Best Practice Beispiel "VAE Eisenbahnsysteme"

Sicherheit und Gesundheitsschutz – Eine lästige Verpflichtung oder ein grundlegendes Element betriebswirtschaftlichen Erfolges? Ziel dieser Artikelserie ist, Aspekte und Überlegungen in dieser Frage zusammen zu fassen. Grundlage sind zwölf Jahre Bereichsleitung in einem Unternehmen mit ca. 550 MitarbeiterInnen im Stammwerk in Zeltweg, die Abwicklung von Health, Safety & Environment-Assessments für über 80 Areale/Standorte im Zuge von Akquisitionsprüfungen und Flächenerweiterungen sowie die internationale Koordination von 38 Produktionsstandorten der VAE-Gruppe auf sechs Kontinenten.

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Der ökonomische Aspekt

Industrieunternehmen stellen den wirtschaftlichen Aspekt eines Themas in den Vordergrund, wenngleich es im Zusammenhang mit Sicherheit, Gesundheit und Umwelt besonders um Themen mit sozialer Verantwortung und psychologische Aspekte geht.

  • Je geringer die Unfallrate, desto geringer die Kosten, die durch Ausfallzeiten entstehen. Man denke nicht nur an Lohn- und Lohnnebenkosten, Stillstandskosten von Maschinen bzw. Produktionsausfallskosten, sondern auch an die Begleitkosten, die auch kleine Unfälle v. a. am ersten Tag mit sich bringen: Der Meister muss Ersatz organisieren und Folgeeffekte in der Fertigung bewältigen, der/die ErsthelferIn haben Ausfallszeiten wie die Begleitperson(en) zum Werkssanitätsdienst oder ins Krankenhaus usw.
  • Der VAE Eisenbahnsysteme GmbH ist es gelungen, durch die Reduktion der Unfallrate (Leitindex, welcher sich auf Unfälle mit mehr als 3 Tagen Ausfallszeit bei ArbeiterInnen bezieht) von 18 (1996) auf 6 (2006) ca. 400.000 Euro an Aufwenden zu vermeiden – diese Summe geht direkt ins EBIT…
  • Von besonderer Relevanz in der heutigen Zeit ist in jedem Unternehmen die Spitzenlast. Nur wer in kurzer Zeit liefern kann, nimmt die Chancen und Entwicklungen des Marktes wahr. Unfälle wirken sich negativ auf Spitzenleistungen aus. Der Ausfall von Stammpersonal, für die Spitzenlast aufgenommenen Leihpersonals und der aus Unfällen auch längerfristig resultierende Maschinenstillstand (Behörden-erhebungen, zu setzende Korrekturmaßnahmen und auch nötige Reparaturen als Folge eines Unfalles, wobei die beschädigten Teile oftmals nicht im Verschleißteil/ Ersatzteilmanagement geführt werden und auf sich warten lassen…) sind Hemmfaktoren, die entscheidend am Verfehlen von Terminen beteiligt sein können.

    Das Resultat sind mögliche Pönal-Zahlungen und Unzufriedenheit beim Kunden (ein Pönale oder Preisnachlass sind nicht immer das Allheilmittel). Nicht zuletzt ist die sich hinsichtlich Vorlaufzeiten und Erwartungshaltungen geänderte Auftragsstruktur relevant, sodass ein Unternehmen bei Verfehlung von Spitzenleistung auch die Grundauslastung durch diesen Kunden verliert, der nach Alternativen sucht.
  • Wie bereits erwähnt, ist der unfallbedingte Ausfall von LeiharbeiterInnen ein frustrierendes Ereignis: Da diese MitarbeiterInnen nicht so erfahrenen sind, erleiden sie eher einen Unfall. Wenig erfreulich, dass nach erfolgter Einarbeitung/Einschulung diese bereits nach wenigen Tagen erneut anfällt. Anstelle der Leihkraft muss nun meist ein/e Stamm-MitarbeiterIn mit Überstunden oder gestrichenem Urlaub einspringen. Diesem Fehlen die wertvollen Erholungszeiten und derartiger Raubbau bleibt nicht ohne Folgen.
  • Leider ist bei vielen Unternehmen und in den Köpfen vieler Manager nach wie vor der Posten "Unfallausfallzeiten" in den Budgets enthalten und wird zu wenig hinterfragt. Wieso diskutiert man um ein Werkzeug von 50 Euro und nimmt zigtausende Euro an Ausfallzeiten kampflos hin?
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Die Sicht des Kunden

Nun versetzen wir uns in die Lage der Kunden (der wir selbst als Unternehmen in der Lieferkette sind):
Viele führende Unternehmen haben die Verbindung von Qualität und Sicherheit erkannt und gehen diesem Aspekt bei ihren Lieferanten und Partnern nach.

  • Wie kann man der Qualität eines Produktes vertrauen, wenn der/die HerstellerIn bzw. seine MitarbeiterInnen es oft nicht gesund zu Hause ankommen?
  • Das zu erwartende Risiko einer Lieferverzögerung ist bei hohen Unfallzahlen und fehlendem diesbezüglichem Management höher.

Diese Aspekte werden im Rahmen von Präqualifikationen, Ausschreibungen und Kundenaudits auf internationalem Niveau immer intensiver durchleuchtet! Dass die Sauberkeit eines Werkes mit der Sicherheit und Qualität zusammenhängt, ist seit Jahrzehnten ein beachtetes Kriterium – hier geht es um den logischen nächsten Schritt.

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Die soziale Verantwortung

Dass Unfallverhütung, Gesundheitsschutz und Umweltschutz zum Bild eines Unternehmens mit "corporate social responsibility" gehören, ist wohl unbestritten.

Nebst all den bereits genannten und noch zu nennenden Gründen pro Sicherheit ist die gefühlte Verpflichtung eines jeden Unternehmens bzw. seiner verantwortlichen Akteure in dieser Hinsicht gegenüber

  • seinen MitarbeiterInnen und
  • deren Familien

    eine wichtige moralische Triebfeder!

Image und Öffentlichkeit

Die Unternehmen sprechen oft davon, im Wettbewerb "um die besten Köpfe und Hände" zu sein.

  • Unfälle - insbesondere bei Häufung - bleiben von den Medien nicht unbeachtet. Insbesondere die Vielfalt der regionalen Medien (Print, Kabel-TV etc.) verdichtet die diesbezügliche Berichterstattung.
  • Dass derartige Ereignisse den Imagewert eines Unternehmens senken, ist zu erwarten. Dass sich die "hellsten Köpfe" folglich auch ihre Gedanken machen werden, in welchem Unternehmen sie arbeiten, darf nicht verwundern.
  • Mein persönliches Aha-Erlebnis hatte ich, als ein die Fachlehre anstrebender, als begabt geltender, junger Mann in der Nachbarschaft sehr schlicht darstellte, dass er nicht zum Unternehmen A in die Lehre geht, weil es ihm dort zu gefährlich erscheint sondern deswegen das Unternehmen B vorzieht.
  • Eltern senden ihren Nachwuchs nur ungern in ein unfallgeneigtes Unternehmen
  • Der Motivation können derartige Hintergedanken auch nicht dienlich sein.
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Eigeninteresse des Managements

Für die Verantwortlichen eines Unternehmens stellt sich die Frage der Haftungen und damit verbundener persönlicher Risiken. Bei aktiver Auseinandersetzung mit den Themen Sicherheit und Umwelt und angestrebter legal compliance wird dieses Risiko freilich höher eingeschätzt als bei passiver Behandlung.

  • Zwar ist Österreich, was die Voraussetzung und Höhe von Verwaltungsstrafen, Schadenersätzen (Zivilrecht – auch dank der Absicherung und des Haftungsprivileges aus der Unfallversicherung) und auch strafrechtlicher Konsequenzen betrifft, im internationalen Vergleich moderat (und vernünftig, denn wir müssen nicht allen US-Recht geprägten Exzessen nacheifern), jedoch ausreichend, um eine Motivation zur Unfallvermeidung herzustellen!
  • Nebst den eigentlichen Konsequenzen gerichtlicher Urteile von Geldstrafe bis bedingter oder gar unbedingter Haftstrafe, sei in diesem Zusammenhang aber auch auf die psychologische und resultierend physische Belastung der Angeklagten hinzuweisen. Einfach ist ein sich über Jahre erstreckender Prozess im Lichte der Öffentlichkeit nicht wegzustecken. Erst recht nicht, wenn sich tatsächlich das schlechte Gewissen meldet, eine (Mit)Schuld zu tragen und man in der Heimat plötzlich mit ganz anderen Augen gesehen und kommentiert wird!
  • Wie mir ein englischer Finanz-Manager auf meine Frage, wieso er so viel Zeit unserem Projekt, „meinem“ Bereich HSE widmet, antwortete: „I like my Jaguar more than jail“ (ich habe beides nicht versucht, es erscheint mir aber plausibel).
  • Alleine das daran Denken sollte ausreichen, im eigenen Interesse (Fahr)Lässigkeit durch Sorgfalt zu ersetzen!
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Investitionskosten und integrierte Planung

Im mitteleuropäischen Raum haben bei Anlagen im Maschinenbau ca. 20 - 30 % der Investitionssumme mit Umwelt und Sicherheit zu tun (teils ist das weniger bewusst wie beim Einbau von Fluchtwegen, teils sehr explizit wie bei isolierbaren Elementen im Sinne von End-of-pipe Maßnahmen wie Filteranlagen). Streuungen dieses Wertes sind abhängig von der Investition möglich.

Oft wird im Zuge nachträglicher Genehmigungsverfahren oder Anlagenkontrollen der Behörden festgestellt, dass Investitionen infolge fehlender Einbeziehung von Umwelt, Gesundheit und Sicherheit im Nachhinein umgebaut werden müssen. Dies sind im ‚Return of invest’ meist nicht kalkulierte Kosten, die sich aus Umbaukosten, Kosten aus verzögerter Inbetriebnahme bzw. dabei unvermeidbarem Anlagenstillstand und internem Aufwand zur Bewältigung dieser Misslichkeiten ergeben.

Es könnte infolge einer unausgereiften Investition auch ein Unfall passieren. Die Einbeziehung von Sicherheit, Gesundheit und Umwelt vom ersten Planungsschritt an im Sinne einer integrierten Planung mag aufwendig klingen, ist aber in der Endabrechnung die billigste und zuverlässigste Methode.

Keine relevanten Umbaukosten

Seit der vor bald 10 Jahren erfolgten Implementierung dieser Methode sind bei der VAE Eisenbahnsysteme keine relevanten Umbaukosten mehr angefallen. Bei einer Fräsanlage im Wert knapp über 1 Mio. Euro sind die vermiedenen Umbaukosten durch Begleitung von VAEE mit Unterstützung des TÜV Austria bei Konstruktion und Fertigung der Anlage beim rumänischen Hersteller ca. 200.000 Euro. Die in CE noch nicht erfahrenen KollegInnen hätten die falsche Steuerungskategorie ausgewählt und Außenteile so gestaltet, dass man sie aufwendigen mit Lichtschranken, Schaltleisten etc. absichern hätte müssen).

Die interne oder externe Betreuung der Planung kostet meist weniger als eine Abnahme im Nachhinein und einen Unfall kann man vielleicht noch vermeiden.

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Arbeitnehmerschutz - quo vadis?

Die Erfolge in der Unfallstatistik in den 90-iger Jahren (sowohl auf Ebene der AUVA Zahlen als auch im eigenen Unternehmen) sind stark auf die technischen Leistungen und die diesen zugrunde liegenden Anforderungen zurückzuführen (CE/Herstellervorschriften, Evaluierung).

Die vorreitenden Unternehmen haben zumeist die technischen Potenziale betreffend Unfallvermeidung und auch Gesundheitsschutz ausgereizt und fokussieren sich auf den "Faktor Mensch", denn die meisten Unfall/ Ereignisanalysen ergeben, dass nicht rein technische Ursachen sondern Fehlverhalten durch Stress oder Überforderung vorliegt, der fatale Auswirkungen haben kann. Nicht nur Ralf Schumacher musste jedes Mal 300 km lang konzentriert bleiben, um gesund und erfolgreich von seinem Arbeitsplatz heimzukommen; das gilt für jeden Job. Leider ist darin aber nicht jeder Weltmeister…

Faktor Mensch

Wichtig seitens der Gesetzgebung erscheint jedenfalls, dass in dieser Situation kein Wert auf überbordende weitere technische Maßnahmen gelegt wird, welche bei Steigerung in den letzten Prozentpunkten bekanntlich große Summen mit wenig Wirkung verschlingen, sondern jene Schritte in Richtung "Faktor Mensch" unterstützt werden, die zur tatsächlichen Unfallvermeidung führen können.

Diese Elemente lassen sich aber nicht pauschalieren oder verordnen, sie müssen vielmehr von jedem Unternehmen selbst erarbeitet werden! Hierzu bedarf es aber betrieblicher Kapazitäten (Zeit und damit verbundenes Geld, aber auch Kreativität und Energie der MitarbeiterInnen), welche nicht durch technische Vorgaben oder aufwendige Dokumentationen (Datenfriedhöfe) vereinnahmt werden dürfen.

Ausbildung der MitarbeiterInnen

Die Zukunft sollte – aufbauend auf solider sicherheitstechnischer Basis - v.a. in der Ausbildung und Sensibilisierung der MitarbeiterInnen liegen. Erstellung entsprechender Schulungsunterlagen (unter Einbeziehung moderner Medien wie Erstellung von Unterweisungsfilmen), oftmalige und hochwertige Kommunikation und nicht zuletzt auch die Kontrolle der Einhaltung (u.a. auch durch Kurzaudits auf Basis möglichst großer Auditorenzahl) sind Themen, die Erfolg versprechend klingen.

Investitionen haben abseits der Kosten das Angenehme nach meist spätestens ein bis zwei Jahren umgesetzt zu sein. Verhaltensänderungen bei den MitarbeiterInnen und das Etablieren einer entsprechenden Sicherheits-Kultur ist aber eine Maßnahme die einen Zeitfaktor von fünf bis zehn Jahren bestreicht.

Diese Kulturänderung beinhaltet eine Abkehr von der Bedienermentalität des/der durchschnittlichen ArbeitnehmerIn hin zur Eigenverantwortung:
  • Sicherheit wird mir nicht beschert – ich selbst bin dafür verantwortlich!
  • Sicher ist nur, wer selbst sicher handelt.
  • Ein verändertes Verständnis der Kollegialität im Sinne eines Ansprechens und nicht Wegsehens bei beobachteter unsicherer Handlungweise wird gefordert.

Konsequenz und Ausdauer bei diesen organisatorischen Maßnahmen werden den Erfolg in der künftigen Entwicklung der Unfallstatistik maßgeblich bestimmen.

Nebst dem Sprung von der Technik in den Kopf werden uns aber auch neue Themen beschäftigen:
  • Die Elemente Psychologie und Stress sind noch nicht wirklich erschlossen.
  • Die längere Einsatzdauer (Pension mit 65 und nicht wie bislang typisch 55) muss ebenso erst durchdrungen werden.
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