Bildungsvolksbegehren ist Chance auf Gerechtigkeit für Arbeitnehmerkinder
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Chance auf Gerechtigkeit für Arbeiternehmerkinder
„Für mich als Präsident der Arbeiterkammer sind die anstehenden Bildungsreformen in Österreich in erster Linie eine Frage der Gerechtigkeit“, sagt AK Präsident Herbert Tumpel auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit IV-Präsident Veit Sorger zum Thema Bildungsvolksbegehren. Die Arbeiterkammer fordert eine einheitliche Mittelstufe, umfassende Ganztagsbetreuung und mehr individuelle Förderung für die Kinder in der Schule, damit letztlich mehr junge Leute ein Studium beginnen können. „Ich habe bereits für die Einleitung des Bildungsvolksbegehrens unterschrieben, um die laufenden Bildungsreformen in Österreich zu unterstützen und damit wir schneller zum Ziel kommen“, sagt Tumpel.
- Je weniger Eltern verdienen, desto häufiger sind ihre Kinder in der Hauptschule – gleich ein Drittel der HauptschülerInnen hat laut Schulnoten „AHS-Reife“.
- Selbst mehr als die Hälfte der niedrig qualifizierten Eltern möchte, dass ihre Kinder mindestens die Matura machen.
- Bildungsinvestionen sind für die gesamte Gesellschaft profitabel. Die Bevölkerungswissenschaft hat längst nachgewisen, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Bildung der Menschen und dem Ausmaß des Wohlstands, der Gesundheit und der Demokratie in einem Land gibt.
Kinder gut fördern - unabhängig von ihrer Herkunft
„Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer machen sich Sorgen um die Bildungschancen ihrer Kinder, ich will, dass alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft gleich gut gefördert werden“, sagt Tumpel.
Wichtig sind ihm dafür vor allem folgende Ziele des Bildungsvolksbegehrens:
- das Recht auf ein ganztägiges Betreuungsangebot durch ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen in guter Qualität
- die spätere Aufteilung der Kinder auf verschiedene Bildungswege durch eine gemeinsame Schule bis zum Ende der Pflichtschulzeit
- mehr Geld für den Ausbau der Universitäten und Fachhochschulen – und bessere Möglichkeiten zum Nachholen von Bildungsabschlüssen.
Das Können soll zählen – nicht die Brieftasche
Selbst die besten Schulnoten bringen Zehnjährige nicht automatisch ins Gymnasium“, verweist AK Präsident Herbert Tumpel auf aktuelle Studienergebnisse. Beispielsweise zeigt eine Studie des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung über Bildungswegentscheidungen:
Ein Drittel (genau 33 Prozent) der HauptschülerInnen hat „AHS-Reife“, also in Deutsch, Lesen und Mathematik keine schlechtere Note als Gut. Der Hintergrund dazu: Je weniger die Eltern verdienen, desto eher wechseln ihre Kinder nach der vierten Klasse Volksschule nicht ins Gymnasium, sondern in die Hauptschule.
Ein Beispiel:
Kinder von WenigverdienerInnen mit einem Haushaltseinkommen unter 1.500 Euro im Monat: Ihr Anteil an den SchülerInnen beträgt in der ersten Klasse Gymnasium 22 Prozent, in der ersten Klasse Hauptschule aber 36 Prozent – nach 25 Prozent in der vierten Klasse Volksschule.
Verschleuderte Begabungen
„Dass Kinder trotz Berechtigung nicht ins Gymnasium gehen können, ist eine Verschleuderung von Begabungen“, sagt Tumpel. „Mein Ziel ist, dass nur noch das Können und die Neigungen unserer Kinder über ihren Bildungsweg entscheiden und nicht auch die Brieftasche der Eltern.“ Vor allem gelte: „Egal, was die Eltern selber in der Schule konnten – die überwiegende Mehrheit will, dass ihre Kinder beste Bildung bekommen.“
Eltern wollen beste Bildung für ihre Kinder
„Heute sind beste Bildung und Ausbildung das Wichtigste, das sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für ihre Kinder wünschen“, so Tumpel. Auch das wird durch die Studie über Bildungswegentscheidungen untermauert. Selbst mehr als die Hälfte der niedrig qualifizierten Eltern möchte, dass ihre Kinder mindestens die Matura machen.
Welchen Bildungsabschluss Eltern für ihre Kinder wünschen
Mutter/Vater nach eigenem höchstem Abschluss; Angaben in in ProzentÖsterreich weit entfernt von Elternwünschen
„Es ist bekannt, dass die Bildungswirklichkeit in Österreich leider noch weit entfernt ist von den Wünschen der Familien“, kommentiert Tumpel das Studienergebnis. „Ich als Interessenvertreter der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unterstütze die Eltern, damit ihr Wunsch Wirklichkeit wird. Schließlich gibt es auch einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Bildung der Menschen und dem Ausmaß des Wohlstands, der Gesundheit und der Demokratie in einem Land.“
Bildung nutzt Menschen, Staat und Gesellschaft
„Bildung bringt mehr Wohlstand, Bildung macht uns gesünder, Bildung bringt mehr Demokratie“, zitiert Tumpel den Bevölkerungswissenschafter Wolfgang Lutz vom Wittgenstein-Zentrum für Demographie und globales Humankapital. Lutz' Forschungsergebnisse sind eindeutig:
- Bildung fördert das Wachstum, erläutert Lutz am Beispiel des „asiatischen Tigers“ Südkorea. Dort wurde stark in das Bildungswesen investiert, insbesondere achteten die südkoreanischen Regierungen darauf, dass der Anteil der Jugendlichen im weiterführenden Bildungssystem steigt. Das Ergebnis ist bekannt: Beim internationalen Schulvergleich PISA ist das südkoreanische Bildungssystem regelmäßig unter den besten der Welt. Und nicht von ungefähr gelten die Kleincomputer des südkoreanischen Konzerns Samsung als die schärfste Konkurrenz für das iPad der US-amerikanischen Firma Apple.
- Bildung macht gesund: Je höher der Bildungsabschluss eines Menschen ist, desto gesünder fühlt er sich und desto weniger ist er durch Krankheit beeinträch-tigt, verweist Lutz auf die Gesundheitsbefragung 2006/07 der Statistik Austria.
- Bildung ist eine wichtige Voraussetzung für eine lebendige Demokratie: Je mehr Menschen in einem Land länger im Bildunssystem sind, desto mehr politische Rechte gibt es dort, zeigt der Vergleich von durchschnittlicher Bildungsdauer und Demokratie-Index für das jeweilige Land. Hervorragend schneiden in Lutz' Untersuchung Länder wie Deutschland, Norwegen, Dänemark, Österreich, die Schweiz, die USA, Neuseeland oder Australien ab.
Wissen und Können sind Rohstoffe für Beschäftigung
„Warum das so ist, ist für mich klar“, sagt Tumpel. „In der modernen Arbeits- und Wirtschaftswelt sind vor allem das Wissen und das Können der Beschäftigten die Rohstoffe, aus denen Beschäftigung und Wachstum gemacht werden. Und wer will, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihr Know-how im Betrieb einbringen, muss ihnen auch Möglichkeiten zur Mitbestimmung in der Firma, im Staat und in der Gesellschaft bieten. Sonst funktioniert das nicht.“
Bildungsvolksbegehren kann Reformtempo erhöhen
„Jeder einzelne der genannten Punkte ist für mich allein schon ein Grund, um alle Bemühungen für mehr Tempo in der Bildungsreform zu unterstützen“, sagt Tumpel. „Deshalb habe ich bereits für die Einleitung des Bildungsvolksbegehrens unterschrieben und fordere alle AK Mitglieder auf, jetzt ebenfalls zu unterschreiben.“
Das Volksbegehren enthält viele Positionen für eine Bildungsreform, für die sich auch die Arbeiterkammer einsetzt, vom Kindergarten als erster pädagogischer Einrichtung über Schule und Hochschule bis hin zur Erwachsenenbildung.
- nach einer Schule, die die Kinder nicht schon mit zehn Jahren trennt – wird die Entscheidung über den späteren Bildungsweg nicht schon am Ende der Volksschule getroffen, wird es für alle Familien leichter, sich mit ihren Kindern nach der Pflichtschule auf den jeweils besten weiterführenden Abschluss zu orientieren;
- mit Förderung statt Sitzenbleiben, am besten in ganztägigen Schulen – werden sowohl gute wie auch nicht so gute SchülerInnen entsprechend ihrem aktuellen Bildungsstand zum Lernen ermutigt statt entmutigt, haben alle bessere Chancen.
- Wichtig ist auch die Forderung nach ausreichender Finanzierung der Hochschulen und der Erwachsenenbildung – ein Studium darf nicht an den Kosten für den Lebensunterhalt scheitern, das prinzipiell bereits zwischen Bund und Ländern vereinbarte kostenfreie Nachholen von Abschlüssen soll in der Praxis rasch umgesetzt werden.
Weitgehende Vorschläge für ein zukunftsfähiges Bildungssystem haben AK und Gewerkschaftsbund gemeinsam mit den anderen Sozialpartnern und der Industriellenvereinigung formuliert. Sie sind mit den zuständigen Ministerien Anfang 2011 in einen Dialog getreten, der jetzt regelmäßig fortgesetzt wird.
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