sport­woche oder die Sprachreise bis hin zum Tablet oder Laptop in der Oberstufe – wobei bei manchen Ausgaben unverständlich bleibt, warum die Eltern zahlen sollen.

Der Spind und andere Ärgernisse

Rund ein Sechstel (17 Prozent) der durchschnittlichen Schulausgaben der Wiener Eltern sind in der AK-Erhebung unter den Rubriken „sonstige Beiträge und Selbstbehalte“ und unter der Rubrik „Sonstiges“ zusammengefasst. Da­hint­er verbirgt sich etwa der Aufreger der letzten zwei Wochen vor Schul­an­fang: die Miete für Spinde, die von privaten Anbietern in der Schule betrieben werden.

Aber die Eltern berichten von weiteren belastenden Ausgaben. Neben Miete für Schulspinde zahlen die Eltern die Kopien von Unterrichtsmaterialien, das Material für den Werkunterricht, Beiträge zur Klassenkassa oder zu einem „Stift­er­fest“ in der Schule. Inbegriffen ist auch der Selbstbehalt für die Schüler­frei­fahrt oder Milchgeld.

Das Bildungsministerium hat in einem Erlass klargestellt: In Österreich ist die Schulgeldfreiheit gesetzlich festgeschrieben, die Schulen müssen die er­ford­er­liche Einrichtung und Ausstattung wie eben Spinde unentgeltlich bereitstellen. Nach Auffassung der Arbeiterkammer muss der Wildwuchs der „sonstigen“ Kosten insgesamt überprüft werden. AK Präsident Rudi Kaske: „Sonst wird die öffentliche Schule immer stärker durch finanzielle Belastung der Eltern Richt­ung Privatschule gedrängt – nicht zuletzt ist das für Wenigverdienerinnen und Wenigverdiener ein Problem.“

Der höchste Einzelposten: Skikurs, Sportwoche, Sprachreise

Die Kinder und Jugendlichen haben Spaß, die Eltern blechen. Wenn der Schul­be­trieb für eine „mehrtägige Schulveranstaltung“ wie Skikurs, Sportwoche oder Sprachreise unterbrochen wird, drückt das vor allem aufs Familienbudget. Außer in der Volksschule sind die mehrtägigen Schulveranstaltungen der größte einzelne Ausgabenposten in allen Schultypen in Wien. Im Durchschnitt zahlen die Wiener Eltern dafür pro Kind und Jahr zwischen 293 Euro (Gym­na­si­um-Unterstufe) und 478 Euro (Gymnasium-Oberstufe).

Die hohen Ausgaben für mehrtägige Schulveranstaltungen führen zur Be­nach­teil­ig­ung der Kinder von WenigverdienerInnen. Laut AK-Erhebung sitzt rech­ner­isch mindestens ein Kind in einer Klasse (3,3 Prozent), das nicht mitfahren kann, weil es sich die Eltern nicht leisten können. Noch schlimmer: Jedes zehnte Kind (8,9 Prozent) von WenigverdienerInnen mit einem Netto-Haus­halts­ein­kommen unter 2.000 Euro muss daheim bleiben, wenn andere über Pisten carven, Tennis spielen oder ihr Englisch an der britischen Südküste üben.

Noch mehr Ausgaben: Ganztägige Schule, Hort, privater Sprachurlaub

In der AK-Erhebung wurden bestimmte Ausgaben der Familien nicht in den Durchschnitt für alle eingerechnet. Wer sein Kind besonders betreut und ge­förd­ert haben will, hat besonders hohe Ausgaben – für ganztägige Betreuung oder private Sprachurlaube. Das wurde in einem eigenen Fragebogen zu­sätz­lich zum Monatsjournal erhoben.

Bild teilenSchule: Eltern müssen zahlen © AK, Wien

Damit wird die Ganztagsschule vor allem für MittelverdienerInnen wenig at­traktiv, manchmal sogar zur Belastung. WenigverdienerInnen profitieren in diesem Punkt immerhin von der sozialen Staffelung der Schulbeiträge zu den ganztägigen Schulen in Wien.

Aufstieg durch Bildung kann am Geld scheitern

Wenn die Schulausgaben fürs Kind immer höher werden, je „höher“ eine Schule ist, dann ist das eine große Hürde beim Aufstieg. Laut AK-Erhebung kann in Wien rechnerisch ein Kind pro Klasse (3,6 Prozent) nicht in eine spe­zi­elle Schule aufsteigen, weil sich das die Eltern nicht leisten können. Unter den Kindern von WenigverdienerInnen (Nettohaushaltseinkommen unter 2.000 Euro) sind es in Wien zwei pro Klasse.

Neben eventuell nötigen Ausgaben für Nachhilfe und für mehrtägige Schul­ver­an­stalt­ung­en werden die Familien in der Oberstufe vor allem durch Aus­stat­tung der Kinder mit Computer, Laptop, Tablet oder Taschenrechner belastet. Die EDV-Ausgaben für die Schule betragen in Wien pro Kind und Jahr im Schnitt der berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (HAK, HTL, Fach­schule etc.) 194 Euro (15 Prozent der durchschnittlichen Gesamtausgaben im Schultyp) und im Schnitt der Oberstufen der Gymnasien 151 Euro (11 Prozent der durchschnittlichen Gesamtausgaben).

Wobei diese Ausgaben höher sind, wenn das Gerät gerade gekauft wurde. Die durchschnittlichen Ausgaben für schulbezogene EDV-Ausgaben betragen 714 Euro, wenn nur die Familien in die Wertung kommen, die vor nicht allzu langer Zeit die Grundausstattung besorgt haben.

Starke Belastung der Familien

Bei den hohen Extra-Ausgaben der Familien für die Schule versteht sich von selbst, dass sich die Eltern finanziell belastet fühlen – und logischerweise em­pfinden sie diese Belastung umso stärker, je niedriger das Familienbudget ist.

Bild teilenSchule: Eltern müssen zahlen © AK, Wien

Das Entlastungsprogramm der AK für die Familien

„Gegen die schleichende Privatisierung der Schulkosten muss dringend etwas getan werden“, sagt AK Präsident Rudi Kaske. „Es kann nicht sein, dass der Er­folg der Kinder in der Schule vom Börsel der Eltern abhängt.“ Es gehe schließ­lich darum, „dass jedes Kind eine echte Chance bekommt.“

Forderung

  • mehr Kostenbewusstsein an den Schulen: Mittels Monitoring der Schulkosten soll die Entwicklung der Extra-Ausgaben der Eltern überprüft werden, Kostenexzesse sind abzustellen. Die Eltern sollen bei Auswahl und Gestaltung der Schulveranstaltungen stärker eingebunden werden. Verstärkt sollen kostenlose lizenz­freie Lernunterlagen verwendet werden. Für Laptops und Tablets ist ein sozial verträgliches Finanzierungsmodell nötig.

  • Schulbeihilfen erhöhen: Seit der letzten Anpassung 2007 hinkt die Höhe der Beihilfen in der Oberstufe bereits 20 Prozent hinter der Inflation her. Überdies sollen die Schulbeihilfen bereits ab der neunten Schulstufe gewährt werden (derzeit erst ab der zehnten Schulstufe).

  • Ganztagsschulen müssen kostenlos sein: Den Eltern sollen in der Zeit der Anwesenheitspflicht (für normal 8:00 bis 16:00 Uhr) keine Betreuungskosten mehr verrechnet werden. Damit wird die pädagogisch sinnvolle, verschränkte Ganztagsschule (Unterricht, Üben, Sport, Freizeit über den ganzen Tag verteilt) zur Chance für alle Kinder.

  • Chancen-Index in der Schulfinanzierung: Ein Schulstandort soll umso mehr Budget zur Förderung der Kinder bekommen, je „nied­riger“ der Bildungshintergrund der Eltern der SchülerInnen ist.

Daten zur Erhebung: 1.294 Mütter oder Väter mit insgesamt 2.123 Schul­kind­ern in Wien, Niederösterreich, dem Burgenland, in Salzburg und in Tirol zeich­net­en von Juli 2015 bis Ende Juni 2016 ihre Schulausgaben auf; Wien: 292 Familien mit insgesamt 434 Schulkindern; zusätzlich Fragebogen zur Erhebung weiterer Kosten.